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Leben in der Tonne Nissenhütten dienten nach dem Krieg als Notunterkünfte

Von Joachim Dierks | 27.12.2016, 18:37 Uhr

Die große Wohnungsnot nach dem Krieg ließ auch in Osnabrück eine Wohnform entstehen, die eigentlich gar nicht als Ganzjahres-Behausung für Familien gedacht und geeignet war: die sogenannten Nissenhütten.

Sie haben nichts mit den Nissen aus dem Tierreich, also den Eiern der Kopfläuse, zu tun, obwohl diese wahrscheinlich auch häufiger dort anzutreffen waren. Sie gehen auf eine Erfindung des kanadischen Offiziers Peter Norman Nissen (1871 – 1930) zurück. Der hatte im Ersten Weltkrieg für das englische Militär eine normierte Leichtbau-Unterkunft aus Fertigteilen entwickelt. Die Stahlträgerkonstruktion mit einem halbkreisförmigen Wellblechdach sollte, so die Norm, von vier Männern in vier Stunden aufgebaut werden können. Typische Anwendungsfälle waren Gefangenen-Unterkünfte, Werkstätten und Magazine. Die Grundfläche betrug 11,5 mal fünf Meter.

Wohnungsnot unbeschreiblich groß

1945 war die Wohnungsnot in Osnabrück unbeschreiblich groß. Zu den Zehntausenden von Obdachlosen, deren Wohnungen im Bombenkrieg vernichtet oder beschädigt worden waren, kamen Flüchtlinge und Vertriebene aus den Ostgebieten hinzu. Als eine Maßnahme übernahm die Stadt Nissenhütten vom britischen Militär und ließ sie zu Beginn des Winters 1946/47 an verschiedenen Stellen aufstellen, so in Eversburg an der Piesberger Straße in direkter Nachbarschaft zur späteren Siedlung „Eichengrund“, an der Römereschstraße, Landwehrstraße, Augustenburger Straße und Ebertallee.

Ständig fußkalt

Aus Mangel an Baumaterialen waren die Baracken zumeist nicht mit Fußbodenbrettern, sondern mit einer Ziegelflachschicht auf Schotter ausgeführt, was für beständige Fußkälte sorgte. Die doppelwandige Wellblechhülle besaß zunächst keine Isolierung. Da der ungeschützte Eingang ohne Vorraum direkt ins Freie führte, drang ständig Zugluft in das Innere und machte eine Beheizung außerordentlich schwierig. Die Baracken waren je nach Kinderzahl für eine oder zwei Familien ausgelegt. Die Wohnungstrennung bestand meist aus aufgehängten Bettlaken. Eine Sanitärbaracke (Wasch- und Abortbaracke) kam etwa auf zehn Wohnhütten. Die Sanitärbaracken waren im Winter oft eingefroren, so wurden die Fäkalien ins Gelände gekippt oder vergraben.

Kaum über null Grad

So viel man auch heizte, bei strengem Frost stieg die Temperatur in den fensterlosen Hütten am Tage selten über null Grad. Erkältungen und Erkrankungen vor allem bei den Kindern waren häufig die Folge. Im Januar 1947 stellte das Osnabrücker Wohnungsamt offiziell fest, dass die 48 in Nissenhütten untergebrachten Wohnungen „in der jetzigen Verfassung im Winter nicht bewohnbar“ seien. Doch was sollte man machen? Noch immer warteten 18 000 Osnabrücker, darunter 6000 entlassene Kriegsgefangene, auf die Möglichkeit, wieder in ihre Heimatstadt zurückkehren zu können. 5514 Anträge auf Zuzug lagen am Jahresbeginn 1947 unerledigt im Wohnungsamt. Im Juli 1947 waren immer noch 37 Nissenhütten in Nutzung, von denen erst zehn als winterfest galten.

Elend und Armut und Leid

Der Gemeindebrief der Pauluskirche schrieb 1950: „Da stehen an der Ecke Ebertallee und Jägerstraße die verrosteten Wellblechbaracken, in denen auch heute noch Osnabrücker Familien ein ‚Heim‘ haben. Was sich in diesen Nissenhütten an Elend und Armut und Leid birgt, davon macht sich ein Außenstehender kaum ein Bild. Diese Elendsquartiere im Schatten der Pauluskirche sind ein Schandfleck im Stadtbild und eine Anklage an unsere Zeit.“

Mit dem Bau der „Heimkehrer-Siedlungen“ am Stadtrand und dem Emporwachsen der Neubaublöcke der Wohnungsbaugenossenschaften verschwanden die Nissenhütten nach und nach. Die letzten Großform-Nissenhütten standen bis 1957 auf dem Ledenhof und bis 1960 im Schlossgarten – als britisch-deutsche Kulturzentrum „Brücke“ und als NAAFI-Kaufladen.