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Klein-Klein vor der Großen Strafkammer Zweiter Prozesstag im Fall des getöteten Litauers

Von Dietmar Kröger | 24.06.2014, 20:17 Uhr

Während sich vor dem Landgericht ein Bagger mit seiner martialisch anmutenden Zange durch 60 Zentimeter Beton der Tunneldecke beißt, dröselt am Dienstag in Saal 188 die Große Strafkammer sozusagen mit der feinen Pinzette die Vorgänge um den Tod eines 45 Jahre alten Litauers im Dezember vergangenen Jahres auseinander.

Wie lagen die Äste, mit denen der Tote abgedeckt war? Waren sie geordnet oder doch eher durcheinander? Wo genau lag das Mobiltelefon, das am Tatort gefunden wurde? Wo stand der Zeuge, als er den Toten entdeckte? Gespannt, aber auch ein wenig verwundert verfolgten die Schüler einer 8. Klasse des Carolinums, mit welcher Akribie das Gericht auf dem Weg zur Wahrheitsfindung jeden Stein umdreht, manchmal auch mehrfach.

An diesem zweiten Prozesstag kam zunächst der Angeklagte zu Wort, der einen kurzen Einblick in seinen Lebenslauf gab: Im August 1966 in Litauen als Sohn eines Busfahrers und einer Köchin geboren, machte er nach der Schule eine Ausbildung zum Landwirtschaftstechniker, leistete seinen Wehrdienst, arbeitete bei der Polizei und im Justizvollzugsdienst. Seit fünf Jahren sei er in unregelmäßigen Abständen in Deutschland tätig, um Autos zu reparieren, die er dann zum Teil in Litauen verkauft habe. Der 47-Jährige ist verheiratet hat einen Sohn und eine Tochter – so weit die Einlassungen des Mannes vor Gericht. Als das Thema Alkoholkonsum aufkommt, bremst ihn sein Anwalt. Zu diesem Thema werde man später im Prozessverlauf etwas sagen. Einlassungen zur Sache machte der Mann auch am Dienstag nicht.

Also kamen Zeugen und Gutachter zu Wort. Zunächst die beiden Zeugen, die den Toten in Pye an der Straße Am Weingarten gefunden hatten. Schwer zu sehen sei der Tote gewesen, geben die Zeugen zu Protokoll. Abgedeckt mit Laub und Geäst, war es wohl eher Zufall, das die Männer den Litauer überhaupt entdeckten. Ein Polizist und die Notärztin, die zum Fundort gerufen worden waren, bestätigen den Eindruck der Zeugen. Es sei auch für ihn erstaunlich gewesen, mit wie wenig Material der Leichnam habe so komplett abgedeckt werden können, wundert sich der Beamte. Alle vier Zeugen mussten detailliert die Anordnung der Äste beschreiben und genau darlegen, wie sie den Fundort möglicherweise verändert haben, bevor die Spurensicherung ihre Arbeit aufnahm. Das Ergebnis: Der Fundort wurde wohl nur minimal verändert. Selbst die Notärztin hatte den Toten nicht freigelegt. Schon beim Druck auf die Schulter hatte sie die Leichenstarre feststellen können.

Nach der Mittagspause hörte das Gericht die erste Gutachterin. Sie ist Biologin, arbeitet beim Landeskriminalamt und befasst sich mit Blutspuren. Derer gab es reichlich in der gemeinsamen Unterkunft von Angeklagtem und Opfer. Zwar habe der Raum auf den ersten Blick einen sauberen Eindruck gemacht, bei genauerem Hinsehen seien aber doch zahlreiche Spritzer zu sehen gewesen. Nicht alle wurden auf DNA untersucht, die ausgewählten Proben hätten sich aber als vom Opfer stammend herausgestellt, so die Gutachterin. Sie erklärt die Anordnung der Spritzer und schließt daraus, dass zumindest zwei oder drei Stellen im Raum Ausgangspunkte für die Spuren sind. Ein Luminoltest, mit dem Blutspuren sichtbar gemacht werden können, wurde durchgeführt, brachte aber laut Gutachterin keine wirklich aussagekräftigen Beweise.

Die wird das Gericht am Donnerstag, ab 9 Uhr in Saal 188 des Landgerichts weiter sammeln – in seiner akribischen Art, um möglichst alle Zweifel an Schuld oder Unschuld des Angeklagten auszuräumen.