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Neuer wissenschaftlicher Ansatz Osnabrücker Migrationsforscher kartieren Lebenswege

25.02.2015, 13:54 Uhr

ng Osnabrück. Wer zog wann wohin? Mobilität und Migration im Lebenslauf mithilfe von Geodaten sichtbar zu machen: Daran arbeiten die Historiker Dr. Christoph Rass und Sebastian Bondzio von der Universität Osnabrück. An Holocaust-Künstlern probierten sie ihre neuartige Methode aus – und bereichern damit eine Ausstellung in Berlin.

 „Der Tod hat nicht das letzte Wort“ heißt die vom Osnabrücker Kunsthistoriker Jürgen Kaumkötter kuratierte Werkschau im Paul-Löbe-Haus des Deutschen Bundestages. Sie dokumentiert die künstlerische Verarbeitung des Holocausts und zeigt Werke von Opfern sowie ihren Nachfahren und Erben. Ein Exponat kommt auch aus Osnabrück – und ist doch kein Kunstwerk: Eine Videoinstallation der beiden Osnabrücker Migrationsforscher Rass und Bondzio stellt die Lebenswege von 41 Künstlern auf einer digitalen Landkarte dar.

„Geocodierte Visualisierung von Migrations- und Mobilitätsmustern in Lebensläufen“ heißt der Ansatz, mit dem sich die beiden Historiker vom Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (Imis) seit einiger Zeit beschäftigen. „Dabei geht es darum, Informationen aus einer Vielzahl von Lebensläufen mit Orten und Zeitpunkten zu verbinden“, erklärt Projektleiter Christoph Rass. So lassen sich komplexe Bewegungsmuster innerhalb eines Lebens oder einer Gruppe darstellen und einzelne Ereignisse in größeren Zusammenhängen betrachten.

Osnabrücker Weltkriegs-App gibt Startschuss

„Mit unserer Methode können wir für Tausende Personen Muster von Mobilität und Migration und so die raum-zeitlichen Strukturen sozialer Prozesse sichtbar machen“, sagt Sebastian Bondzio und ergänzt: „Es gibt bislang nur sehr wenige Forscher, die auf diese Weise räumliche Mobilität in Lebensläufen massendatenbasiert erforschen.“

Erstmals erprobt wurde der Ansatz im vergangenen Jahr für die App „Osnabrück 1914 – 1918“. Diese Smartphone-Anwendung bietet einen digitalen Stadtrundgang durch Osnabrück zur Zeit des Ersten Weltkriegs. Kernstück ist eine Route mit zwölf Stationen, die den Nutzer das Geschehen in Osnabrück miterleben lässt und die Geschichte von 29 Osnabrückern erzählt, die in diesem Krieg als Soldaten ihr Leben verloren. Rass: „Das Projekt hat uns gezeigt, was für große Möglichkeiten in der Nutzung von geografischen Informationssystemen für die Geschichtswissenschaft und die historische Migrationsforschung stecken.“ Gemeinsam mit Bondzio habe er die Idee deshalb weiterverfolgt.

Künstlerbiografien in farbigen Linien

Heraus kam ein Beitrag zur einmonatigen Ausstellung „Der Tod hat nicht das letzte Wort“ im Bundestag, die am 27. Februar endet. „Es ging bei dem Exponat darum zu zeigen, dass keine Kunstsammlung eine Aussage über die gesamte Kunst der Schoah macht“, erklärt Rass. Ausstellungen und Sammlungen seien durch ihre Zusammenstellung immer konstruiert, würden aber oft als repräsentativ wahrgenommen. Die Videoinstallation der Osnabrücker stellt in farbigen Linien die Lebenswege von Künstlern dar, deren Bilder in den Ausstellungen „Kunst in Auschwitz“ (Sammlung des Museums Auschwitz, 2005) und „Last Portrait. Painting for Posterity“ (Sammlung Yad Vashem, 2012) gezeigt wurden.

„Uns geht es darum, die Heterogenität dieser besonderen Gruppe von Menschen aufzuzeigen, die in der Lage waren, in den Lagern oder später ihren Erfahrungen durch künstlerisches Schaffen Ausdruck zu verleihen, und den Blick auf ihr Leben über ihre Wahrnehmung als Opfer hinaus zu weiten“, sagt Projektleiter Rass. „Dabei zeigen sich die ganz unterschiedlichen Wanderungs- und Mobilitätsmuster dieser Künstlerinnen und Künstler vor dem Zweiten Weltkrieg, während der Schoah und – für die Überlebenden – nach der Katastrophe.“

Methode birgt Potenzial

Die Migrationsforscher der Universität Osnabrück überzeugt: „Unsere Methode birgt noch viel Potenzial!“ Im Moment seien sie etwa mit der Kunstsammlung der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem im Gespräch. Geplant ist, die Mobilitätsmuster von Menschen, die zu Opfern des Holocaust wurden, auf einer breiteren Datengrundlage zu erforschen. Außerdem steht eine Zusammenarbeit mit dem Niederländischen Institut für Kriegs-, Holocaust und Genozidforschung im Raum. Dabei sollen Wanderungsmuster in den Lebensläufen von sogenannten Displaced Persons nach dem Zweiten Weltkrieg untersucht werden. Dieser Sammelbegriff erfasst ausländische Zivilisten, die sich infolge des Krieges an Orten außerhalb ihrer Heimat aufhielten: vornehmlich ehemalige Zwangsarbeiter, KZ-Häftlinge oder auch Kriegsgefangene.