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Musica Viva Bell’Arte Salzburg in der Sutthauser Klosterkirche

19.09.2011, 16:10 Uhr

Normalerweise beneiden Spieler großer Musikinstrumente ihre Geigenkollegen um die Transportfähigkeit ihres höchst bequemen, kleinen Instruments. Doch dabei ist natürlich auch die Anzahl der zu transportierenden Instrumente zu berücksichtigen: Die Barockgeigerin Annegret Siedel nämlich ist mit sage und schreibe sechs Violinen in die Klosterkirche von Gut Sutthausen gereist, um dort die sogenannten „Rosenkranzsonaten“ – musikalische Meditationen über das Leben Christi und der Jungfrau Maria – von Heinrich Ignaz Franz Biber zu interpretieren.

Dieser Aufwand ist aber keineswegs billige Effekthascherei, denn Biber, der vor gut 300 Jahren als hoch angesehener Komponist und Violinvirtuose in Salzburg gestorben ist, schreibt für seine Sonaten ganz unterschiedliche Stimmungen vor. Und die können innerhalb eines Konzerts unmöglich auf einem einzigen Instrument realisiert werden. Diese besonderen Saitenstimmungen verändern das Klangfarbenspektrum der Violine und haben oft auch einen symbolischen Charakter, etwa wenn die beiden mittleren Saiten vertauscht und damit – im Sinne einer religiös aufgeladenen Metaphorik – über Kreuz geführt werden.

Mit Annegret Siedel und ihrem Ensemble Bell’Arte Salzburg haben sich erstklassige Musiker dieser besonderen Sonaten angenommen, die sie auch gerade auf CD eingespielt haben: Es gelingt ihnen in idealer Weise, den Kontrast von schlichter, anrührender Melodik und atemberaubender Virtuosität zu der meditativen Grundstimmung der Musik auszuloten. Durch den konsequenten Einsatz der unterschiedlichen Stimmungen erhält jede Sonate ihre ganz eigene Atmosphäre: Hell und strahlend klingt etwa die Vertonung von „Jesus, den du, o Jungfrau, geboren hast“, gedeckt und ernst dagegen „Jesus, der für uns Blut geschwitzt hat“ mit immer wieder überraschenden harmonischen Wendungen. Margit Schultheiß legt Klangflächen an der Truhenorgel oder sorgt für rhythmischen Drive am Cembalo. Hermann Hickethier wechselt zwischen Gambe und dem ins Kontraregister reichenden Violone und setzt gemeinsam mit Michael Freimuth an der Theorbe mal harsche Impulse, mal weiche Basslinien.

Auch den improvisatorischen Gestus der ungewöhnlichen Musik trifft das Ensemble hervorragend. Sehr modern wirkt es etwa, wenn Annegret Siedel dieselbe Tonhöhe im raschen Wechsel als leere Saite und als gegriffenen Ton auf der Nachbarsaite greift, was eine expressive Tonbebung bewirkt.

Das Publikum bedankt sich bei Bell’Arte Salzburg nicht nur mit lang anhaltendem Applaus, sondern auch mit auffällig konzentriertem Zuhören.