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„Mir war wichtig, in der Stadt anzukommen“ „YEAH!“-Leiterin Lydia Grün will Festival fest verankern

Von Ralf Döring | 12.06.2015, 20:36 Uhr

Den Transporter mit den Utensilien für einen reibungslosen Festivalablauf hat Lydia Grün selbst von Berlin nach Osnabrück gefahren. Die Leiterin von „YEAH!“ packt eben gern selbst mit an. Denn sie hat eine Menge neuer Ideen –mehr als sie auf einem Festival umsetzen kann.

Theater und Orchester beschäftigen Konzertpädagogen, Festivals veranstalten Nachwuchs-Camps, kein Kulturprojekt ohne Vermittlungsangebot. Wozu braucht es da noch ein „YEAH!“-Festival?

Das „YEAH!“-Festival ist eine Bühne der besten Ideen aus dem Vermittlungsbereich . Dieses Segment hat sich stark entwickelt; jede Institution denkt zumindest daran und bemüht sich. Aber es gibt eine große Breite und eine kleine Spitze. Damit stellt sich die Frage: Wie entwickelt man sich weiter? Woher kommen neue Ideen? Wo findet man Ensembles, die man für seine Formate buchen kann? „YEAH!“ versteht sich als europaweite Plattform , auf der man aktuelle Produktionen kennenlernen und Tendenzen ablesen kann.

Ein sehr fachspezifischer Aspekt. Was hat das Osnabrücker Publikum davon?

Das Osnabrücker Publikum kommt genau mit den Produktionen in Kontakt, die gerade en vogue sind, die sich aus hundert Produktionen aus ganz Europa durchgesetzt haben. Auf der anderen Seite haben wir das Festival ein bisschen verändert. Mit einem Zelt auf dem Domvorplatz und verschiedenen Formaten haben wir Osnabrücker Partner eingebunden. So ergibt sich ein Mix: etwa ein pures europäisches Konzert wie das von Cellostorm. Auf der anderen Seite haben wir einen „Tag der Musik“, den die Musik- und Kunstschule sehr großflächig gestaltet hat. Oder das Wandelkonzert der Hochschule für Musik, das der Preisverleihung vorausgeht: Im Prinzip wollen wir die europäischen Partner in Osnabrück präsentieren – und umgekehrt. Denn das ist ja Vermittlung: Beziehungen herstellen. Zu sagen, wo sind wir hier, wer sind die wichtigen kulturellen Akteure, wie kann man in Dialog treten.

Welche Zielgruppen stehen besonders im Fokus der Vermittlungsarbeit?

Das kommt auf den Kontext an. Die Musikvermittlung hatte sich anfangs auf Kinder und Jugendliche eingeschossen. Aber in erster Linie geht es darum, eine besondere Beziehung zum Publikum herzustellen. Da ist es erst einmal egal, ob das Kinder und Jugendliche sind, eine ältere Zielgruppe –oder Mitarbeiter einer bestimmten Firma oder Ähnliches. Der breite Zielgruppenbegriff existiert so nicht mehr. Stattdessen überlegt man, für wen die Produktion interessant ist, die ich gerade entwickle. Oder: Mit wem kann ich sie gemeinsam entwickeln?

Wie spiegelt sich das im Festivalprogramm wider?

