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Interview: HWK-Präsident Peter Voss Voss: Mehr Frauen fürs Handwerk begeistern

Von Nina Kallmeier | 05.06.2018, 07:30 Uhr

Er war der erste Emsländer im Amt des Kammerpräsidenten: Nach neun Jahren gibt Peter Voss das Ehrenamt am Donnerstag ab. Ein Gespräch über Erfolge und Misserfolge seiner Amtszeit, Schwierigkeiten der Betriebe, einen Nachfolger zu finden und das Segeln.

 Herr Voss, Sie waren nicht nur in der Region für das Handwerk aktiv, sondern auch landes- und bundesweit. Welche Themen stechen für Sie aus den letzten neun Jahren heraus? 

Es ist allem die Imagekampagne des Handwerks, die mich in den ganzen neun Jahren meiner Amtszeit als Präsident der Handwerkskammer begleitet. Es ist eine riesige Aufgabe, sie zu begleiten und zu leben. Ich persönlich habe mir immer die Gleichwertigkeit der beruflichen und akademischen Bildung auf die Fahne geschrieben. Mir ist es jedoch nicht in genügendem Maße gelungen, mehr Frauen für das Handwerk zu begeistern.

 Wie hoch ist die Frauenquote aktuell? 

Bei den insgesamt rund 7000 Auszubildenden liegt der Anteil bei 21 Prozent. Ebenso hoch ist in etwa der Anteil an Betriebsinhaberinnen im Kammerbezirk. Es ist also noch viel Luft nach oben.

 Was braucht es Ihrer Meinung nach, um mehr Frauen für das Handwerk zu begeistern? 

Es braucht vor allem ein Umdenken in den Köpfen vieler Männer. Bei vielen Frauen hingegen bräuchte es einfach ein bisschen Mut, bewusst einen anderen Weg als den klassischen Bürojob einzuschlagen. Ich habe absolute Hochachtung vor Frauen, die im Handwerk ihre Meisterprüfung machen und ihre Frau stehen. Denn es gibt sehr viele starke Frauen. Ich hätte mir auch eine Frau an der Spitze der Handwerkskammer gewünscht. Aber vielleicht beim nächsten Mal.

 Sie waren der erste Emsländer im Amt des Kammerpräsidenten. Hat man es da einfacher oder schwerer? 

Weder das eine, noch das andere. Ich habe kokettiert mit diesem Fakt, aber dass es überhaupt in der Form wahrgenommen wird, ist schon interessant. Auch aufgrund der Nähe zum Sitz der Handwerkskammer ist das Amt immer eine Domäne der Osnabrücker gewesen. Ich bin in Osnabrück deutlich wahrgenommen worden. Das hat mir in vielerlei Hinsicht den Zugang zur Politik, zur Wirtschaft erleichtert.

 Mussten Sie ab und an eine Lanze für die Emsländer brechen? 

Ja, und das mache ich auch gerne. Ich spreche Plattdeutsch und habe das auch in der einen oder anderen Rede getan. Auch, um die Heimatverbundenheit und Bodenständigkeit zu dokumentieren, in der ich großgeworden bin. Aber ob Osnabrücker oder Emsländer, es sind alles tüchtige Handwerker, die ihr Handwerk verstehen, sich für ihre Mitarbeiter verantwortlich fühlen und gesellschaftliche Verantwortung übernehmen.

 Sie haben einen ihrer Schwerpunkte, die Gleichstellung beruflicher und akademischer Ausbildung, schon angesprochen. Die Meisterprämie ist nun auch vom Landtag offiziell verabschiedet. Ist das Thema damit abgehakt? 

Nein, es ist ein Etappenziel. Ich finde es toll, dass die Landesregierung die Meisterprämie beschlossen hat, denn sie ist auch ein Ersatz für investiertes Geld. Während Studiengebühren abgeschafft sind, muss der junge Handwerksgeselle seine Weiterbildung selbst zahlen. Die Meisterprämie ist aber nicht das Ende der Fahnenstange.

 Auf den letzten Metern ihrer Amtszeit sind in Hamburg auch erste Diesel-Fahrverbote eingeführt worden. Stimmt das nachdenklich? 

