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Kunstprojekt "Botschaft" Der Ruf des Muezzin erklingt von Osnabrücker Kirchturm

Von Wilfried Hinrichs | 07.09.2010, 14:41 Uhr

Die Lutherkirche ist immer für eine Überraschung gut. Der „etwas andere Gottesdienst“ – mal stumm, mal mit Szenen aus Theaterstücken und Filmen, mit einem Blueskonzert oder einem Physiker, der den Himmel erklärt – füllt die Kirche regelmäßig. Jetzt wird vom Kirchturm der Muezzin rufen – nicht wirklich, sondern in künstlerischer Form. Eine umstrittene Kunstaktion.

Die Sängerin Karin Maria Zimmer (40) aus Saarbrücken wird über einen Lautsprecher, wie er für Minarette üblich ist, die Melodien eines muslimischen Muezzinrufs und eines gregorianischen Gesangs erklingen lassen, wie Pastor Martin Wolter von der Südstadtkirchengemeinde erklärt. Der Lautsprecher wird am Turm der Lutherkirche angebracht.

Die Künstlerin Karin Maria Zimmer singt das Stück nach eigenen Angaben selbst. Damit komme sie dem christlichen Stundengebet, das siebenmal verrichtet werde, und dem fünfmaligen muslimischen Gebet gleich nahe, sagte die ausgebildete Sängerin. Zimmer hat ihr Projekt bereits 2008 und 2009 in Saarbrücken und in Weingarten realisiert. Die Reaktionen in der Öffentlichkeit seien damals sehr kontrovers gewesen.

Die Künstlerin hatte das Projekt zunächst der Stadt vorgetragen. Das Friedensbüro stellte den Kontakt zur evangelischen Kirche her. Eine Anfrage an die katholischen Gemeinden in Osnabrück hat es nach Angaben des Bistumssprechers nicht gegeben. Die Luther-Gemeinde stimmte dem Projekt schließlich zu, nachdem die Mehrheit der umliegenden muslimischen Gemeinden ihr Einverständnis gegeben hatte.

Neuralgischer Punkt für die Muslime ist nach Angaben der Künstlerin vor allem, „dass eine Frauenstimme den Gesang intoniert im Unterschied zum muslimischen Gebet, das nur von Männern gesungen wird“. Pastor Wolter sagte, dass sich bei einem Treffen mit Vertretern der fünf benachbarten Moscheegemeinden lediglich einer gegen das Projekt ausgesprochen habe. Die übrigen hätten nach anfänglicher Skepsis zugestimmt. Eine Klangprobe habe sie überzeugt, dass die Sängerin sich einer Fantasiesprache bediene und nicht einen Muezzinruf imitiere.

Er selbst habe deutlich gemacht, dass es sich um ein Kunstprojekt handle, das die Religionen nicht verunglimpfen, sondern zum Dialog anregen wolle, sagte der Pastor. Die Gemeinde plane vorab eine Informationskampagne. Eine Podiumsdiskussion mit der Künstlerin werde es zum Abschluss am 23. September um 16 Uhr im Gemeindehaus der Lutherkirche geben.Die zunächst gefragte Kirchengemeinde St. Marien am Markt hatte das Kunstprojekt aus sachlichen und theologischen Gründen abgelehnt.

Der Osnabrücker Superintendent Friedemann Pannen begrüßt das Projekt grundsätzlich. Es sei eine Herausforderung, neben dem gregorianischen Gesang auch den Muezzin-Ruf von einem christlichen Kirchturm zu hören. In der oft sehr undifferenziert geführten Debatte über den Islam sei dieses Werk ein differenzierter Beitrag. Er wünsche sich für den christlich-islamischen Dialog, „dass wir unsere verschiedenen, sich oft aber auch ergänzenden Einsichten ebenso nebeneinander stehen lassen können“.

Die Kunstaktion werde aus theologischer Sicht durchaus unterschiedlich beurteilt. Auch die Kirchengemeinden hätten sich unterschiedlich entschieden. „Darin steckt aber kein Konflikt innerhalb der evangelischen Kirche“, betonte Pannen.Anlass für das Kunstprojekt ist das internationale Symposium „Religionen und Weltfrieden“ über die friedensstiftende Wirkung der fünf Weltreligionen vom 20. bis 23. Oktober in Osnabrück. Der künstlerische Gebetsruf wird vom 16. bis 23. Oktober sechsmal täglich zwischen 7.30 Uhr und 20.30 Uhr zu hören sein.