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„Mehr als drauflosfühlen und singen“ Heldentenor Alexander Spemann gastiert am Theater Osnabrück

Von Ralf Döring | 17.06.2014, 18:57 Uhr

Tenor Alexander Spemann hat an seinem Stammhaus, dem Staatstheater Mainz, jede Menge großer Partien gesungen.Derzeit bereitet er die Rolle des Hoffegut in der Oper „Die Vögel“ von Walter Braunfels vor.

Osnabrück. Um elf muss Alexander Spemann auf der Bühne stehen. „Wenn also Milt Jackson spielt, muss ich los“, sagt er – dann beginnt im Theater am Domhof die Probe zu den „Vögeln“. Milt Jackson , der Jazz-Vibrafonist und Gründer des Modern Jazz Quartet? Auch wenn der Musiker in diesem Fall nur den Alarmton für Spemanns Mobiltelefon liefert, ist das doch ein musikalischer Kontrast zu der monumentalen Oper von Walter Braunfels , der zumindest bemerkenswert ist.

Zumindest in gängigen Vorstellungen existieren in unserer Kulturwelt Hemisphären wie Jazz und Klassik nebeneinander her, ohne sich wirklich zu berühren. Alexander Spemann ist da eine wohltuende Ausnahme. Er lobt die Musik von Adele, macht literarisch-musikalisches Kabarett –und ist ausgewiesener Heldentenor. Tristan , Tannhäuser, Lohengrin, Parsifal: Diese Partien hat er bereits gesungen an seiner Heimatbühne in Mainz, nächste Spielzeit folgt der Stolzing in den „Meistersingern“. „Einzig der ,Ring‘ fehlt mir noch“, sagt er, genauer: die Partie des Siegfried. Doch an diese Rolle kommt man nicht so ohne Weiteres. Leichter war der Weg nach Osnabrück: Hier singt er ab Samstag den Hoffegut in der Oper „Die Vögel“.

Dieses Werk fügt sich bestens in sein Verständnis vom deutschen Stadttheatersystem: Statt die immer gleichen Opern auf den Spielplan zu setzen, findet er es großartig, vergessene Schätze auszugraben und dem Publikum vorzustellen. Die „Vögel“ sind für dieses Ansinnen prädestiniert und stellen für ihn auch sängerisch eine Herausforderung dar. Denn „wie bei Weber ist die Gesangsstimme sehr instrumental geführt“, sagt er: „Man kann nicht drauflosfühlen und singen.“

Gleichzeitig verknüpfe die Partie verschiedene Stimmfächer: „In das 17-Minuten-Duett mit der Nachtigall startet man als lyrischer Tenor und verlässt es als jugendlicher Heldentenor“, meint er. Der Zuhörer vollzieht also gewissermaßen eine mehrjährige Sängerentwicklung im Zeitraffer mit.

Spemann hat sich dafür Zeit genommen. Seit elf Jahren ist er festes Ensemblemitglied in Mainz, hat dort nicht nur die schweren Wagnerrollen gesungen, sondern auch den Floresten aus Beethovens „Fidelio“ oder den Tamino aus der „Zauberflöte“. Mittlerweile hat er einen Vertrag ausgehandelt, der ihm die Freiheit zum Gastieren zusichert, die feste Basis zu Hause möchte er aber nicht missen: „Ich habe die Ideallösung gefunden.“ Davon profitiert auch das Publikum: Es bekommt die Chance, Entwicklungen mitzuverfolgen, sich mit Darstellern zu identifizieren. „Ich bin in Mainz schon auf der Straße gefragt worden, was nächste Spielzeit mit mir kommt“, sagt er. „Ich kann also nicht alles falsch gemacht haben.“

Vielleicht zahlt sich da die Bedächtigkeit aus, mit der Spemann seine Karriere angeht. „Wenn meine Jüngste 14 ist, wollte ich wieder auf die freie Wildbahn“, sagt er. Jetzt ist sie 15, und der Tenor arbeitet daran, dass ihn Künstleragenturen wieder als verfügbar wahrnehmen. Doch nicht nur sängerisch möchte er sich neu etablieren. Spemann hat vor über zehn Jahren sein Debüt als Musicalkomponist gegeben; auf ein anderes wartet er noch: „Ich möchte selbst inszenieren.“ Und das klingt wie die logische Weiterentwicklung seines Selbstverständnisses als Sängerdarsteller: „Was soll ich dem Publikum anderes erzählen als die Lebensgeschichte meiner Rolle?“, sagt er. Kein schlechter Ansatz für stimmige Regiekonzepte.