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NOZ-Filmkritiker Was waren die Tops und Flops im Kinojahr?

30.12.2015, 18:03 Uhr

Ein ereignisreiches Kinojahr geht zu Ende. Hier blicken die NOZ-Kritiker zurück und benennen ihre Lieblinsfilme des zurückliegenden Jahres 2015 – und natürlich vergeben sie auch wieder die Zitronen für den schlechtesten Film des Jahres.

 Von Wolfgang Mundt 

 Top: „Kingsman – The Secret Service will die Welt des Kinos nicht neu erfinden – bietet aber enorm viel: Action-Agententhriller zwischen James Bond und „Mission Impossible“, ironische Komödie, gefüllt mit britischem Humor, Londoner East-End-Jugendgangs treffen auf West-End-Gentleman, wildes Herumballern trifft auf zart angedeutete Love-Story. Ein „Star-Wars-Finale im All – da haben die Autoren tief in die Kino-Historie gegriffen und sind mit vollen Händen aufgetaucht. So funktioniert extrem unterhaltsames Popcornkino auch für Cineasten.

 Flop: Ebenfalls nicht das Kino neu erfunden hat die Regisseurin Audrey Dana von „French Women – Was Frauen wirklich wollen“. Das mit bekannten Schauspielerinnen besetzte Potpourri weiblicher Sexfantasien verbleibt auf unterem Niveau. Klischees werden der Reihe nach lustlos abgehakt in der deutschen Touristen heute noch als „Ort der Liebe“ verkauften Stadt Paris. Klarer Punktsieg für London!

 Von Frank Jürgens 

 Top : „Birdman “/„Star Wars: Das Erwachen der Macht“. Den beliebten ersten Platz für den besten Film des Jahres teilen sich dieses Jahr zwei Produktionen, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Zum einen glänzt Alejandro González Iñárritus kunstvoll inszenierte und mit vier Oscars gekrönte Satire „Birdman“ um einen in Ungnade gefallenen Schauspieler (Michael Keaton), der sich nun als Produzent am Broadway versucht. Zum anderen punktet J.J. Abrams mit seiner überaus gelungenen Fortsetzung der „Star Wars“-Saga. Was beide Filme eint, ist ihre nachhaltige Wirkung als Überwältigungskino in Reinkultur.

 Flop: „Er ist wieder da“. Bäh. Wie schon die undurchdachte Buchvorlage scheitert auch die Filmversion als Versuch einer Mediensatire achtkantig am eigenen pseudokritischen Anspruch.

 Von Tobias Sunderdiek 

 Top: In „The Duke of Burgundy“ zeigt Regisseur Peter Strickland („Beberian Sound Studio“) viel mehr als die lesbische S/M-Beziehung zweier Schmetterlingsforscherinnen. Sein Film erweist sich vor allem als liebevolle Hommage an das Erotik-Kino der 70er-Jahre (etwa eines Jess Franco oder Radley Metzger), und enthält rätselhafte, ja geradezu magische Bilder und Töne (Musik von „Cat’s Eye“). Sinnlich.

 Flop: Der Titel „American Sniper“ klingt schon wie einer der Trash-Actionfilme der 80er, in denen US-Soldaten reihenweise Vietnamesen oder Kommunisten killen. In Clint Eastwoods perfider Heldenverehrung eines Scharfschützen im Irak-Krieg wird die Bush-Ära zur Bewährungsprobe von soldatischem Heldenmut verklärt. Und das strunzlangweilig. Ärgerlich.

 Von Vera Geisler 

 Top: „Taxi Teheran “. Subversiv in Reinkultur: Mit seinem Roadmovie setzt der persische Filmemacher Jafar Panahi den Bewohnern der iranischen Großstadt ein unvergleichliches filmisches Denkmal. Indem Panahi die wechselnden Fahrgäste seines Taxis zu Wort kommen lässt, richtet er den Focus auf unlösbare Probleme. Und mit Unterstützung seiner Nichte Hana geht er der bohrenden Frage nach, ob man – die iranischen Regeln für „zeigbare“ Filme befolgend – einen realitätsnahen Film machen könnte.

 Flop: Mit der schwülstig-bombastischen Weltraum-Oper „Jupiter Ascending“ erreichen die Geschwister Wachowski den Tiefpunkt ihrer Karriere. Was einst mit „Bound“ prickelnd begann und sich bei „Matrix“ fortsetzte, endet hier im verzuckerten Edelkitsch.

 Von Reinhard Westendorf 

 Top: „Victoria“ . Zu etlichen der insgesamt 218 Filmtitel, die ich im vergangenen Jahr im Kino gesehen habe, fällt mir im Rückblick erschreckend wenig ein. Das kann nicht nur an meiner zunehmenden Vergesslichkeit liegen. Absolut unvergesslich war für mich jedoch Sebastian Schippers „Victoria“ – nicht nur, weil er in einer einzigen Einstellung gedreht wurde.

 Flop: Als Kritiker musste man im Jahr 2015 durch viele belanglose Filme. Mein schlimmster Zeiträuber nervte gleich zu Beginn des Kinojahres. Das deutsche Lustspiel-Desaster „Da muss Mann durch“ (das auch Darsteller wie Wotan Wilke Möhring und Jan Josef Liefers nicht retten konnten) hatte immerhin den passenden Titel. So uninspiriert, berechenbar, lieblos und überflüssig hat sich schon lange kein deutscher Kinofilm mehr präsentiert.