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Heranwachsender Schwarzfahrer vor dem Jugendschöffengericht Der schwierige Versuch, dem Drogensumpf zu entkommen

Von Ullrich Schellhaas | 15.07.2014, 10:21 Uhr

Zwei Bahnfahrten ohne Fahrausweis – juristisch als „Erschleichen von Leistungen“ strafbewehrt – haben einen 19-jährigen Heranwachsenden nun vor das Jugendschöffengericht am Amtsgericht Osnabrück geführt. Was für manchen nach einer Lappalie klingen mag, entwickelte vor Gericht seine ganz eigene Brisanz, denn der Angeklagte und sein nicht eben lupenreiner Lebensweg waren dem Vorsitzenden Richter durchaus schon bekannt.

Am 7. November 2013 und am 6. Februar 2014 war der Angeklagte in Zügen der Westfalenbahn jeweils ohne Fahrschein aufgegriffen worden. Beide Vergehen räumte der 19-jährige Osnabrücker ein. Im ersten Fall habe er sich gedacht: „Sei’s drum, die eine Haltestelle von Hasbergen nach Osnabrück wird schon nichts passieren.“ Im zweiten Fall sei er wohl so betrunken gewesen, dass er auf der Fahrt von Rheine nach Hörstel in frühere, schlechte Gewohnheiten zurückgefallen sei.

Ebenjene früheren Gewohnheiten beschäftigten das Gericht dann auch mehr als die nun angeklagten Taten. Denn der 19-Jährige ist nicht nur vorbestraft, sondern auch alkohol- und drogenabhängig. Aktuell befindet er sich in einer therapeutischen Langzeit-Entgiftung, eine stationäre Drogentherapie ist in Vorbereitung, von den Kostenträgern allerdings noch nicht bewilligt.

Eine solche Therapie aber gehört zu den Bewährungsauflagen eines Urteils von Mitte Januar. Damals war der Osnabrücker wegen versuchter räuberischer Erpressung verurteilt worden. Eine Entscheidung über das konkrete Strafmaß setzte das Gericht zur Bewährung aus – diese Konstruktion kennt allein das Jugendstrafrecht. Das Gericht verhängte damals auch einen inzwischen verbüßten Jugendarrest.

„Ich glaube, inzwischen hat er verstanden, dass der Drogensumpf, in dem er sich seinerzeit noch befand, nicht der Weg ist, den er gehen möchte“, bescheinigte dem 19-Jährigen nun die Bewährungshelferin. Sie versicherte darüber hinaus, dass er Hilfsangeboten inzwischen auch nicht mehr abwehrend, sondern gesprächsbereit gegenüberstehe. Der Angeklagte selbst betonte, dass er nach dem Abschluss der Therapie den Weggang aus Osnabrück plane – auch um seinem bisherigen Bekanntenkreis besser aus dem Weg gehen zu können.

„Sie machen heute einen viel vernünftigeren Eindruck als vor sechs Monaten“, sagte auch der Vorsitzende und warf die Frage in den Raum, „wie man dem 19-Jährigen denn Mut machen kann, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen“. Schlussendlich regte er an, das Verfahren – auch wegen des ursprünglich vergleichsweise geringen Schadens von wenigen Euro, der sich freilich zwischenzeitlich wegen der Straf- und Inkassogebühren auf rund 150 Euro aufsummiert hat – vorläufig einzustellen.

Dem schlossen sich die Staatsanwaltschaft und die Verteidigung an. Wenn der Osnabrücker innerhalb von drei Monaten alle aus den beiden Schwarzfahrten resultierenden Kosten bei der Westfalenbahn begleicht, wird die Akte endgültig geschlossen.