Genau genommen bilden wir den Prozess des gemeinsamen Entwickelns ab. Das ist mit einem hohen Risiko verbunden, aber genau das ist auch spannend. Ab Samstag probt das Jugendtheater Brandenburg gemeinsam mit dem Quartett Plus 1. Beide kennen sich nicht, aber beide bringen aus ihrer Perspektive künstlerisch interessante Materialien mit: das Theater Strawinskys „Geschichte eines Soldaten“ und das Quartett seine Michael-Jackson-American-Jesus-Suite. Da geht es darum, sich über verschiedene künstlerische und in dem Fall auch gesellschaftspolitische Inhalte, nämlich „Frieden“, auseinanderzusetzen. Dafür haben sie drei Tage Zeit – das ist sehr kurz, aber auch sehr intensiv und wird hoffentlich ein spannendes Erlebnis. Der Weg dahin ist nicht einfach, hat aber damit zu tun, grundsätzlich verstehen zu wollen. Im normalen Theater- oder Orchesterbetrieb haben wir ja nicht unbedingt demokratische Entscheidungen, sondern eine künstlerische Handschrift, die mehr oder weniger deutlich umgesetzt wird. Die partizipatorischen Projekte im Bereich der Musikvermittlung haben da eine andere Qualität.

Schon rein äußerlich ist ein deutlicher Wandel beim YEAH!-Festival auszumachen. Wie kam es dazu?

Nach dem letzten Festival 2013 haben wir intensiv und grundsätzlich über YEAH! und seinen Anspruch nachgedacht. Das eine ist dabei, eine Plattform für Produktionen zu sein, wie wir sie schon immer angeboten haben. Mir persönlich war aber wichtig, in der Stadt richtig anzukommen. Das geht nur, indem man alle einbindet, und deshalb haben wir einen „YEAH!“-jour fix gegründet. In diesem Punkt haben wir noch Luft nach oben – ich hätte zum Beispiel gern noch eine Musikschul-Produktion ins Programm genommen. Da sind noch etliche Ideen im Topf, die wir jetzt gar nicht alle umsetzen konnten. Aber wir haben darüber nachgedacht, welcher Ort zu uns am besten passt, wir haben über Formate nachgedacht und sind auf das Zelt gekommen. Der zweite Punkt war: Wir haben dem Festival ein inhaltliches Leitthema gegeben. Wir haben versucht, „Jugend.Zukunft.Europa“ durchzudeklinieren –ob es gelungen ist, muss der Zuschauer entscheiden. Schließlich die Begegnung von Osnabrückerinnen und Osnabrückern und den Künstlern: Das war in der Vergangenheit nicht der Fall, und wir hoffen, dass wir das jetzt schaffen. Im Prinzip ging es darum, eine offene Atmosphäre zu schaffen. Das war mir beim letzten Mal zu wenig, und das soll jetzt mehr werden.

Im Wechsel mit dem YEAH!-Festival wird nach wie vor der JUNGE OHREN PREIS verliehen – gewissermaßen ein YEAH!-Award für den deutschsprachigen Raum. Hat diese Zweigleisigkeit noch Zukunft?

Meine Utopie ist, das irgendwann zu einem großen Musiker- und Theatertreffen zu machen. Aber im Augenblick funktionieren beide Formate recht gut, weil der JUNGE OHREN PREIS sich auf den deutschsprachigen Raum beschränkt und mit der JUNGE OHREN-Konferenz noch mehr Klassentreffen, Inner Circle der Musikvermittlung im deutschsprachigen Raum ist. Auch hat der Preis nicht die Öffnung hin zu einer Stadt, sondern tourt als reine Fachveranstaltung. YEAH! mit seinem gesamteuropäischen Netzwerk entwickeln wir schon anders: Experimenteller, offener, als der JUNGE OHREN PREIS.

Das YEAH!-Festival versteht sich also als Publikumsveranstaltung.

Finde ich schon. Weil es an einem großen Ort stattfindet, und weil diese Stadt die Potenziale hat, die sie hat.

Wie sieht die finanzielle Zukunft aus?

Das muss die Stiftung Stahlwerk Georgsmarienhütte entscheiden. Wir sind da in einem sehr konstruktiven Dialog, und wir freuen uns, dass die Stiftung uns bis zu diesem Punkt sehr großzügig unterstützt hat und YEAH! überhaupt möglich gemacht hat. Über die Zukunft sind wir in Gesprächen, aber das wird sich nach dem Festival entscheiden.

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