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Mangelnde Kommunikation als Hauptproblem Erfahrungsbericht: Was ist bei Rock am Ring 2016 störend gewesen?

Von Louise Sprengelmeyer, Louise Sprengelmeyer | 06.06.2016, 17:58 Uhr

Ungeordnete Maßnahmen und mangelnde Kommunikation: NOZ-Praktikantin Louise Sprengelmeyer aus Bad Laer blickt auf ein Festival zurück, bei dem nicht das Wetter die eigentliche Katastrophe gewesen ist.

Drei Bands wollte ich bei Rock am Ring 2016 unbedingt live sehen: Tenacious D, die Red Hot Chili Peppers und Black Sabbath. Als Tenacious D spielte, buddelte ich mit meinen Händen im rund 20 Zentimeter tiefen Schlamm, um das Zelt vor dem Überfluten zu retten.

Vor dem Festivalbesuch auf die Wettervorhersage achten – das gehört zum Packen dazu. Von Regenschauern und möglichen Gewittern wusste ich also; die Veranstalter offenkundig nicht. (Weiterlesen: Veranstalter kritisiert „Rock am Ring“-Abbruch)

Es gab keine auffälligen Vorsichtsmaßnahmen und die Kommunikation vor und nach den Gewittern war unzureichend und fahrlässig: Von den über 80 verletzten Personen nach den Gewittern am Freitagabend erfuhr ich aus den Apps auf meinem Smartphone. Von den Veranstaltern wurde nicht kommuniziert, an welchen Stellen sich die Unfälle ereignet hatten. Informationen wurden in der Rock am Ring-App während des gesamten Festivals nur verzögert geliefert.

Ohne Rücksicht auf die Besucher

Bereits am Donnerstag bestand der Weg zwischen den Zeltflächen nur noch aus Schlamm, in dem die Transporthilfen wie Hubkarren, Rolltaschen oder Ziehwagen vieler Besucher versunken sind. Die mangelhafte Planung und Umsetzung des Festivals habe ich während aller Veranstaltungstage – trotz geeigneter Ausstattung wie Gummistiefeln, Regenmantel, Bollerwagen mit groben Reifen oder zusätzlichen Zeltplanen – deutlich zu spüren bekommen. (Weiterlesen: Wallenhorster kritisiert „planloses Personal“ bei „Rock am Ring“)

Es wurden plötzlich Wege gesperrt, die eine Stunde zuvor noch als Abkürzung zu den Parkplätzen begehbar gewesen sind. Das Problem lag hier nicht in der eigentlichen Streichung des Durchgangs, sondern der Begründungsweise: Weil Personen ohne Ticket und dementsprechend ohne Festivalbändchen den Zeltplatz betreten hatten, durften nun auch Besucher mit bereits vorhandenem Festivalbändchen nicht mehr durch diesen Eingang. Zum Verständnis: An den Schaltern vor dem Bühnengelände wurde mittels der Bändchen der Einlass gewährt – niemand ohne ein solches Festivalbändchen konnte einen Auftritt vor der Bühne live miterleben. Nichtsdestotrotz war es nicht ausreichend, dass die sich anstauenden rund 20 Besucher ihre erworbenen Festivalbändchen bei den Ordnern der Reihe nach vorzeigten. Im Regen durften also alle den gesamten Weg zurücklaufen und den Umweg über das gesamte Zeltgelände nehmen: Der Fußmarsch mit dem Bollerwagen dauerte rund 45 Minuten länger, sodass der Weg vom Auto zum Zelt insgesamt 1,5 Stunden dauerte.

Panikmache statt Hilfe

Am Freitag sollte das Konzert von Tenacious D um 19.50 Uhr starten, doch der Auftritt wurde aufgrund eines Gewitters abgesagt. Nach der Lautsprecherdurchsage trat der Starkregen auch direkt ein – inklusive des ertönenden Donners.

Zu diesem Zeitpunkt war für mich nicht feststellbar, dass mehr Ordner im Einsatz waren, die die Publikumsmassen vom Bühnengelände evakuierten. Die Besucher verließen die Showplätze eilig, aber umsichtig und ohne Gedränge. Dass es keine Massenpanik gab, war dem entspannten Vorgehen der Fans zu verdanken und nicht den Sicherheitskräften, die keinerlei sichtbare zusätzliche Maßnahmen ergriffen haben.

Schlammmassen zerstörten Zelte

Ich ging mit meiner Gruppe zu unserem Zeltplatz zurück und auf dem Weg dorthin sahen wir einige Zelte, die komplett vom Schlamm geflutet waren. Motivierende Aussichten, wenn man als Festivalbesucher bis zum hintersten Zeltplatz laufen muss. Beim Zelt angekommen, hatte sich eine riesige Wassermenge am Zelt gesammelt – unsere Nachbarn haben uns glücklicherweise direkt ihren Spaten geliehen, um einen Graben auszuheben und das Wasser mit einem Eimer abzuschöpfen.

