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Mit 6 km/h durch die City Als Lokführer auf dem Weihnachtsmarkt in Osnabrück

Von Thomas Wübker | 07.12.2015, 08:00 Uhr

Würde Rene Genz auf einer normalen Straße fahren, würde er wohl recht bald von der Polizei angehalten werden. Ständig hupt er und bimmelt mit der Glocke, so als wäre er ein Raser.

Aber der Lokführer fährt nicht auf einer normalen Straße. Der Mann ist die Ruhe selbst. Wenn er hupt und bimmelt, macht er das mit einem freundlichen Lächeln. Er weist die Menschen in der Osnabrücker Fußgängerzone daraufhin, dass er mit seiner Bimmelbahn unterwegs ist. Das macht er freitags bis sonntags, acht Stunden lang, vom Theater bis zur Johanniskirche und wieder zurück. (Weiterlesen: Warum gibt es auf dem Osnabrücker Weihnachtsmarkt kein Bier?) 

Der 47-jährige Rene Genz kommt aus Nordhessen und ist zum ersten Mal auf dem Osnabrücker Weihnachtsmarkt im Einsatz. Seine Bahn vermietet er nicht nur für Weihnachtsmärkte. Er fährt auch auf Messen und Betriebsfeiern, für Fußball-Vereine und beim Tag der offenen Tür einer Firma oder einer Institution.

Von 12 bis 20 Uhr in der Tschu-Tschu-Bahn

In Osnabrück ist Rene Genz an den Wochenenden von 12 bis 20 Uhr in seiner Tschu-Tschu-Bahn unterwegs. Mit einer Maximal-Geschwindigkeit von etwa sechs Stundenkilometern gondelt er durch die Johannistraße und die Große Straße bis zum großen Nussknacker am Theater.

Mit Verkehrshindernissen hat Genz kaum zu rechnen. Mal sind Passanten mit Kopfhörern in den Ohren unterwegs, die die Bahn nicht wahrnehmen; mal sind es scheinbar waghalsige Jungmänner, die vor ihren Kumpels den dicken Max markieren und sich denkbar knapp an der Lokomotive vorbei schieben. „Man muss den Leuten ins Gesicht blicken. Die meisten tun nur so“, sagt Rene Genz. In den 25 Jahren, in denen er mit seiner Tschu-Tschu-Bahn unterwegs, hat er genügend Erfahrung gesammelt, um solche Situationen einschätzen zu können. (Weiterlesen: Weihnachtsmarkt Osnabrück: Wie teuer darf Essen sein?) 

Am Anfang Angst

Am Anfang habe er auch Angst gehabt, sagt er. „Aber da kommt man keinen Meter weiter.“ Heute braucht er für die Strecke vom Theater bis zur Johanniskirche etwa 15 Minuten. Wie einst Moses das Meer teilte, so teilt Rene Genz mit seiner Glocke und der Hupe die Menschenmassen, die sich durch die Fußgängerzone vor allem am Samstag schieben. Obwohl die Bimmelbahn dann nur im Schneckentempo fahren kann, nutzen einige Passanten sie als Transfer.

Viel hat Rene Genz von Osnabrück noch nicht gesehen – eben nur die Strecke vom Theater bis Johanniskirche und nach Feierband zum Hotel. Dennoch sagt er, dass Osnabrück ihm gefällt. Große Lust, auf den Weihnachtsmarkt zu gehen, hat er aber nicht. „Andere wollen in den Trubel, ich bin froh, wenn ich da raus komme und Ruhe habe.“