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„Nicht nur Musiker, sondern Freunde“ Orchester aus Wolgograd in Osnabrück eingetroffen

Von Ralf Döring | 20.03.2015, 18:34 Uhr

Um 13.10 Uhr hält der weiße Reisebus am Domhof. Ihm entsteigen dieMusikerinnen und Musiker des Akademischen Sinfonischen Orchesters aus Wolgograd, 36 Stunden, nachdem sie in Wolgograd gestartet sind.

Christian Heinecke? Der ist mehr als ein Freund. „Christian ist unser Bruder“, sagt Viktor Nikolajewitsch Kijaschko, der Direktor der Wolgograder Philharmonie. Diesem Bruder verdanken es die Musikerinnen und Musiker aus Wolgograd, dass sie zum zweiten Mal nach Osnabrück gekommen sind, um die deutsch-russische Völkerverständigung mit den Mitteln der Musik voranzubringen. „Wir haben sehnsüchtig darauf gewartet, wieder mit den Osnabrücker Kollegen zusammenzuspielen“, sagt Elena Chervyakova. „Wir haben den ersten Besuch in guter Erinnerung, und wir wissen, dass wir hier nicht nur Musiker, sondern Freunde treffen“ sagt die Bratscherin.

Dafür hat das Orchester wieder eine anstrengende Reise auf sich genommen. Donnerstagnacht um ein Uhr ging es los – 20 Stunden mit der Bahn, dreieinhalb Stunden Flug, dazwischen: warten. In Düsseldorf holen Brüderchen Christian und die Musikbüro-Leiterin Anne-Kathrin Topp –„unser Schwesterchen“, sagt Kijaschko – die musikalische Reisegruppe ab und bringen sie mit dem Bus nach Osnabrück. Gegen halb zwei sitzen die Gäste im Orchesterstudio, das zur Kantine umgewandelt worden ist. Eine Stunde vorher hat das Osnabrücker Symphonieorchester dort noch mit dem russischen Dirigenten Alexander Polyanicko und dem Osnabrücker GMD Andreas Hotz für das gemeinsame Konzert geprobt; jetzt gibt es Fisch für die Musikerinnen und Musiker aus Wolgograd. Am Samstag wird dann gemeinsam geprobt, und zwar morgens und abends.

Die Reisestrapazen, die Proben und Konzerte: Das russische Orchester ist nicht zur Erholung hier, sondern um zu arbeiten. Immerhin bestreiten die beiden Orchester vier gemeinsame Konzerte – zwei in Osnabrück und je eines in Moskau und in Wolgograd. Das lohnt allein aus musikalischer Sicht den Aufwand, die „Leningrader Sinfonie“ von Dmitri Schostakowitsch und die Uraufführung von „Ehrfurcht (Andacht)“ des deutschen Komponisten Jens Joneleit mit zwei Orchestern einzustudieren. Aber da ist ja noch eine weitere Dimension, die das Projekt überwölbt.

Ob es die politischen Umstände schwieriger gemacht hätten, die Reise zu realisieren? Chervyakova antwortet ausweichend: „Wir unterhalten uns in einer anderen Sprache, fühlen anders als die Politik“, sagt die Bratscherin. Und Kijaschko erweist sich als Meisterdiplomat: Sowohl Wolgograd als auch Osnabrück seien im Krieg zerstört worden, beide könnten das Wort „Frieden“ auf eine ganz besondere Weise verstehen. „Und die Musik ist die Brücke der Brüderlichkeit“, sagt Kijaschko und umschifft so elegant die Klippen der Tagespolitik.

Aus markanten Gesichtszügen und stahlblauen Augen sprechen Autorität und Durchsetzungsvermögen – was er sicher braucht, um ein Orchester auf Konzerte fernab der Heimat zu schicken, egal, welcher tagespolitische Wind gerade weht. Gleichzeitig haben sich um Kijaschkos Augen tiefe Lachfalten eingegraben: Sie lassen auf jene Begeisterung schließen, ohne die sich solche Ideen niemals zum Projekt auswachsen würden. In dieser Euphorie ähnelt er seinem Bruder im Geiste Christian Heinecke, und dieser doppelten Euphorie ist es wohl auch zu verdanken, dass die Musik nachdrücklicher spricht als die Politik. Das soll auch so bleiben: „Mit den Konzerten ist unsere Freundschaft noch längst nicht zu Ende“, sagt Kijaschko.