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Imker jubeln – Handel verunsichert Richter verbieten Gen-Honig

07.09.2011, 04:00 Uhr

Ein Imker aus Bayern wirbelt den Handel durcheinander. Der Europäische Gerichtshof (EuGH) in Luxemburg gab gestern Karl Heinz Bablok recht. Demnach darf Honig künftig keine Spuren von Gentechnik mehr enthalten, es sei denn nach Zulassung. Für den Handel hat das gravierende Folgen: Honig mit geringstem Anteil von genveränderten Organismen (GVO) dürfte bald Geschichte sein. „Jetzt müssen die Produkte notfalls aus den Läden verschwinden“, fordert Peter Maske (61), Vorsitzender des Deutschen Imkerbundes (D.I.B.).

Marcus Girnau, Geschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie, ist skeptisch. „Die Richter haben für eine neue Rechtslage gesorgt. Für Handel und Industrie bedeutet der Beschluss neue Unsicherheit“, sagt er. Der Entscheid habe zur Folge, dass Honig mit GVO-Spuren „nicht mehr verkehrsfähig“ sei. Erste Tests müssten nun vom Handel vorgenommen werden. Laut Girnau galten bislang mit Gentechnik verunreinigte Pollen „als natürliche Bestandteile“ des Honigs, waren also erlaubt.

Der Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) sieht im Urteil einen Schritt hin zum Reinheitsgebot bei Lebensmitteln. „Der Beschluss stellt den künftigen Anbau von GVO im Freiland infrage“, sagt vzbv-Vorsitzender Gerd Billen. „Wer Gentechnik anwendet, muss künftig eventuelle Schäden ersetzen.“ Das EuGH-Urteil habe in Europa weitreichende Auswirkungen, so Billen. „Es bedeutet, dass GVO nur dann angewendet werden darf, wenn Gentechnik-Rückstände oder die Ausbreitung von Gentechnik-Spuren unterbunden werden. Aber das ist beim Anbau von GVO praktisch unmöglich.“ Billen betonte, das Problem bei Gentechnik seien zunächst nicht potenzielle Gesundheitsgefahren. „Es geht vielmehr darum, dass jemand, der gentechnikfreie Waren anbieten will, diese Option auch haben muss.“

D.I.B.-Vorsitzender Maske freut sich indes über neue Rechtssicherheit „für uns Imker“. Für ihn und seine Kollegen sei es stets ein Rätsel gewesen, „warum das Nebeneinander von konventionellem, ökologischem und Gentechnik-Anbau erlaubt ist, aber die Imker notfalls die Bienenvölker wegtragen sollen“. Imker Bablok aus Bayern hatte deshalb auf Schadenersatz geklagt. 2005 waren in seinem Honig wegen eines benachbarten Versuchsfeldes mit Genmais MON 810 der Firma Monsanto GVO-Spuren gefunden worden. MON 810 war als Tierfutter, nicht aber als Lebensmittel zugelassen. Statt die goldgelbe Leckerei zu verkaufen, musste Bablok die komplette Charge in die Müllverbrennungsanlage kippen. Bablok verklagte Bayern. Der Verwaltungsgerichtshof des Freistaats verwies den Fall an Luxemburg.

Zwar ist MON 810 in Deutschland seit zwei Jahren verboten, angebaut wird allerdings die Genkartoffel Amflora. Auch aus deren Blütenpollen könnten sich Bienen bedienen. Brisanter für den Handel: „Jeder Deutsche verspeist im Durchschnitt pro Jahr rund 1,5 Kilogramm Honig“, sagt Maske. „Aber die deutschen Imker können diesen Bedarf nur zu einem Fünftel decken.“ Der Rest werde importiert. „Aus der ganzen Welt, vor allem Südamerika, wo GVO-Anbau populär ist“, sagt Maske.

Manfred Hederer (63), einer der 500 großen Berufsimker in Deutschland und Chef des Deutschen Berufs- und Erwerbsimkerbundes, hofft, dass nach dem Urteil endlich Schluss ist mit der Gängelei der Imker. Hederer: „Wir mussten den Handelsketten und Discountern bislang ja immer schriftlich versichern, dass unser Honig GVO-frei ist.“ Das habe zu einem „irrsinnigen Analyseaufwand“ geführt. „Berufsimker müssen dafür 4000 bis 12000 Euro auf den Tisch legen“, seufzt Hederer. Bei GVO-Spuren hätten sie erneut den Schwarzen Peter. Die Abstandsregeln für GVO-Flächen hält Hederer für lächerlich: „Bienen fliegen einen Radius von drei bis fünf Kilometern. Ein Bienenvolk kann locker eine Fläche von 27 bis 72 Quadratkilometern abdecken.“