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In der Heimat bedroht und verfolgt Türkische Forscherin findet Zuflucht an Uni Osnabrück

Von Hendrik Steinkuhl | 27.02.2017, 12:19 Uhr

Weil sie eine Petition gegen die Verbrechen ihrer Regierung an den Kurden unterschrieb, verlor die Wissenschaftlerin Bediz Yilmaz ihren Job und wurde vielfach bedroht. Dank eines Stipendiums kann sie nun für zwei Jahre an der Universität Osnabrück forschen. Mann und Kinder musste sie dafür in der Türkei zurücklassen.

Es ist nicht leicht, Bediz Yilmaz dazu zu bringen, über ihre eigenen Probleme zu sprechen. Was sie erfahren musste, seitdem sie im Januar 2016 die Kurdenpolitik der türkischen Regierung öffentlich kritisiert hat, hält sie für vernachlässigbar. „Wir, die die Petition unterschrieben haben, wollen uns nicht zu Opfern machen“, sagt sie. Die wahren, die einzigen Opfer seien die Kurden, die vom türkischen Militär getötet, gefoltert und unterdrückt werden. Yilmaz und ihre Mitstreiter hätten einfach nur eine Entscheidung getroffen und müssten nun eben die Konsequenzen dafür tragen.

Die Petition, welche die türkische Wissenschaftlerin nach Deutschland gebracht hat, trägt den Titel „Wir werden kein Teil dieses Verbrechens sein“. Darin kritisieren die Unterzeichner die Kriegshandlungen des türkischen Militärs am kurdischen Volk und erheben die Forderung, die Repressionen gegen die Kurden sofort einzustellen.

Von Erdogan als Terroristin bezeichnet

Auf die Frage, ob sie denn nicht damit gerechnet habe, dass diese Unterschrift Probleme für sie bringen würde, antwortet Bediz Yilmaz: „Nein, absolut nicht. Es ist ja nur eine Internet-Petition, so etwas unterschreibt man ja oft.“ Es sei ihr zwar klar gewesen, dass es ein sehr starker Text mit klaren Forderungen war. „Trotzdem hätte ich nie damit gerechnet, dass er so viel Feindseligkeit hervorrufen würde.“

Die Folgen dieser leichtfertigen Unterschrift waren gravierend: Yilmaz und die rund 1000 anderen Unterzeichner wurden von Staatspräsident Erdogan als Terroristen und Landesverräter bezeichnet. Einige von ihnen wurden sogar verhaftet. „Wer das Brot dieses Landes isst, aber diesen Staat verrät, gehört bestraft“, sagte Erdogan in einer Rede. Auch Bediz Yilmaz‘ Mann unterschrieb die Petition. Aus Angst davor, festgenommen zu werden, verließen das Ehepaar und die beiden Kinder für einige Wochen ihr Haus in der türkischen Stadt Mersin.

Ehemann darf Türkei nicht verlassen

Im Sommer wurde dann Bediz Yilmaz‘ seit 2007 laufender Vertrag als Assistenz-Professorin an der Universität Mersin plötzlich nicht mehr verlängert – ganz offiziell mit der Begründung, dass sie eine regierungsfeindliche Petition unterstützt habe und die Staatsanwaltschaft deswegen auch gegen sie ermittle. Yilmaz‘ Mann wiederum, ausgestattet mit einen Vertrag auf Lebenszeit, gehört zu den Wissenschaftlern, die die Türkei derzeit nicht verlassen dürfen.

„Auch wenn ich gewusst hätte, was die Konsequenzen sind, hätte ich die Petition unterschrieben“, sagt Bediz Yilmaz heute, gut ein Jahr nach ihrer folgenreichen Unterschrift. Und sie betont, dass sie noch Glück gehabt habe. Sie lebe in einer sehr zivilisierten Stadt. Andere Mitunterzeichner in anderen Teilen des Landes seien von Ultra-Nationalisten mit dem Tode bedroht worden und hätten keine Möglichkeit mehr gefunden, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. (Weiterlesen: Erdogan-Anhänger machen Hetzjagd auf Türken in Osnabrück) 

Forschungsschwerpunkt: erzwungene Migration

Weil sie und ihre Familie aber in ständiger Unsicherheit leben und damit rechnen müssen, dass auch Bediz Yilmaz‘ Mann seinen Job verliert und sogar inhaftiert wird, hätten sie gemeinsam entschieden, dass Bediz Yilmaz die Türkei verlässt. Über eine gemeinsame Freundin kam sie in Kontakt mit Helen Schwenken, Professorin am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (Imis) der Universität Osnabrück. Was dazu führte, dass Yilmaz, die von der in New York ansässigen Stiftung „Scholars at Risk“ als gefährdete Wissenschaftlerin anerkannt ist, als erste Vertreterin dieser Gruppe in Forschungsprojekte der Uni Osnabrück aufgenommen wurde.

Seit dem 1. Februar ist sie nun als Stipendiatin am Imis tätig. Gefördert wird sie bis Ende 2018 von der Philipp-Schwartz-Initiative. Diese gibt Hochschulen in Deutschland die Möglichkeit, gefährdete Forscher für diesen Zeitraum aufzunehmen. Yilmaz‘ Arbeitsschwerpunkt passt hervorragend zum Imis: Sie forscht seit Jahren vor allem über erzwungene Migration – was, ironischerweise, die Wissenschaftlerin nun auch ganz persönlich betrifft.

Wohnung in zentraler Lage gesucht

In Osnabrück fühlt sie sich bislang nach eigener Aussage sehr wohl. Ihr gefalle vor allem, wie viel in der Stadt für Flüchtlinge getan werde. Und natürlich, so antwortet sie auf Nachfrage, habe man ihr schon „sehr, sehr oft“ gesagt, dass Osnabrück die Friedensstadt sei. (Weiterlesen: Zwei Drittel der Osnabrücker Türken für Erdogan?) 

Was ihr allerdings noch fehlt, ist eine Wohnung. „Drei bis vier Zimmer in zentraler Lage, das wäre toll.“ Die Zimmerzahl benötige sie, falls ihr Mann in der Türkei ein Arbeitsverbot erhalte und sie ihre beiden Kinder zu sich nach Deutschland holen müsse. „Man kann derzeit überhaupt nicht abschätzen, was in der Türkei passiert. Und natürlich kann ich nicht mal ausschließen, dass mein Mann plötzlich von der Polizei abgeholt wird.“