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Lange Nacht in der Osnabrückhalle Hagen Rether: Der Käpt‘n Ahab des Kabaretts

Von Ralf Döring | 02.12.2016, 15:04 Uhr

Hagen Rether lässt keine billigen Entschuldigungen zu: Wer die Welt besser machen will, muss bei sich selbst ansetzen: Das ist der Kern seines fast vierstündigen Abends in der Osnabrückhalle.

Als Hagen Rether die ersten jazzigen Akkordfolgen am Klavier spielt, ist es halb zwölf. Da erklärt er auch den Verband am rechten Mittelfinger: Strecksehnenabriss. Das Klavierspiel funktioniert trotzdem ziemlich gut, nur die Schiene klackert auf den Tasten; an Käpt‘n Ahab erinnert ihn das, den Walfänger mit dem Holzbein, der so verbissenen Moby Dick jagt. „Over the rainbow“schält sich irgendwann aus den Akkordfolgen in jazziger Schönheit heraus, auch wenn böse Donner in der Idylle grollen. Schade, dass der Steinway die meiste Zeit nur als Bananenträger fungiert; früher war mehr Klavier bei Hagen Rether. Weiterlesen: Hagen Rether vor drei Jahren in der Osnabrückhalle 

Der Schnösel mit Pferdeschwanz?

Geblieben ist der Titel seines Programms, „Liebe“. Und unbegleitet bietet er seine Texte trotzdem nicht dar. Rether lümmelt weit zurückgelehnt in seinem Bürostuhl auf der Bühne im Europasaal der Osnabrückhalle, er lässt die Armlehnen hoch- und runterratschen, gießt Wasser in ein Glas, das er gerade so mit ausgestrecktem Arm erreichen kann, er trinkt, stellt das Glas ab. Und dann spielt er mit dem Plastikring vom Schraubverschluss seiner Wasserflasche. Er dreht und biegt ihn mit einer beiläufigen Hingabe, als wäre der Plastikmüll wichtiger als das, was er mit seiner ruhigen Stimme sagt. Weiterlesen: Volker Pispers in der Osnabrückhalle 

Man könnte ihm dafür Blasiertheit, wenn nicht Arroganz unterstellen: ein Schnösel mit streng gebundenem Pferdeschwanz und im eleganten dunklen Anzug. Doch in Wirklichkeit feuert er aus dem Versteck der Verspieltheit nur um so unerbittlicher: Der Einzelne trägt die Verantwortung für den Zustand der Welt, so die zentrale Botschaft, die er an das „Du“ mit Ausrufezeichen richtet. Kein Kabarettist nimmt den Immanuel Kants mündigen Menschen ernster als Hagen Rether.

Denen „da oben“ die Schuld für gesellschaftliche Fehlentwicklungen in die Schuhe zu schieben, ist Rether demzufolge zu billig – da unterscheidet er sich fundamental vom zornigen Rentner Dombrowski seines genialen Kollegen Georg Schramm . Nein, Rether sagt: Die Menschen haben keine Lust mehr, politisch korrekt zu sein, deshalb wählen sie Trump oder AfD. Die Menschen entscheiden lieber aus dem Rückenmark heraus, als das Großhirn einzuschalten. „Macht ja Arbeit“, sagt er. Weiterlesen: Georg Schramm in der Lagerhalle 

„Warum ist die Stimmung so scheiße?“

Freilich packt er die großen Themen an: Frauenrechte, Niqab, brennende Flüchtlingsheime. Aber Missstände führt er nicht auf dumpfe Köpfe oder das Versagen der Politik zurück, sondern auf eine Doppelmoral in der Bewertung. Das gipfelt immer wieder in der leitmotivisch wiederholten Frage, „warum ist die Stimmung so scheiße?“ Dem stellt er Selbstzufriedenheits-Mantra an die Seite: „Wie gut, dass wir zu den Guten gehören.“ Zu den Guten, die sich in der politisch korrekten Wohlfühlecke eingerichtet haben und möglichst billig in den Urlaub fliegen. „Die eigenen Fürze stinken nicht“, ist auch so ein Satz, den Rether gern wiederholt.

Irgendwann ist er fertig mit dem Plastikring und putzt den Flügl. Da verlässt er auch mal die erdschweren, großen Themen und feuert Pointen ab. So steigt er nach der Pause ein, bis er zu einem Großthema kommt, das dem Veganer Rether offenbar sehr am Herzen liegt: Fleischkonsum. Dafür setzt er bei der VW-Affäre an – völlig unbedeutend sei die, gemessen an den Umweltschäden durch Nutztierhaltung. Wollen wir unseren Planeten retten, müsse Fleischverzehr verboten werden. Aber: Du selbst hast es in der Hand. So lange mache er Kabarett, sagt Rether schließlich, bis Fleisch verboten sei. Klingt nach dem Kampf seines Lebens. Ein bisschen ist das wie bei Käpt‘n Ahab .