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Millionenschaden für den Fiskus Osnabrück: Ex-Karmann-Betriebsrat ein Steuerbetrüger?

Von Sebastian Stricker | 16.01.2014, 13:07 Uhr

Wegen Steuerhinterziehung in Millionenhöhe steht ein ehemaliger Karmann-Betriebsrat aus Osnabrück in Wuppertal vor Gericht. Dem 58-Jährigen wird vorgeworfen, als Teil eines kriminellen Quartetts mit Luftrechnungen, Abrechnungstricks und einem Geflecht aus Automobil-Zuliefererfirmen jahrelang gezielt am Finanzamt vorbei gewirtschaftet zu haben. Ihm droht eine lange Haftstrafe.

Mitangeklagt sind zwei weitere Männer: ein 40 Jahre alter Kaufmann aus Solingen als mutmaßlicher Drahtzieher und ein Rechtsanwalt (60) aus Haan. Wegen Beihilfe ebenfalls vor dem Kadi steht eine 36-jährige Frau aus Berlin. Gemeinsam müssen sich die vier seit dem 11. Dezember vor dem Landgericht Wuppertal verantworten. Die für Wirtschaftsstrafsachen zuständige 6. Große Strafkammer hat für den Fall knapp 20 Verhandlungstermine bis Ende März anberaumt. Nach fünf Prozesstagen befindet sich das Verfahren mitten in der Beweisaufnahme. Ein Geständnis könnte es abkürzen. Doch bislang schweigen die Angeklagten.

Der Osnabrücker soll nach Auskunft von Gerichtssprecherin Kerstin Planken an elf Fällen gemeinschaftlicher Steuerhinterziehung beteiligt sein. Als Geschäftsführer oder in anderer Funktion an der Spitze einer Gruppe von Unternehmen im Bergischen Land und im europäischen Ausland brachten er und seine Komplizen den Staat zwischen 2005 und 2011 angeblich um 3,4 Millionen Euro Körperschafts- und Gewerbesteuer sowie 3,9 Millionen Euro Einkommenssteuer. Auch Umsatzsteuer sollen die Angeklagten hinterzogen haben. Der Schaden in diesem Bereich lasse sich laut Planken aber nur schwer beziffern. Medienberichten zufolge beläuft sich die gesamte Steuerschuld auf 20 Millionen Euro.

Ertragslage manipuliert

Für ihre betrügerischen Machenschaften sollen sich die Angeklagten einer ausgeklügelten Methode bedient haben. Um Geld am deutschen Fiskus vorbei zu schleusen, rechneten sie laut Staatsanwaltschaft etwa mittels Scheinfirmen in Luxemburg nie erbrachte Leistungen ihrer heimischen Unternehmen als Betriebsausgaben ab und verschleierten so deren Gewinn. Durch überteuerte Preise für Maschinen, die innerhalb des Firmengeflechts vermietet wurden, sowie mittels fingierter Geschäfte – etwa über Patentnutzungen und Lizenzgebühren – sollen ebenfalls hohe sechsstellige Beträge abgezweigt worden sein. Das Geld floss laut Anklage vor allem in die Taschen des 40-jährigen Solingers, der deshalb als Hauptangeklagter gilt.

Seine Wege und die des Osnabrückers hatten sich um das Jahr 2004 erstmals gekreuzt, als sie gemeinsam einen insolventen und mit millionenschweren Liquiditätshilfen von Autoherstellern am Leben gehaltenen Zulieferer in Mettmann übernahmen. Doch anstatt das Unternehmen zu sanieren, richteten es die beiden nach NOZ-Informationen in den Folgejahren absichtlich und vollständig zugrunde. Offenbar vor den Augen von Insolvenzverwalter und Auftraggebern sollen sie Ressourcen abgeschöpft, Maschinen weggeschafft und mit teilweise veruntreuten und unterschlagenen Firmengeldern jongliert haben.

Am Ende ließen sie viele Hundert Mitarbeiter über die Klinge springen. Nach demselben Schema, diesmal allerdings im Zeitraffer, sollen sie anschließend mindestens einen weiteren gefährdeten Branchenbetrieb nahe Velbert ohne Rücksicht auf die Angestellten ruiniert und ausgeräumt haben.

Pikant vor dem Hintergrund, dass der Osnabrücker vormals 16 Jahre lang Teil des Vertrauenskörpers der Karmann -Belegschaft war und nach Recherchen unserer Zeitung sogar einer antikapitalistischen Bewegung nahestand. In dem damaligen Automobilwerk in Fledder hatte er als Jugendlicher seine Laufbahn als Werkzeugmacher begonnen. Scheinbar frustriert über eine verhinderte Karriere im Betriebsrat, wechselte er 1997 in die freie Unternehmensberatung und später zu Volkswagen – Aufgabenschwerpunkt hier: technische Überwachung von Ausproduktionen bei Zulieferern in Schieflage, also die Sicherstellung von Serienfertigungen bis zur vereinbarten Stückzahl.

Persönlichkeitswandel

In dieser Phase müsse der 58-Jährige erkannt haben, welche Möglichkeiten zur illegalen Selbstbereicherung in seiner Arbeit steckten, mutmaßen Insider. Nach dem Motto „Gelegenheit macht Diebe“ habe er, der über glänzende Kontakte zu großen Automobilkonzernen verfügte, sich in der Hoffnung auf das große Geld in ein zwielichtiges Milieu begeben, das ihn vollends vereinnahmte. An der Seite seines Komplizen aus Solingen, so heißt es, habe sich der Osnabrücker zu einer „tickenden Zeitbombe“ entwickelt.

Der Angeklagte lebt nach NOZ-Informationen zurzeit gemeinsam mit seiner vierten Ehefrau in deren Haus im Stadtteil Schinkel. Seinem Umfeld ist er in den vergangenen Jahren durch luxuriösen Lebenswandel, Prahlereien und teure Autos aufgefallen. Immer wieder hätten Nobelschlitten mit Luxemburger Kennzeichen vor seiner Haustür geparkt. Gleichzeitig soll er sich um Unterhaltszahlungen für seine dritte Ehefrau gedrückt haben, mit der er von 1992 bis 2009 verheiratet war. 2010 klingelte schließlich die Steuerfahndung – und machte dem Spuk bald ein Ende.