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Offene Briefe heizen Debatte an Budget gekürzt: Künstler streiten um die Stadtgalerie Osnabrück

Von Dr. Stefan Lüddemann | 22.12.2015, 13:23 Uhr

Die Schließung der Osnabrücker Stadtgalerie steht bevor. Künstler reagieren mit Offenen Briefen. Im Urteil über die Lage sind sie sich deshalb noch lange nicht einig.

Jens Raddatz, Vorsitzender der Osnabrücker Gruppe des Bundes Bildender Künstler (BBK), bedauert in seinem Offenen Brief vom 21. Dezember 2015 die Streichung des Mietzuschusses für die Stadtgalerie in der Höhe von 20000 Euro jedenfalls nicht. Dieses Geld habe der freien Kunstszene beziwhungsweise der freien Kulturszene ohnehin nicht zur Verfügung gestanden. Über den verbleibenden Ausstellungsetat der Stadtgalerie könne nun frei verfügt werden. „Nun die einmalige Chance zu nutzen, dieses Geld anderweitig für die kulturelle Vielfalt Osnabrücks zu nutzen, erscheint als reizvoll“, heißt es in dem Text von Raddatz. Der Osnabrücker Stadtrat hatte in seiner Sitzung vom 8. Dezember 2015 den Zuschuss in Höhe von 20000 Euro für die Stadtgalerie gestrichen. Der Mietvertrag wird nun nach den Worten von Patricia Mersinger, Leiterin des Fachbereiches Kultur der Stadt, zum 31. Dezember 2015 gekündigt. Die Stadtgalerie dürfte damit, wird für die Mietkosten nicht noch eine andere Lösung gefunden, mit dem Jahresende 2016 Geschichte sein. (Hier weiterlesen: Kürzungen im Kunstbudget - darum geht es) .

Der schrille Protest

In den Offenen Briefen der „Freunde der Kunsthalle Dominikanerkirche e.V.“ vom 21. Dezember und von einer Gruppe freier Künstler, die in den Vereinen „ARTverwandt e.V.“ und „TOP.OS e.V“ organisiert sind, herrscht die Tonlage schrillen Protestes vor. Der Kürzungsbeschluss habe die Kunstszene „aus heiterem Himmel“ getroffen, heißt es in dem von der Künstlerin und Kuratorin Elisabeth Lumme publizierten Schreiben. Deutliche Kritik an dem als intransparent empfundenen Vorgehen der Ratsfraktionen gibt es auch in dem Brief, den Künstlerin und Vereinsvorsitzende Hiltrud Schäfer für die „Freunde“, den Unterstützerverein der Kunsthalle, veröffentlicht hat. Die Stadtgalerie gehört als kleinerer Ausstellungsort zur Kunsthalle Osnabrück. (Hier weiterlesen: Einstieg in den Ausstieg? Die Kürzungen im Kunstbudget - der Kommentar). 

Kein Grund für die Kürzung

Hiltrud Schäfer kritisiert vor allem, dass der Kürzungsbeschluss nicht begründet worden sei. Die Kürzung des Budgets treffe auch die neue Leitung der Kunsthalle, die „zusammen mit den Künstler/innen neue Wege der Zusammenarbeit“ auf den Weg gebracht habe. Julia Draganovic, als Direktorin der Kunsthalle auch für das Programm der Kunsthalle zuständig, hat den Kurs der Stadtgalerie jedenfalls klar verändert. In Kooperation mit Künstlerinnen und Künstlern setzt sie seit ihrem Amtsantritt darauf, den kleinen Ausstellungsort zu öffnen. So vergab sie das erste Jahresprogramm der Stadtgalerie ihrer Amtszeit an das Künstlerpaar Manila und Jakob Bartnik, das eigenständig Kunstprojekte kuratierte. (Hier weiterlesen: Rat kürzt das Budget - Künstler protestieren). 

