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Kraftwerke ein Fehlschlag? Kohlestrom setzt Stadtwerke Osnabrück unter Spannung

Von Wilfried Hinrichs | 22.12.2012, 07:38 Uhr

Die zweistellige Millionen-Investition der Stadtwerke Osnabrück in die Kohlekraftwerke in Lünen und Hamm-Uentrop droht zu einem Fehlschlag zu werden. Die Kraftwerke, die 2013 ans Netz gehen sollen, sind unter den aktuellen Marktbedingungen nicht wirtschaftlich zu betreiben. Schuld sind nach Meinung der Stadtwerke Auswüchse auf dem Energiemarkt, die die Politik zulässt.

Die extremen Ausschläge in der nationalen Energiepolitik in den vergangenen drei Jahren haben die Kalkulationen der Stadtwerke ins Wanken gebracht. Die konventionellen Kohle- oder Gaskraftwerke werden zwar für die Versorgungssicherheit gebraucht, können aber nicht genug Strom absetzen, um kostendeckend zu arbeiten. Das wird auch die modernen Kraftwerke in Lünen und Hamm-Uentrop ereilen, an denen die Stadtwerke Osnabrück mit 22 anderen kommunalen Investoren beteiligt sind. Die Stadtwerke erwägen, die Kraftwerksanteile zu verkaufen oder zu verpachten.

Die Ausgangslage: Politik setzt auf die Kohle. Als die Stadtwerke sich 2005 entschlossen, nicht nur mit Strom zu handeln, sondern ihn auch selbst zu erzeugen, war der Energiemarkt ein anderer: Es galt der Atomkonsens, der den langfristigen Ausstieg aus der Kernenergie vorzeichnete. Die absehbare Versorgungslücke ab 2020 sollten zunächst konventionelle Kraftwerke auf der Basis von Kohle oder Gas schließen. Neue Kohlekraftwerke mit einem hohen Wirkungsgrad sollten alte Kohlendioxidschleudern ersetzen und so lange die Stromversorgung sichern, bis die erneuerbaren Energien einspringen können. Vor diesem Hintergrund stiegen die Stadtwerke Osnabrück 2007 beim Gas- und Dampfkraftwerk in Hamm ein. Das Engagement hat sich nach Angaben der Stadtwerke inzwischen amortisiert.

Ab 2008 beteiligten sich die Stadtwerke an den Kohlekraftwerken in Lünen und Hamm-Uentrop. Das Werk in Lünen wird von Trianel gebaut, das ist ein Konsortium von 100 Kommunen und regionalen Versorgungsunternehmen. Hamm-Uentrop baut Gekko, eine Arbeitsgemeinschaft der RWE Power AG mit 23 Stadtwerken.

Als Kanzlerin Angela Merkel 2008 den Grundstein des Kohlekraftwerkes in Hamm legte, ermunterte sie die Betreiber, weitere Kohlekraftwerke für einen sicheren Energiemix zu bauen.

Die Marktentwicklung: CO2-Zertifikate sind zu billig. Der sinkende Eurokurs hat die Kohleimporte seit 2008 erheblich verteuert. Schwerer wiegt aber nach Darstellung der Stadtwerke Osnabrück der Preisverfall bei den Kohlendioxid-Zertifikaten. Seit 2008 sind diese Scheine, die zum Ausstoß von CO2 berechtigen, um zwei Drittel billiger geworden. Das bedeutet: Die alten Kohlenkraftwerke, die viel Dreck in die Luft blasen, können weiter billig Strom produzieren. Der Wettbewerbsvorteil der modernen, emissionsarmen Kraftwerke ist dahin. „Der Verband der kommunalen Unternehmen hat immer darauf gedrängt, die Zertifikate zu verknappen“, sagt Stadtwerke-Chef Manfred Hülsmann. Geschehen ist nichts.

Diese beiden Effekte – teure Kohle, billige CO2-Zertifikate – halbiert die Marge pro Megawattstunde Strom von 35 auf 16 Euro.

Die Vorrangeinspeisung: Im Sommer zu viel Strom. Für niedrige Preise auf der Leipziger Strombörse soll der Merit-Order-Effekt (Reihenfolge der Leistung) sorgen. Das bedeutet: Den Grundbedarf an Strom liefern die billigsten Erzeuger. Das sind zunächst die Atomkraftwerke, gefolgt von den fossilen Kraftwerken. Bei steigendem Strombedarf werden die teureren Kraftwerke zugeschaltet. Der Preis für Strom wird also durch das jeweils teuerste Kraftwerk bestimmt, das noch benötigt wird, um die Stromnachfrage zu decken. Normalerweise sind mittags der Stromverbrauch und der Preis am höchsten.

So weit die Theorie. Doch wenn die Sonne scheint und der Wind weht, kippt das System. Die regenerativen Energien müssen vorrangig eingespeist werden. An sonnigen Tagen passiert es, dass mittags ausreichend grüner Strom zur Verfügung steht. Konventionelle Kraftwerke werden ihren Strom nicht los oder müssen ihn zu einem nicht kostendeckenden Preis verkaufen.

Einfach an- und abschalten lassen sich Kohlekraftwerke auch nicht. Sie müssen mit einer gewissen Leistung durchlaufen, was hohe Fixkosten produziert. Und sie ganz vom Netz zu nehmen ist unmöglich, weil das zu Stromausfällen (Blackouts) führen könnte.

Der Netzausbau: Es fehlen die Anreize. Die zunehmende dezentrale Stromerzeugung setzt die kommunalen Versorger auch beim Netzausbau unter Druck. Sie müssen Leitungen zur Versorgung und zum Einspeisen bereitstellen. Doch es fehlt an Investitionsanreizen.

Die Forderungen: Ein Masterplan muss her. „Wir brauchen Planungssicherheit“, sagt Stadtwerke-Chef Manfred Hülsmann. Die Investitionsentscheidungen im Kraftwerkbau seien auf Jahrzehnte und nicht auf Legislaturperioden ausgerichtet. Wichtig sei ein verlässlicher Masterplan in der Energiepolitik. Dazu gehöre zum Beispiel, dass neue Kohlekraftwerke einen finanziellen Ausgleich dafür erhalten, dass sie die Versorgungssicherheit garantieren, wenn kein Wind weht. Der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) will im Frühjahr ein Konzept vorlegen.