Der Verkehr wird ja nicht weniger, es werden nur andere Straßen belastet. Ich bin kein Freund des Diesel-Bashings. Es ist betrogen worden, entsprechend müssen die Konzerne dafür Sorge tragen, dass hier Abhilfe geschaffen wird. Alles andere ist blinder Aktionismus. Und es können noch mehr Fahrverbote kommen. Ich halte das für den falschen Weg. Und wenn wir Handwerker mit unseren Fahrzeugen nicht in die Stadt kommen, wird die Versorgung gefährdet.

 Ihr Nachfolger wird am Donnerstag schnell gewählt sein, Betriebe in der Region haben da mehr Probleme mit der Nachfolgeregelung. Hat das Handwerk doch keinen sprichwörtlichen goldenen Boden mehr? 

Natürlich haben wir goldenen Boden, aber es bleibt schwierig. Rund 2300 Betriebsinhaber von 10700 in der Region sind älter als 55. In meinem eigenen Betrieb habe ich mit 55 angefangen, meine Nachfolge zu regeln. Das hat fünf Jahre gedauert – so lange braucht eine gute und erfolgreiche Suche im Durchschnitt, wenn der Nachfolger nicht aus der eigenen Familie kommt. Es ist erschreckend, wie viele gut laufende Betriebe schließen müssen, weil kein geeigneter Nachfolger gefunden wird. Das hat auch damit zu tun, dass viele junge Leute trotz der hohen Förderungen und der Unterstützung nicht mehr den Mut haben, sich selbstständig zu machen.

 Würde eine Gründerprämie fürs Handwerk Anreize schaffen? 

Ich bin ein entschiedener Gegner von Subventionen. Das brauchen wir im Handwerk nicht, sondern faire Rahmenbedingungen. Als Unternehmer der alten Schule bin ich der Meinung: Die Prämie für die Gründung eines Unternehmens ist der wirtschaftliche Erfolg.

 Wünschen Sie sich mehr Unterricht zu Wirtschaft und Unternehmertum an den Schulen? 

Bringt den jungen Leuten mehr Alltagsleben bei, denn von zuhause kriegen sie es nicht mehr mit. Die Ansätze im Unterricht sind da, aber ich würde mir wünschen, dass hier von der Politik noch mehr kommt. Das wäre eine der schönsten Nachrichten in meinem Ruhestand.

 In rund drei Monaten beginnt das neue Ausbildungsjahr. Bislang sieht es nicht danach aus, als ob die Lehrlingszahlen wieder steigen würden. 

Nein, an den sinkenden Lehrlingszahlen wird sich im Augenblick nichts ändern. Im Gegenteil, es wird noch schwieriger werden. Wir können nur werben und keinen verloren geben. Handwerker müssen erkennen, dass sie sich ihren Nachwuchs selbst züchten und sich verstärkt einbringen müssen. Wir brauchen aber auch die gesellschaftliche Akzeptanz des Handwerks. Wir sind keine Alternative C. Der Mensch fängt nicht mit dem Abitur an. Jeder Ingenieur sollte vor dem Studium eine Ausbildung im Handwerk machen. Dann kann er was erreichen und hat eine ganz andere Basis – und auch eine höhere Akzeptanz der Mitarbeiter zum Beispiel auf der Baustelle.

 Ratschläge gibt man gerne: Welche Themen stehen für Ihren Nachfolger jetzt auf dem Programm? 

Wir haben drei Themen bei uns im Haus, die ich nicht befördern konnte. Das ist einmal die Vereinigung der emsländischen Kreishandwerkerschaften zu einem Haus. Das kann mein Nachfolger befördern. Auch die Neustrukturierung unserer Bildungstöchter steht an. Und vielleicht kann er die Zusammenarbeit zwischen den Kreishandwerkerschaften und der Handwerkskammer vertiefen.

 Was machen Sie nun mit der vielen Freizeit? 

Neun Jahre lang hat der Terminkalender der Handwerkskammer intensiv mein Leben bestimmt. An die Freizeit werde ich mich gewöhnen müssen. Es gibt jedoch meine Familie, ein kleines Segelbötchen und ein Golfcart, sodass mir nicht langweilig wird. Nächstes Jahr habe ich vor, den ganzen Sommer lang zu segeln, von Riebnitz nach Usedom und Rügen – wie Wilfried Erdmann. „Ein deutscher Segelsommer“ heißt sein Buch. Kartenmaterial und die Bücher habe ich schon, sodass ich die Tour dieses Jahr vorbereiten kann. Nächstes Jahr steche ich in See. Was danach kommt, mal schauen.