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Konzert im Blue Note Engelbert Wrobel feiert 100 Jahre Jazz auf Schallplatte

Von Ralf Döring | 17.03.2017, 14:46 Uhr

100 Jahre Jazz auf Schallplatte: Das ist ein Grund zum Feiern. Der Park Lane Jazz Club hat sich dazu Engelbert Wrobel und sein Sextett ins Blue Note eingeladen.

Die Schallplattengeschichte des Jazz beginnt mit einer merkwürdigen, vielleicht bezeichnenden Pointe: Die erste Schallplatte spielte eine weiße Band ein. Hatte die „Original Dixieland Jass Band“, kurz ODJB, diese neue, aufregende Verbindung von Blue Notes mit europäischer Harmonik, von Marschmusik und rhythmischer Vielfalt, von afrikanischen und europäischen Einflüssen umdeklariert und zum weißen Phänomen gemacht? Nun, die einen sagen so, die anderen sagen so. Feststeht: aus dem „Jass“ wurde wenig später der „Jazz“, und die Platte mit dem „Livery Stable Blues“ und dem „Dixie Jass Band One Step“ hat vor 100 Jahren den Siegeszug des Jazz begründet. Was der Park Lane Jazz Club angemessen feiert. Weiterlesen: Joscho Stephan im Blue Note 

Dixie beginnt zu swingen

Nun Club Engelbert Wrobel und dessen zum Sextett erweitertes International Hot Jazz Quartet ins Blue Note eingeladen. Tatsächlich kommt die Besetzung dem Original sehr nah: Die ODJB war mit Trompete, Klarinette, Posaune, Klavier und Schlagzeug im Studio des Labels Victor in New York erschienen. Wrobel ergänzt das um die Bassistin und Sängerin Nicki Parrot, denn bei aller Wertschätzung für historische Fakten: Sie bläst, in gekonnter Interaktion mit Drummer Bernard Flegar, den Staub von den Schätzen aus der Frühzeit des Jazz. Das „Livery Stable Blues“ und „Dixieland Jass Band One Step“ beginnen zu swingen.

Zu modern wird es aber nicht. Der Bandleader grenzt sich klar ab, bekennt, dass er mit Freejazz wenig anfangen kann. Dabei schlägt Ornette Coleman mit seinem Album „Freejazz“ doch ausdrücklich die Brücke zum New Orleans Jazz und seinen kollektiven Improvisationen. Egal; für die Gäste im gut besuchten Blue Note steht eine Reise durch die frühe Jazzgeschichte auf dem Programm. Weiterlesen: Echoes of Swing im Blue Note 

Jazz mit Stil

Gemächlich geht Wrobel die an; Balladen und langsame Bluesnummern prägen das erste Set. Das passt allerdings vortrefflich zum Stil der Musiker. Vor allem Posaunist Dan Barrett, die zweite Erweiterung im Line up der Band, spielt so feinsinnig und einfühlsam, als habe er einzig und allein im Sinn, mit weichen Tönen die Herzen zum Schmelzen zu bringen. Nach der Pause dreht die Band dann auf, aber auch das mit Stil. Trompeter Duke Heitger führt die Bläsersektion mit Druck, bewahrt sich aber auch seine Lässigkeit. Pianist Paolo Alderighi spielt seine Ideen mit sanft-nachdrücklicher Virtuosität aus, der Bandleader brilliert sowieso an der Klarinette, und Nicki Parrott spielt mit filigrane Leichtigkeit und der nötigen Schwere des Blues und singt zudem bezaubernd.

Themen erscheinen mal im kompakten dreistimmigen Bläsersatz, mal führt die Trompete, während die Posaune eine Gegenstimme entwickelt und die Klarinette keck beide umspielt. Auch geht es jazzgeschichtlich ein paar Schritte nach vorn zum Swing eines Benny Goodman, und schließlich rundet der ODJB-Hit „Tiger Rag“ den Abend ab. Eine rundum gelungene Geburtstagsfeier.