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Kinder im Krieg Hürden im Aufnahmeland stressen Flüchtlinge

Von Stefan Buchholz, Stefan Buchholz | 18.03.2016, 09:31 Uhr

Kinder im Krieg waren das erste Thema der Osnabrücker Friedensgespräche in diesem Jahr. In der Schlossaula der Universität sprachen drei Experten darüber, was Kriegserfahrungen bei Kindern anrichten.

Friedensgespräche um Feuerpausen mit Milizenführern und Machthabern sind oftmals heikel, aber immer notwendig für UNICEF, betonte Christian Schneider, der Geschäftsführer des deutschen Komitees der internationalen Kinderhilfsorganisation.

Aktuell wächst weltweit jedes neunte Kind zwischen Frontlinien auf, so Schneider. „Kinder werden dort schnell zu Erwachsenen, ohne jemals eine Kindheit in unserem Sinne gelebt zu haben.“ In Syrien etwa, hätten 3,7 Millionen Kinder bis fünf Jahre kein anderes Leben als den Krieg kennengelernt.

Die Gewalt gegen Kinder erstrecke sich auch auf ihre Rekrutierung für den Krieg. „Sie werden missbraucht, um Waffen zu schleppen und Verletzte zu bergen, aber auch um als Scharfschützen und bei Exekutionen anzulegen“, schilderte Schneider.

Berichte aus Flüchtlingsfamilien zeigten, dass fast alle Kinder tiefe psychologische Probleme hätten. Sie reichten von Alpträumen über Bettnässen bis hin zu Frust, Aggression und Depression.

Auch wenn nicht jedes Kind mit Erfahrungen aus Kriegsgebieten Störungen entwickle, ist eine Studie der Universität München alarmierend, befand Areej Zindler. Die Ärztliche Leiterin der Flüchtlingsambulanz für Kinder und Jugendliche der Stiftung Children for Tomorrow am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf zitierte daraus, dass von 100 geflüchteten Kindern aus Syrien, jedes Fünfte eine Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) habe. „16 Prozent leiden an Anpassungsstörungen, die große Mehrheit von ihnen an körperlichen Beschwerden“, so Zindler.

Die Behandlungschancen traumatischer Erfahrungen beurteilte Gehad Mazarweh als gering. „Wer traumatisiert ist, wird niemals gesund“, meinte der Psychologische Psychotherapeut aus Freiburg. Um zumindest teilweise eine Gesundung zu erreichen, brauche es Menschlichkeit, Sicherheit, Wärme und Geborgenheit, sagte Mazarweh.

Seine Skepsis, Traumata erfolgreich behandeln zu können, teilte Areej Zindler nicht. Sie plädierte, individuelle Therapieziele bei Kindern und Jugendlichen mit PTBS zu formulieren. Dabei helfe, jeweils individuellen Faktoren wie Temperament, Intelligenz und soziale Fähigkeiten miteinzubeziehen.

Was kann man leisten, um die Kinder und ihre Familien zu integrieren, fragte Moderatorin Susanne Menzel vom Wissenschaftlichen Rat der Friedensgespräche. Ein Mittel sei die Willkommenskultur, befand Christian Schneider. Areej Zindler appellierte an die deutsche Politik: Statt den Flüchtlingen mit ihren traumatischen Erfahrungen wirksam zu helfen, löse der Aufenthalt im Aufnahmeland oft „postmigratorische Stressoren“ aus. „Das sind zum Beispiel unsicherer Aufenthaltsstatus, unklare Dublin-Verordnungen oder der eingeschränkte Zugang zum Arbeitsmarkt. Wir tragen also dazu bei, dass es den Flüchtlingen schlechter geht als zuvor.“