Ein Artikel der Redaktion

In aller Ruhe vom Rock befreit BAP mit Akustik-Marathon in der Osnabrückhalle

Von Matthias Liedtke | 03.04.2014, 02:35 Uhr

In der ausverkauften Osnabrückhalle haben die legendären Kölsch-Rocker von BAP den Stecker und die Bremse gezogen. Und in einer beeindruckenden Werkschau mit neuer, siebenköpfiger Besetzung und leiserer Instrumentierung gezeigt, wie sie ihren Liedern im rein akustischen Gewand ganz neue Facetten entlocken können.

Fast vier Dekaden hat es gedauert, bis die Urväter des Kölsch-Rock, die dereinst angetreten sind, in einem antikarnevalistischen Sinne „andere kölsche Leeder“ zu rocken, sich den Traum erfüllten, eben diese Lieder auch einmal buchstäblich gegen den Strom anders als rockig zu interpretieren. Mit sakralem Domglockengeläut wurde die Mundart-Messe eröffnet. „Noh All Dänne Johre“ war dann das passende Startsignal für eine musikalisch-biographische Reise in das Lebenswerk von Wolfgang Niedecken. „Älter oder weiser?“ fragt sich darin der 63-Jährige. Als weise Entscheidung erwies sich jedenfalls, die „an Ketten gelegte“ Band mit der Violinistin Anne de Wolff und dem begnadeten Perkussions-Künstler Rhani Krija akustisch zu verstärken.

Klassiker neu interpretiert

Denn deren virtuose multiinstrumentale Begleitung verlieh altbekannten Klassikern wie der beschwingten „Querjestrieften Frau“ einen folkig-countryesken Anstrich, der wie eine musikalische Frischzellenkur wirkte. Beim Titelstück des aktuellen Niedecken-Solo-Albums „Zosamme Alt“ lernte das Publikum mit dem schönen kölschen Wort „höösch“, das so viel bedeutet wie „in aller Ruhe“, auch gleich den Modus des dreieinhalbstündigen Akustik-Marathons kennen. Ob mit Geige, Mandoline, Cello, Posaune, Xylofon oder indischem Harmonium: Die neuen musikalischen Arrangements funktionierten prächtig. Selbst vergleichsweise gradlinigen Rock-Klassikern wie „Verdamp lang her“ verliehen sie eine ungeahnte Tiefenschönheit. Die bereits langjährigen BAP-tisten Werner Kopal an Kontrabass und Bassgitarre und Michael Nass an Hammond-Orgel, Klavier und Akkordeon sowie der überzeugende Aushilfs-Gitarrist Ulrich „Ulle“ Rode, der auch unerschrocken zur Pedal Steel Guitar und zur türkischen Cümbüs griff, und „Alterspräsident“ Jürgen Zöller am Schlagzeug wurden da beinahe zur Rhythmus-Sektion degradiert.

Ein Überraschungsgast

Als Überraschungs- und Ehrengast bat Niedecken erstmals auf der Tour seinen befreundeten Songwriter-Kollegen und Produzenten Julian Dawson auf die Bühne, der ihn etwa bei der selten gespielten Ballade „Do jeht Ming Frau“ oder beim Dylan-Cover „Alles, wat ich zo jähn wör“ auf der Mundharmonika begleitete. Es waren vor allem die Liebeslieder, mit denen der „Dylan vom Rhein“ reüssierte. Allen voran das zu Tränen rührende „Do kanns zaubere“. Die überzeugendste Liebeserklärung „Für Ne Moment“ galt jedoch keiner Frau, sondern dem „Millionendorf am Rhing“. Dessen „Sprooch“ hat Niedecken weit über die Kölner Stadtgrenzen hinaus nicht nur bekannt, sondern auch populär gemacht.

Scheinbar „nach all den Jahren“ immer noch verwundert darüber, wie das passieren konnte, hoffte er auch in der Osnabrückhalle, dass „ihr weiterhin so tut, als würdet ihr jedes Wort verstehen“. Am Ende einer tiefenentspannten musikalischen Retrospektive aus 27 Liedern bis zum obligatorischen „Sendeschluss“, die BAP von einer neuen Seite zeigte. Nicht nur ruhiger und leiser, sondern auch älter und weiser.