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Jahresrückblick 2017 Verkehrspolitik in Osnabrück: Wie die automobile Gesellschaft Boden verliert

Von Rainer Lahmann-Lammert | 31.12.2017, 08:40 Uhr

Für die einen ist es reine Schikane, für die anderen ein Beitrag für mehr Lebensqualität. In der Verkehrspolitik verschiebt die Stadt Osnabrück ihre Prioritäten zugunsten von Radlern, Bussen und Fußgängern. Das missfällt vielen, die ihre Wege bevorzugt mit dem Auto zurücklegen.

 Modellversuch Tempo 30. Das hatte gerade noch gefehlt. Nicht nur in Wohngebieten, auch auf einigen Hauptverkehrsstraßen soll es künftig sanft und leise zugehen. Um herauszufinden, ob das langsamere Tempo positive Effekte haben könnte. Immerhin klagen viele Stadtbewohner über den Lärm, die Schadstoffe in der Luft und die Unfallgefahren. Die Gegner des Modellversuchs glauben allerdings jetzt schon zu wissen, dass Tempo 30 nur den Verkehr aufhält und den Schadstoffausstoß erhöht. Dass eine Mehrheit im Rat für den Modellversuch gestimmt hat, wird als ideologisch motivierte Kampfansage an die automobile Gesellschaft gebrandmarkt.

Anderer Umgang mit dem Auto

Dabei ist Tempo 30 auf Hauptverkehrsstraßen nur einer von vielen Schritten zu einem anderen Umgang mit dem Auto. Nach langem Hin und Her hat die Stadt im Oktober den Neumarkt für Autos gesperrt. Laut wird darüber nachgedacht, die Martinistraße, eine der wichtigsten Verkehrsadern im Stadtgebiet, auf zwei Spuren zurückzubauen. Vom Umbau der Bramscher Straße versprachen sich die Verkehrsplaner anfangs, dass die Busse an den Autos vorbeiziehen sollten, wie es Stadtbaurat Frank Otte einmal ausdrückte. Dagegen machte die Autofahrer-Fraktion mobil, und am Ende fiel die Beschleunigung für die neue E-Buslinie ein paar Nummern kleiner aus.

Mehr Platz für Radfahrer

Mit Unverständnis reagiert die automobile Community auf die Absicht der Stadt, den Anteil der Radler auf Osnabrücks Straßen zu erhöhen. Fahrradfahrer? Das sind doch die Anarchisten, die weder Einbahnstraßen noch rote Ampeln kennen und bei Dunkelheit ohne Licht fahren, lautet das vernichtende Urteil der vierrädrigen Fraktion. Und die sollen zur tragenden Säule eines neuen Verkehrskonzepts werden?

Ausgestattet mit Bundes- und Landesmitteln, macht sich die Stadt daran, einen Radschnellweg zwischen Osnabrück und Belm zu bauen– mit eingebauter Vorfahrt für die rasenden Pedaleure. Autofahrer müssen also warten, sobald ein Radler am Horizont auftaucht. Das kratzt am sozialen Status der automobilen Society.

Noch schlimmer kommt es am Natruper-Tor-Wall, wo die Stadt allen Ernstes eine Spur für den motorisierten Individualverkehr opfern will, um Radlern ein sicheres Vorwärtskommen auf „Protected Lanes“ zu ermöglichen. Das sind Radspuren, die mit einem kleinen Wall aus Gummi von den übrigen Spuren abgetrennt werden. So ist es jedenfalls im Radverkehrsplan angedacht, dessen einzelne Schritte allerdings noch unter dem Vorbehalt stehen, dass der Rat zustimmt.

Das Team „Mobile Zukunft“

Um die Verkehrswende voranzubringen, haben die Stadt und die Stadtwerke eine gemeinsame Schnittstelle geschaffen, mit einer personellen Minimalausstattung und einem Büro im Hochhaus am Berliner Platz. „Mobile Zukunft“, heißt das Projekt, und wer dem kleinen Team einen Besuch abstattet, bekommt gleich ein Kärtchen in die Hand gedrückt mit der Botschaft: „Osnabrück hat autofrei“. Am 23. September 2018 soll es einen autofreien Sonntag geben, mit einem Happening auf der Martinistraße. Die Finanzierung ist aber noch nicht sicher.

Das Team von „Mobile Zukunft“ hat mitgemischt beim Parking Day, an dem Parkplätze in der Innenstadt für einen Tag umfunktioniert werden durften für autofreie Zwecke, etwa zum Frühstücken, Sonnenbaden oder Tanzen. Um zu verdeutlichen, dass der Lebensraum Stadt eigentlich zu schade ist, um ihn mit Autos zu verstopfen.

Über diesen Fingerzeig einiger weniger Aktivisten regte sich kaum jemand auf. Die Ankündigung allerdings, dass zwei Parkplätze an der Dielingerstraße dauerhaft dem Verkehr entzogen werden sollen, stieß auf den Argwohn autobeseelter Leidensgenossen. Es sei doch schade um die Parkgebühren, die der Stadt nun entgehen würden, sorgten sich Betroffene.

Weitaus nervöser fielen die Reaktionen aus, als die Stadt ankündigte, dass die Rheiner Landstraße demnächst wegen dringend notwendiger Kanalarbeiten für zweieinhalb Jahre gesperrt werden soll. Schon wieder eine Baustelle! Es gibt Autofahrer, die sind überzeugt, dass eine Strategie dahintersteckt. Bauarbeiten – reine Schikane!

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