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Osnabrück Andreas Hotz: Der neue Generalmusikdirektor?

Von Ralf Döring | 07.09.2011, 18:37 Uhr

Das Spielzeit-Programm des Theaters weist für die ersten beiden Sinfoniekonzerte als Dirigent den oder die „Bewerber/in um die Position des GMD“ aus. Das erste Konzert leitet nun Andreas Hotz. Einen zweiten Kandidaten gibt es nicht.

Die Ansagen von Andreas Hotz klingen kurz und präzise. In wenigen Worten erklärt er dem Oboisten, wie er den Auftakt gestalten soll, wie er sich den Choral vorstellt,wie es den Streichern gelingt, nicht einfach nur zu spielen, sondern mit ihrem Einsatz in eine andere Welt zu entführen. „Hier nicht so schwerfällig“, sagt er, und wenig später diskutiert er mit Konzertmeister Michal Majersky die Art der Bogenstriche. Alle paar Takte unterbricht Hotz diese ruhige Stelle im Finalsatz der „Eroica“, und doch kommt er erstaunlich rasch vorwärts. Zehn Minuten vor dem regulären Probenende bedankt sich Hotz beim Orchester für die konzentrierte Probe.

Orchester wie Dirigent wissen, um was es Sonntag und Montag geht: um Beethovens dritte Sinfonie Es-Dur, einen Eckpfeiler des Orchesterrepertoires. Ums erste Sinfoniekonzert nach der Sommerpause. Um die Stelle des Generalmusikdirektors, kurz GMD.

Das erhöht die Brisanz dieser Begegnung. In gewisser Weise hat sich die Findungskommission ja bereits festgelegt: auf den einen Bewerber Hotz. Erhält er den Zuschlag nicht, wird die Stelle neu ausgeschrieben. Der junge Dirigent hatte vor der Sommerpause so nachhaltig überzeugt, dass man darauf verzichtet hat, einen zweiten Bewerber für den Posten einzuladen. Vorschusslorbeeren sind das in jedem Fall, auch wenn sich niemand in der Kommission oder im Orchester dadurch unter Druck gesetzt fühlt. Hotz auch nicht.

„Ich fühle mich sehr geschätzt am Haus“, sagt der Dirigent zu seiner derzeitigen Stelle, „ich habe keine Probleme damit, in Mainz noch ein paar Jahre zu machen.“ Der Zufall will es, dass Hotz am Staatstheater Mainz die Stelle des ersten Kapellmeisters innehat, an jenem Haus, an dem Hermann Bäumer am 17. September mit „Tristan und Isolde“ seinen Einstand als neuer Mainzer GMD gibt. Das ist kurios, hat aber keine Bedeutung: Hotz spürt „keinen Druck im Nacken“. Obwohl: Das geräumige GMD-Büro im dritten Stock des Theaters gefällt ihm schon. Ein Flügel, ein schlichter Besprechungs- und ein Schreibtisch verteilen sich locker in diesem Raum, und von der Fensterfront hat man einen schönen Blick über die Dächer der Innenstadt. Das gibt auch Bäumer nur ungern auf.

Ob Hotz nun seinem neuen Chef folgt und das Großraumbüro beziehen kann, entscheidet sich nach dem Konzert. Das Orchester will erfahren, wie Hotz arbeitet, der Dirigent prüft, „ob man zusammenkommt, auch menschlich“. Gern wird die Zusammenarbeit von Dirigenten und Orchestern wie eine Ehe beschrieben: Es gibt die Liebe auf den ersten Blick und hart erarbeitete Vernunftehen, und manchmal wächst sich eine Affäre zu einem regelrechten Rosenkrieg aus, den nur noch die Scheidung befrieden kann.

Das erste Sinfoniekonzert ist nun für Hotz und das Orchester erstes Date und Ehe auf Probe in einem. Das scheint zu klappen: Nach dem gemeinsamen Dienst am Mittwochmorgen sagt Hotz, „ich fühle mich verstanden.“ Wenn er im Orchesterstudio unterbricht, weiß er genau, wie er seine Vorstellungen von Beethovens „Eroica“ vermittelt. Er drückt sich präzise aus, singt mal eine Phrase, spricht in anschaulichen Bildern, ohne die Gespanntheit des Orchesters und die Konzentration der Musiker zu zerreden: musikalische Kompetenz, gepaart mit ausgeprägter Kommunikationsfähigkeit. Da tritt auch die Tatsache in den Hintergrund, dass Hotz jünger ist als die meisten Musiker im Orchester. Dabei ist das Osnabrücker Orchester keineswegs überaltert.

Seit einigen Jahren machen junge Dirigenten Furore: Daniel Harding, Andris Nelsons, Cornelius Meister, der junge Heidelberger GMD. Hotz zählt zur gleichen Generation, und er blickt, bei aller Jugend, auf einen reichen Erfahrungsschatz zurück: Acht Jahre lang hat er sich als Korrepetitor und Kapellmeister durchs Repertoire gespielt und sich bei renommierten Spezialisten weitergebildet: Wenn er Fragen zum „Idomeneo“ hat, wendet er sich seit einem Kurs vertrauensvoll an Reinhard Goebel. Und nach einem Meisterkurs bei Pierre Boulez in Luzern spielte er mit dem Gedanken, ein Angebot der Ensemble Modern Akademie in Frankfurt anzunehmen, um sich auf zeitgenössische Musik zu spezialisieren. Letztlich aber beschritt er den Weg des klassischen Dirigenten, der sich genauso für Barock wie für die Zeitgenossen interessiert, aber „zentriert in der Romantik“ ist.

Das deckt sich mit den Vorstellungen des Orchesters. Das Ideal eines „Dirigenten, der für jede musikgeschichtliche Epoche vom Barock bis zur Moderne einen eigenen Zugang findet“, entwarf Orchestervorstand Matthias Wernecke vor der Sommerpause. Hotz hingegen stellt sich ein Orchester vor, „das Verdi anders als Wagner und Mozart anders als Beethoven spielt“, sagt Hotz, „das differenziert und zwischen den Epochen switchen kann“. Gleichzeitig will er einen Schwerpunkt finden, „etwas, das wir besser als andere können“. Was das sein kann? Natürlich bedeutet das eine Suche in den Nischen der Musikgeschichte – etwa die Symphonien von Bohuslav Foerster, die Bäumer aufgetan und mit dem Orchester auf CD aufgenommen hat. Einen potenziellen Foerster-Nachfolger hätte Hotz auch schon: Mieczyslaw Karlowicz, einen polnischen Spätromantiker, der mit 33 tödlich verunglückte – zu früh, um über die Grenzen Polens hinaus berühmt zu werden.

Doch bevor Hotz das Osnabrücker Orchester und die Zuhörer mit Karlowicz bekannt machen kann, muss er in der Probenarbeit und im Konzert überzeugen: mit Beethovens „Eroica“, dem letzten Klavierkonzert B-Dur KV595 (mit dem Solisten Martin Helmchen) und mit Franz Liszts Sinfonischer Dichtung „Mazeppa“. „Ein dankbares Programm“, sagt Hotz, „aber ein sauschweres fürs Orchester“.

Sinfoniekonzert: Sonntag, 11. September, 11 Uhr, und Montag, 12. September, 20 Uhr. Kartentel.: 0541/ 7600076. Während des Sonntags-Konzerts bietet der Musikverein eine kostenlose Kinderbetreuung an. Die Kinder sollten zwischen 10.30 und 10.45 Uhr da sein. Der Raum ist ausgeschildert.