Andere Besucher hatten nicht so viel Glück: Die ersten Fans reisten mit ihrem Gepäck wieder ab, weil der Schlafplatz nicht mehr zu retten war. Auch hier war es der gegenseitigen Hilfe unter den Festivalbesuchern zu verdanken, dass nicht noch mehr Zelte im Schlamm unbrauchbar ertrunken sind. Es gab weder vorher angelegte Gräben an den Rettungsgassen der jeweiligen Zeltflächen noch wurden möglichen Zeltüberflutungen bei der weiteren Umsetzung des Spielplans berücksichtigt.

Während ich mit den Händen im Schlamm buddelte und einen Wall um das Wasserloch baute, startete die Rockband Tenacious D mit ihrer Show – eine vorherige Ansage über die geplante Fortsetzung der Auftritte ertönte leider nicht durch die Lautsprecher.

Unverantwortliches Verhalten

„Rock am Ring“ wirbt damit, dass es auf dem Festivalgelände einen Lidl-Supermarkt in einem großen Zelt gibt – zu Recht, denn das erleichtert den Besuch ungemein, da die Preise identisch sind und ein Großteil der Lebensmittel sogar gekühlt vor Ort gekauft werden kann. Ich war in diesem Jahr zum fünften Mal bei „Rock am Ring“ und habe mich auf die Einkaufsmöglichkeit auf dem Gelände verlassen. Als ich am Samstag Wasser kaufen wollte, hatte der Lidl allerdings während der Öffnungszeiten geschlossen. Der Grund: eine nahende Gewitterfront. Es wurde nicht mittels der Lautsprecher auf die Schließung des Marktes hingewiesen, sodass sich eine unwissende Menschenmenge vor dem Platz sammelte.

„Helft euch gegenseitig“

Samstagnacht habe ich gegen 3 Uhr von der Absage des letzten Veranstaltungstages erfahren. Bis 12 Uhr mittags sollten alle Zeltflächen verlassen sein. Erneut Unverständnis und dieses Mal auch Ärger über die Kommunikationsweise: Wer Samstagnacht um 3 Uhr noch auf dem Festival am Feiern ist, sollte im Regelfall nicht in neun Stunden wieder Auto fahren müssen.

Am Sonntag ertönten stets Durchsagen à la „Bitte verlasst das Festivalgelände und sucht Schutz in euren Autos. Das Gelände wird durch Sicherheitskräfte geräumt. Helft euch gegenseitig und achtet aufeinander.“ Es fehlte der Zusatz: „Wir helfen euch nicht“, denn es wurden auf unserem Rückweg keine Wasserstellen geschaffen. Je näher das Unwetter zu rücken schien, desto mehr Panik verbreiteten die Durchsagen. Es wurden vollständige Zelte auf den Plätzen zurückgelassen sowie Nahrungsvorräte. Ich habe geschlossene Wasserflaschen auf dem Rückweg gesammelt, damit wir etwas Alkoholfreies trinken konnten. Es herrschten nämlich Temperaturen um die 30 Grad Celsius.

Unkoordinierte Abreiseplanung

An vier Tagen konnten die Menschen bei „Rock am Ring“ anreisen, am Sonntag sollten 90000 Besucher alle nahezu gleichzeitig abreisen. An schmaleren Durchgängen stauten sich Menschenmassen an, die bei mir für ein unwohles Gefühl sorgten. Wieder gab es aus meiner Sicht keine zusätzlichen Sicherheitskräfte, die für einen geregelten Ablauf sorgten. Allerdings muss ich auch zugeben, dass es mich nach den vorherigen Tagen nicht mehr überrascht hat.

Kein Vertrauen in Veranstaltungspersonal

Wenn Polizisten darauf hinweisen, dass es gefährlich wird und der Zeltplatz schneller geräumt werden muss, aber dann einfach umkehren und die ohnehin schon gestressten und angespannten Abreisenden panischer als zuvor zurücklassen, verliere ich jegliches Vertrauen an Hilfeleistungen seitens des Veranstaltungspersonals.

Die Hilfsbereitschaft unter den Festivalbesuchern war jedoch wieder hoch: Mir wurde beim Fußmarsch aus einem im Schritttempo vorbeifahrenden Auto eine geschlossene Wasserflasche gereicht. Auch die Anwohner boten an unserer Parkfläche kostenlos Wasser an.

Bis wir am Sonntag gegen 14 Uhr das Gelände verließen, hat es weder geregnet noch gewittert. Stattdessen habe ich mir den stärksten Sonnenbrand meines Lebens zugezogen – beim besten Wetter während der gesamten Veranstaltung reisten wir demnach ab.

Mein Fazit: Drei Bands wollte ich bei Rock am Ring 2016 unbedingt live erleben – nur eine davon konnte ich aufgrund des notdürftigen Umgangs der Veranstalter mit den im Voraus bekannten Wetterumständen sehen.