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Nein sagen lernen Theaterpädagogische Werkstatt über sexuelle Gewalt

Von Matthias Liedtke, Matthias Liedtke | 15.06.2016, 19:08 Uhr

Theater als Medium der Sensibilisierung und Prävention von sexueller Gewalt an Behinderten: In der Aula der Heilpädagogischen Hilfe (HHO) in Sutthausen zeigte die Theaterpädagogische Werkstatt eingeladenen Fachkräften, wie das funktionieren kann.

Ermöglicht wurde die Vorstellung des Stückes über das „Recht auf Grenzen“ mit dem Titel „Ja! und Nein! Lass das sein!“ durch eine Initiative der Osnabrücker Beratungsstelle Pro Familia, deren Leiterin Karin Schlüter zudem die Sparkasse davon überzeugte, das Projekt mit einer Finanzspritze über 500 Euro zu unterstützen. Mehr als 70 Zuschauer aus der Behindertenhilfe hatten sich angemeldet, um die Eignung des Stückes für ihre Arbeitspraxis zu prüfen – und wurden dabei schnell zu Mitspielern.

Exemplarische Situationen

Denn es gehört zum interaktiven Konzept der seit 22 Jahren in Osnabrück ansässigen und bundesweit agierenden Theaterpädagogen unter der Leitung von Tom Schneider, dass das Publikum miteinbezogen wird in die jeweilige Thematik, um sich möglicherweise selbst darin zu entdecken und zu reflektieren. Somit hatten die Pädagogen auch die Gelegenheit, sich in ihr eigenes Klientel hineinzuversetzen. Die beiden freiberuflichen Schauspieler Simone Heiser und Stefan Tillmanns stellten in wechselnden Rollen und Verkleidungen exemplarische Situationen nach, in denen behinderte Menschen sich sexueller Gewalt gegenübersehen – ausgehend entweder von fremden oder aber nahestehenden Personen einschließlich ihrer Betreuer.

Ob Annäherungsversuche oder Übergriffe im Bad, im Park, in der Werkstatt, im Auto, an der Bushaltestelle oder in der Wohngruppe: Im Anschluss an jede Szene bekamen die Zuschauer über Fragen Gelegenheit, sich in die Betroffenen hineinzufühlen und laut zu überlegen, was beide Seiten hätten besser machen können. Daraufhin wurde jede Szene dann noch einmal entsprechend anders aufgelöst wiederholt und mit entsprechendem „Happy End“ positiv variiert.

Realitätsnah und spielerisch Finanzspritze für das Präventionsprojekt: (von links) Tom Schneider (Theaterpädagogische Werkstatt), Joachim Böhmer (HHO) Karin Schlüter (Pro Familia) und Sparkassen-Mitarbeiterin Mechthild Heermeyer. Foto: Jörn Martens

So konnten sich alle Beteiligten realitätsnah, spielerisch und auch in eingängiger Liedform darüber vergewissern, wie wichtig es ist, „schlechte Nein-Gefühle“ in gefährlichen Situationen auch deutlich zu artikulieren – entweder verbal oder über Körpersprache und am besten so, dass das Gegenüber begreift, dass sein Handeln nicht in Ordnung ist. Ganz nebenbei wurde dabei auch die Definition von sexuellem Missbrauch transportiert und die Notwendigkeit, immer sicher zu sein, dass jemand weiß, wo man ist.

Auf der Grundlage der bereits etablierten Szenencollage „Mein Körper gehört mir!“ wurde das Thema der sexuellen Selbstbestimmung und Wehrhaftigkeit mit dem seit letztem Jahr gespielten und nun erstmals in Osnabrück gezeigten Stück auf die Klientel von Behinderteneinrichtungen erweitert und fokussiert.

Überrascht von der Offenheit

Von „unterschiedliche Reaktionen“ berichteten die Schauspieler im Rahmen der anschließenden Fragerunde aus ihren bisherigen Erfahrungen. „Überrascht“ seien sie allerdings von der Offenheit gewesen, mit der viele Betroffene über ihre eigenen Missbrauchserfahrungen berichtet hätten. Was sie tun können, um solche Vorfälle in Zukunft zu verhindern, zeigt das zweiteilige Präventionsstück in leicht verständlicher Sprache, auf Augenhöhe, mit hohem pädagogischem Mehrwert und ebenso eindringlich wie anschaulich.