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Nazijäger mit menschlichem MakelPackender „Eine offene Rechnung“

Von Reinhard Westendorf | 23.09.2011, 13:36 Uhr

Die NS-Vergangenheit, der Kalte Krieg, der israelische Geheimdienst und ein Spionage-Thriller lieferten die Vorlagen für diese spannende US-Produktion. Darin haben drei heldenhafte Nazijäger noch „Eine offene Rechnung“ zu begleichen – mit der eigenen Vergangenheit.

Tel Aviv 1997: Nachdem ein abgeführter Mann auf der Straße einen ehemaligen Arbeitskollegen sieht, wirft er sich urplötzlich vor einen vorbeifahrenden Lastwagen. Dieses drastische Schreckensszenario könnte aus der populären „Final Destination“-Reihe stammen. „Eine offene Rechnung“, das US-Remake des israelischen Originals „Ha-Hov“ (2007) ist jedoch kein Horror-, sondern ein handfester Polit-Thriller.

„Warum hat er das getan?“ Diese Frage stellt eine verdiente Agentin des israelischen Geheimdienstes Mossad an ihren ehemaligen Mann und Mitarbeiter. Rachel (Helen Mirren) und Stephan (Tom Wilkinson) können im Unterschied zu ihrem Ex-Kollegen David, der den Freitod wählte, noch immer mit ihrer gemeinsam verabredeten Lüge leben.

30 Jahre zuvor bildeten die drei späteren Helden gemeinsam das Team einer geheimen Mossad-Mission in Ostberlin. Dort sollten sie den in der DDR untergetauchten KZ-Arzt Dieter Vogel (Jesper Christensen) aufspüren und zwecks Verurteilung nach Israel überführen. Der ehemalige „MonsterChirurg von Birkenau“ arbeitet 1965 unbehelligt mit falscher Identität als Gynäkologe. Der jungen Rachel (in dieser Zeitebene dargestellt von Jessica Chastain) und den beiden Männern (Sam Worthington, Marton Csokas) gelingt es alsbald, den Naziverbrecher in einer gewagten Aktion zu verschleppen. Doch bei der raffiniert geplanten Überführung in den Westen kommt es zu Komplikationen, die zum Abbruch des Fluchtversuchs führen. So sind die drei idealistischen Nazijäger gezwungen, den Gefangenen in ihrer angemieteten Ostberliner Wohnung zu verwahren, bis sich ein neuer Plan – und amerikanische Hilfe – gefunden haben. Bei der tagelangen und abwechselnden Bewachung kommt es zu Strapazen und Spannungen innerhalb des Trios. Als der Massenmörder ebenso gewaltsam wie spurlos flüchten kann, konstruieren die drei Agenten eine Version der Vorfälle zu ihrem eigenen Vorteil.

Die Qualität von Politthrillern, die brisante Realitäten fiktional aufbereiten, wird traditionell meist daran gemessen, inwieweit der Spagat zwischen Engagement und Spekulation gelungen ist. John Maddens amerikanische Neuverfilmung der israelischen Vorlage – im deutschen Fernsehen lief sie unter dem Titel „Preis der Vergeltung“ – kann man unter dieser Prämisse als gut beurteilen.

Die unterschiedlichen Zeitebenen, Schauplätze und Darsteller sind geschickt disponiert. Ähnlich faszinierend und fragwürdig zugleich wie in Steven Spielbergs Olympia-Massaker-Drama „München“ wird die Arbeits- und Lebensweise von Mossad-Mitarbeitern thematisiert. Auch dank der überzeugenden schauspielerischen Leistungen von Alt- und Jungstars ist „Eine offene Rechnung“ nicht nur ein packender Polit-Thriller, sondern auch ein moralisches Psycho-Drama.

„Eine offene Rechnung“. USA 2010, R: John Madden, D: Helen Mirren, Sam Worthington, Jessica Chastain, Tom Wilkinson. 113 Min.,

ab 16 Jahren

Cinema-Arthouse, Cinestar