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Kommunalpolitiker diskutierten bei der Heilpädagogischen Hilfe „Soziale Katastrophen“ im Alltag

Von Gisela Kriz | 04.09.2011, 15:30 Uhr

Wer denkt, behinderte Menschen leben still und zurückgezogen, der wurde eines Besseren belehrt: Bei einer Veranstaltung zur Kommunalwahl 2011 mit dem Thema „Was Menschen mit Behinderung bewegt“ zeigten sie sich engagiert und gut informiert. Zahlreich konfrontierten sie die anwesenden Politiker mit ihren Anliegen, unterstützt vom Applaus der übrigen betroffenen Zuhörerschaft.

Anlässlich der Wahl hatte die Heilpädagogische Hilfe Osnabrück (HHO) sechs Kommunalpolitiker der im Stadtrat vertretenen Parteien eingeladen, ihre sozialpolitischen Konzepte zu erläutern und sich Fragen zu stellen. Kooperationspartner der Veranstaltung waren die Caritas, der Verein Lebenshilfe, die St. Johann Behindertenhilfe und der Verein Hilfe für Hörgeschädigte. Carl-Heinrich Bösling, der Leiter der Volkshochschule Osnabrück, moderierte.

Rund 200 Menschen mit Handicap und ihre Angehörigen folgten im Saal der HHO konzentriert den Beiträgen der Parteienvertreter. Sie quittierten manches mit lautem Klatschen, anderes mit ungläubigem Lachen. Als Joachim Böhmer von der HHO mit dem Mikrofon Äußerungen im Publikum sammelte, erzählten einige die traurige Geschichte ihres Scheiterns bei dem Versuch, am normalen Leben teilzuhaben.

Als „soziale Katastrophe“ schildert eine Mutter die Situation heranwachsender Schwerstbehinderter, die im Wohnheim für Kinder und Jugendliche nur noch geduldet sind, weil sie nichts anderes finden. Die Verhandlungen mit dem Land Niedersachsen über einen Neubau stockten, sagt sie: „Statt Wiedereingliederung sollen die Heranwachsenden nun als Pflegefälle ins Pflegeheim abgeschoben werden. Sie verlieren damit auch noch ihren Anspruch auf einen Werkstattplatz.“

Die Hochschulabsolventin Karin Achberger berichtet von ihrer verzweifelten Suche nach einem Arbeitsplatz. Eine andere Frau erzählt, wie sie sich erfolglos um eine barrierefreie Wohnung bemüht hat. Zu große Schulklassen für die Inklusion, zu geringe Bezahlung für den achtstündigen Arbeitstag waren weitere Probleme: „Wir erhalten in der Mensa viel weniger als Leute des 1. Arbeitsmarktes“, sagt jemand. Die Politiker sprechen von der Dringlichkeit eines Osnabrücker Modells für Bereiche, wo nicht das Land, sondern die Kommune zuständig ist.

„Wenden Sie sich mit Ihren Anliegen an uns“, sagt Christel Wachtel (SPD). Sie kritisiert den Verkauf der Osnabrücker Wohnungsbaugesellschaft (OWG). „Da hätte man Möglichkeiten gehabt, barrierefreie Wohnungen zu schaffen.“ Man versuche jetzt, in Neubaugebieten auf Barrierefreiheit hinzuwirken. Die SPD habe ein Konzept zur Barrierefreiheit im öffentlichen Raum erwirkt.

Eva-Maria Westermann (CDU) sagt: „Wir müssen private Investoren für barrierefreie Wohnungen gewinnen.“ Die CDU setze auf „ambulant vor stationär“. Über die Jobcenter könnten EU-Fördermittel beantragt werden für Praktika, die Menschen mit Handicap in Beschäftigung brächten.

Anke Jakobsen (Grüne) will das Thema „Wiedereingliederung statt Pflegeheim“ auf die Tagesordnung setzen. Sie weist hin auf den von ihrer Fraktion eingebrachten Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention. Er wurde im Juli einstimmig im Rat beschlossen.

Herbert Staben (FDP) empfiehlt den Betroffenen „schriftliche Eingaben bei der Fraktion Ihres Vertrauens“. Dann würden die Themen deutlich. Der Rat könne da, wo er befugt sei, Einfluss nehmen. Giesela Brandes-Steggewentz, Landesvorsitzende der Linken, sagt: „Wir haben eine wöchentliche Beratung im Parteibüro.“ Auch sie bedauert den Verkauf der OWG. Wulf-Siegmar Mierke (UWG) bietet denen, die ein Anliegen haben, an: „Sie dürfen auf mich zukommen.“