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Mit Mut zu neuem Alltagsrealismus Bürger erinnern sich an Nineeleven – „Wenn die Sonne noch immer so schön scheint ...“ im Emma-Theater

Von Christine Adam | 23.09.2011, 13:47 Uhr

Zu berührendem Bühnenleben erwachen Erinnerungen an den 11. September 2001 im Projekt „Wenn die Sonne immer noch so schön scheint ...“. Zu sehen nun im Osnabrücker Emma-Theater.

Viele Menschen würden ganz besondere Vorkommnisse in ihrem Leben gern öffentlich erzählen – doch nicht jeder schafft den Sprung in die Literatur. Das Theater eröffnet dafür neue Chancen. Das Staatstheater Oldenburg bringt demnächst „Lieder des Lebens“ auf die Bühne, die Menschen aus der Region komponiert haben, samt der dazu gehörenden Geschichte. Und das Theater Osnabrück hat aus Erinnerungen an den 11. September 2001 einen Theaterabend gemacht, der beim Festival „Spieltriebe“ aus der Taufe gehoben und nun in den Spielplan übernommen wurde.

„Wenn die Sonne immer noch so schön scheint ...“ heißt das gemeinsame Projekt von Regisseur Frank Abt und dem Journalisten Dirk Schneider auf der Basis von Interviews. Dieser Titel ist ganz diskret Programm: Er bezieht sich auf die TV-Eindrücke eines Osnabrücker Organisten, der die vor stahlblauem Spätsommerhimmel des 11. September in die Türme des World Trade Centers krachenden Flugzeuge als besonders diabolisch empfand. Die Schauspielerin Stephanie Schadeweg lässt bei völlig natürlich wirkender Sprechweise für seinen Interviewtext die Ergriffenheit des Musikers spüren, mit der er um Worte und möglichst präzise Erinnerung der äußeren und inneren Vorgänge an diesem Tag ringt.

Marcus Hering spricht mit der in sich gekehrten, absichtlich schnellen, leisen Stimme starker Betroffenheit, wie er sich als gerade übender Feuerwehrmann in die Situation seiner amerikanischen Kollegen im brennenden WTC hineinversetzte. Auch er sitzt auf einer Zuschauertribüne dem Publikum im Emma-Theater gegenüber – gleichsam als einer von uns im Publikum (Bühne: Annelis Vanlaere).

Ein Ehepaar führt mit seinem gemeinsamen Bericht noch einmal mitten hinein in die Schrecken eines Irrflugs über den USA und Kanada. Eine Bundeswehr-Soldatin findet an diesem Tag zu tiefem Mitgefühl, das ihr den tödlichen Ernst ihrer Mission vor Augen führt – und die Entbehrungen ihres Ehemanns daheim. Eine längst „eingedeutschte“ Muslima schließlich fühlte sich am 11. September das erste Mal wegen ihres Kopftuchs ausgegrenzt. Wie zutiefst ungerecht sie das findet, macht Ellen Céline Günthers aufrüttelnde Rede deutlich.

Wenn sich Patrick Berg und Günther als Ehepaar lange liebevoll anschauen oder zart berühren, dann kommt unspektakuläre Verbundenheit zum Ausdruck, die im zeitgenössischen Profi-Theater nur selten zu sehen ist. Frank Abt und seine Schauspieler zeigen Mut zu solchem emotionalen Alltagsrealismus. Das macht den Abend so glaubwürdig.

Doch solch dokumentarisches Theater braucht große Anlässe wie den 9.September, um nicht mit allzu Persönlichem zu langweilen. Bei allem Respekt vor künftigem Entwicklungspotential: Neben Verdichtung zu Literatur, kultivierter Sprache und schauspielerischer Verwandlungskunst können Ansätze zum „Bürgertheater“ nur eine Spielart sein, sollten nicht Mode und Mainstream werden.

Weitere Aufführungen: 25. 9., 2. und 18. 10. Karten unter Tel. 0541/7600076