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Kein Geld, kein Traubenzucker Apotheker schickt Mädchen mit Zuckerschock weg

Von Sebastian Stricker | 19.09.2013, 08:03 Uhr

Stark unterzuckert bittet eine 15-jährige Diabetes-Patientin in einer Osnabrücker Apotheke um ein paar Bonbons. Doch der Apotheker schickt das kranke Mädchen weg. Begründung: Er habe keinen Traubenzucker zu verschenken, und für die 65 Cent teure Packung aus dem Sortiment fehle dem Mädchen das Geld. Die Mutter der 15-Jährigen ist entsetzt und spricht von unterlassener Hilfeleistung.

Es ist der Donnerstag vor dem Lotterstraßenfest, als Dana Grabbe aus Gretesch an der Ecke Heger-Tor-Wall auf ihre Freundin wartet. Die beiden wollen zum Tanzkurs. Plötzlich sackt ihr Blutzuckerspiegel in den Keller. Die 15-Jährige ist alarmiert. Von Kindesbeinen an zuckerkrank , hat sie für solche Fälle eigentlich immer etwas Süßes dabei. Diesmal nicht. Jetzt ist Eile geboten: Wird das Gehirn nicht schnellstens mit Glukose versorgt, macht es bald schlapp – und das Mädchen fällt in Ohnmacht. Dana Grabbe ruft ihre Mutter an. Die rät, sofort in die nächste Apotheke zu gehen und dort um etwas Traubenzucker zu bitten.

Nicht vorrätig

Die 15-Jährige schwitzt und zittert bereits, als sie daraufhin die nahe Arndt Apotheke betritt und ihre Notlage schildert. Doch geholfen wird dem Mädchen, das kein Geld dabei hat, nicht. Er habe keinen Traubenzucker zu verschenken, so die Auskunft von Apotheken-Inhaber Burckhard Lüders. Glucose-Bonbons, wie sie in vielen Apotheken kiloweise und kostenlos an Kinder herausgegeben werden, seien gerade nicht vorrätig. Und eine Packung aus dem Verkaufsregal koste 65 Cent. Ohne Bezahlung könne er nichts für sie tun – nicht einmal ausnahmsweise. Kein Geld, kein Traubenzucker.

Dana Grabbes Mutter Heike traut ihren Ohren kaum, als ihre verzweifelte Tochter sie nach dieser Abfuhr ein zweites Mal anruft. „Ich weiß, dass wenn meine Tochter mich anruft, dann geht es ihr wirklich schlecht. Aber als ich hörte, was passiert ist, wäre ich bald vom Stuhl gefallen“, berichtet Grabbe der Neuen OZ. Umgehend habe sie den Apotheker zur Rede gestellt, doch der sei unerbittlich gewesen. Seine Empfehlung am Telefon: Das Mädchen könne ja in die Apotheke gegenüber gehen. „Dabei ist bei Unterzuckerung jeder Schritt eine Qual“, erklärt Heike Grabbe, „da kann selbst gegenüber schon zu weit sein.“

Mögliches Nachspiel

Gleichwohl schleppt sich ihre Tochter, arg geschwächt und zunehmend verängstigt, mit der besorgten Mutter am Handy quer über die Straße in die 18 Meter entfernte Einhorn Apotheke am Hegertor. Dort wird der 15-Jährigen sofort geholfen. „Eine Selbstverständlichkeit“, heißt es dort auf NOZ-Nachfrage, „wir haben doch Traubenzucker in Hülle und Fülle.“ Eine Handvoll Bonbons und ein paar Minuten später geht es dem Mädchen wieder besser.

Für Heike Grabbe ist die Sache damit keinesfalls erledigt. Sie sei selbst seit 20 Jahren Diabetikerin, aber dass eine Apotheke in solch einer dramatischen Situation derartig reagiere, habe sie noch nie erlebt. „Das grenzt an unterlassene Hilfeleistung. Ich bin einfach nur entsetzt!“ Am Dienstag meldete sie den Vorfall der niedersächsischen Apothekerkammer.

Burckhard Lüders von der Arndt Apotheke bestätigt gegenüber unserer Zeitung den Sachverhalt. „Ich hatte keinen Traubenzucker zum Verschenken auf Lager – und der andere kostet 65 Cent.“ Ob er denn angesichts der Notlage nicht eine Packung hätte anbrechen können, geschweige denn müssen? „Hätte ich das mal gemacht“, bedauert Lüders. „Was passiert ist, tut mir leid.“