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Im Rosenhof in Osnabrück Kay Ray: Anarcho-Humor hinter der Grenze des guten Geschmacks

Von Frederik Tebbe | 11.10.2014, 14:56 Uhr

Am Freitagabend präsentierte der Kabarettist Kay Ray kontroverse Anarchie mit beiden Füßen hinter der Grenze des guten Geschmacks und unter der Gürtellinie. Ein ausverkaufter Rosenhof feiert.

Kay Ray – selbsternannte „bisexuelle Tunte“, aufgewachsen in Osnabrück – raucht, säuft und rülpst auf der Bühne. Nicht aus Provokation: „Wenn ich provozieren wollte, würde ich auf die Bühne kacken“, gibt er zu. Ein solcher Satz steht stellvertretend für den derben, exzentrischen Humor Rays, der gerne raubeinig mit dem Holzhammer drauf haut, kein Blatt vor den Mund nimmt und damit das Publikum, das ihm sogar zu Beginn Rosen schenkt, zügig im Griff hat. Das ist bis zu einem gewissen Grad durchaus komisch, da der Kabarettist seine Witze subtil vorträgt. Gerade der versaute Humor liegt ihm. Er macht vor niemandem Halt, auch nicht vor dem eigenen Kind, redet ungeniert übers „Bumsen“, wünscht sich den Tod ihm unangenehmer Mitmenschen und zielt gern tief unter die Gürtellinie. Tiefschwarzer Humor in Reinform, so scheint es. Und damit wurde die Show auch im Vorfeld beworben. Ab einem gewissen Punkt wird Rays derbe Pennälerkomik aber durchaus unangenehm, wenn er erst in Nebensätzen, schließlich aber ganz direkt über jedwede Bevölkerungsgruppe dieses Planeten herzieht und extremes Stammtischniveau erreicht.

Seine eigene Show entschleunigt Ray, indem er zwischen zwei Gags mit Unterstützung eines Pianisten Lieder vorträgt. Entweder eigene Kompositionen oder aber Lieder von Kate Bush oder den Sportfreunden Stiller.

Im Grunde entwaffnet der Komiker diese Kritik bereits im Vorhinein: Ray ist sich durchaus dem Bruch jedweder Political Correctness bewusst. Er adressiert offen, dass man sich nicht so haben solle und doch ruhig mal lachen könne.

Wenn aber ein ausverkaufter Saal immer dann am lautesten lacht, wenn zu rassistischen, sexistischen und behindertenfeindlichen Punchlines ausgeholt wird und anschließend zur Coverversion von Sportfreunde Stillers „Applaus, Applaus“ entschlossen klatscht, schunkelt und ganz offensichtlich Spaß wie seit Jahren nicht mehr hat, dann stimmt irgendwas in diesem Land nicht. Natürlich, das ist alles Satire, Kabarett, eine Maske und ja eigentlich auch nicht so gemeint. Das soll polarisieren, kontrovers sein und regt zum Nachdenken an. Tatsächlich ist es auch weniger Rays Show, die brüskiert, er ist schließlich nicht der erste mit solchem Humor, und darüber kann man urteilen, wie man will. Verstörender ist der johlende Rosenhof. Humor ist ja bekanntlich, wenn man trotzdem lacht. In einem solchen Fall wäre wünschenswerter: Schweigen ist Gold.