Suche nach neuen Kooperationen

Die Kooperation suchte Julia Draganovic auch zu jenen Künstlerinnen und Künstlern, die nach Alternativen zur Stadtgalerie suchen. Dazu gehören insbesondere Eva Preckwinkel, Robert Stieve und Frank Gillich, die in den Räumen eines ehemaligen Drogeriemarktes in der Hasestraße 29/30 Ausstellungen veranstalten. In diesem Kontext ist auch Elisabeth Lumme kuratorisch aktiv. Für ihr künstlerisches Stadtvermessungsprojekt „tangency“ nutzte sie erst im September 2015 die Räume in der Hasestraße als Basisquartier. Lumme, Preckwinkel und andere führen seit Monaten ein Gespräch mit Julia Draganovic und der vormaligen Kulturdezernentin Rita Maria Rzyski, das ein klares Ziel hatte - das für die Stadtgalerie aufgewendete Geld an anderen Orten der Stadt für Kunstprojekte einzusetzen. (Hier weiterlesen: Neues Künstlerquartier? Eva Preckwinkel und Frank Gillich im Gespräch) .

Stadtgalerie ein „ungeliebtes Kind“

Darauf verweist Elisabeth Lumme auch in ihrem Offenen Brief. Die Stadtgalerie sei in der Kunstszene ein „ungeliebtes Kind“. Cafébetrieb und Kunstausstellung - das gehe nicht zusammen, fasst sie eine in Künstlerkreisen weit verbreitete Meinung zusammen. Lumme tritt für „alternative Konzepte“ zum städtischen Galeriebetrieb ein. Der Kürzungsbeschluss treffe die Kunstszene nun „aus heiterem Himmel“. Kein Wunder, dass dies so empfunden wird. Der Ratsbeschluss hat jedenfalls auch das bereits weit gediehene Gespräch über neue, vom Ort der Stadtgalerie losgelöste Formen der Kunstförderung, erst einmal gekappt. Nun bleibt mit knapp 15000 Euro nur noch der blanke Ausstellungsetat. Der Ausstellungsort scheint in jedem Fall verloren. Er müsste also in Zukunft für jedes neue Kunstprojekt erst wieder gefunden und bereitgestellt werden. Das kostet Geld, jenes Geld, das nun empfindlich knapper geworden ist. (Hier weiterlesen: Was tut Osnabrück für Künstler? Jens Raddatz im Gespräch). 

Bewerbung um freie Mittel

Jens Raddatz wiederum sieht darin kein Problem. „Die Bewerbung um Fördermittel für künstlerische Projekte ist gute und gängige Praxis. Sie schafft in der Vergabe Transparenz und wird in der lokalen freien Kulturszene schon lange praktiziert“, teilte er im Nachtrag zu seinem Offenen Brief mit. Es werde sich zeigen, ob dieser Betrag für Kunstprojekte der ehemaligen Stadtgalerie reserviert sein werde, oder „tatsächlich frei verfügbar“ sein werde. Erst einmal sei „von einem Plus von 14800 Euro für die lokale Kulturszene“ zu sprechen, schreibt Raddatz. (Hier weiterlesen: Haushaltssperre bremst die Kunst). 

Sachlage einfach umgedreht?

Ob er damit den Sachverhalt einfach umdreht? Elisabeth Lumme und Hiltrud Schäfer dürften das so sehen. Ein „Plus“ gibt es wohl nicht, da dieses Geld ohnehin schon vorhanden war. Eher zu Buche schlägt jenes dicke Minus, das die Kunstszene mit der Stadtgalerie einen Ausstellungsort kosten wird. Raddatz möchte den Ausstellungsetat der Stadtgalerie der freien Kulturszene insgesamt zugute kommen lassen. Verliert die Kunstszene Osnabrücks auch noch dieses schmale Ausstellungsbudget, wenn der genannte Betrag im Topf für freie Kulturprojekte des Fachbereiches Kultur aufgehen sollte? Die Offenen Briefe der Kunstszene offenbaren vor allem virulente Interessenkonflikte in der Kunstszene selbst. Jens Raddatz will die „Akteure“ der Kunst im Januar zu einem „Round Table“ einladen. Das Gespräch dürfte lebhaft werden.