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Graffiti in Osnabrück Von Zügen und Haft – Illegaler Sprayer aus Osnabrück erzählt

Von Sven Kienscherf, Sven Kienscherf | 07.02.2017, 09:30 Uhr

Hendrik ist ein Urgestein der Osnabrücker Graffiti-Szene. Der Ende 30-Jährige hat in den 90-er Jahren gesprüht: an Hauswände, an Autobahnbrücken und an Züge. Ende der 90-er Jahre saß er dafür acht Monate im Gefängnis. Über einen, für den Graffiti ein Lebensinhalt war.

„Irgendwann war es wie eine Sucht“, sagt Hendrik, der eigentlich anders heißt, aber mit Rücksicht auf seine berufliche Laufbahn seinen richtigen Namen nicht in diesem Bericht lesen will. (Weiterlesen: Rätselhafte Graffiti-Kühe in Osnabrück) 

In den 90-er Jahren gehört er zur DSM-Crew, die es in Osnabrück und darüber hinaus zu einiger Berühmtheit bringt. Sein Szenename „Sir“ oder später „Sier“ ziert als sogenannter Tag bis heute Häuserwände und Bahnwaggons.

Über den Cousin eines Freundes kommt er Mitte der 90-er Jahre zu Graffiti. „Der war aus Berlin zu Besuch und ist mit uns durch Osnabrück gezogen und hat Wände vollgesprüht.“ Für Hendrik ist klar: Das will er auch können. (Weiterlesen: L+T eröffnet Schuhgeschäft #5HaseSnkrs in Osnabrück ) 

Sprühdosen im Baumarkt geklaut

Er startet mit Wachsmalstiften und Kreide, zuerst an den Wänden in seinem Zimmer, später folgen Kritzeleien auf Häuserwände. Die ersten Sprühdosen werden gekauft, später im Baumarkt geklaut. „Das kam uns damals gar nicht so besonders kriminell vor.“ (Weiterlesen: Anhänger beschmiert: So positiv reagiert ein Osnabrücker) 

Den Soundtrack zum Sprühen liefert Rap, ein Musikstil der für Hendrik untrennbar verbunden ist mit Breakdancing und Graffiti. Alles zusammen sei Hip-Hop.

Dazu gehört es auch in einer Crew zu sein. Hendrik und die Kumpels, mit denen er unterwegs ist, um zu sprühen, gehören bald zur Osnabrücker DSM-Crew. „DSM – das stand für vieles, ursprünglich für Dosenmeister und die Anfangsbuchstaben der Gründer. Später für Drogen, Sex, Moneten“, berichtet Hendrik. Graffitibild im Katharinenviertel. Foto: Jörn Martens

Von der Polizei erwischt

Mehrfach wird Hendrik beim Sprühen erwischt. Beim ersten Mal ist er noch keine 18 Jahre alt. „Wir hatten eine Hauswand am Blumenhaller Weg besprüht.“ Ein vermeintlich betrunkener Mann torkelt die Straße runter, die Freunde verstecken sich in einer dunklen Einfahrt. „Wie sich herausstellte, war der Typ gar nicht betrunken und außerdem Polizist.“

Hendrik muss 1500 DM bezahlen und nach der Schule das Graffiti mit einem Hochdruckreiniger entfernen. Insgesamt habe die Strafe eher einen pädagogischen Charakter gehabt, meint Hendrik. „Meinen Eltern habe ich gesagt, dass Schluss ist, aber das war natürlich nur ein Lippenbekenntnis.“

Im Prinzip wie eine Ausbildung

Stattdessen ist der Ehrgeiz angestachelt. „Wir wollten uns immer weiter verbessern, größere Sachen machen.“ Hendrik arbeitet an seiner Technik und die wird immer besser. Im Prinzip sei Graffiti wie eine Ausbildung. „Man braucht ungefähr drei Jahre, bis man es kann.“

„Die Königsdisziplin war das Ansprühen von Zügen“, erzählt Hendrik. Die Crew besprüht Züge in Schinkel und in der Nähe des Iduna-Hochhauses. Um nicht aufzufallen ziehen sie sich Warnwesten an, genau wie die Arbeiter, die zwischen den Zügen herumlaufen.

Von Fingerabdrücken gereinigt

Im Vorfeld werden die Dosen von Fingerabrücken gereinigt und in Jutetaschen so angeordnet, dass alles schnell griffbereit ist. Vor dem Sprühen ziehen sie sich Motorradkappen über, um im Zweifelsfall nicht erkannt zu werden. „Dann gehst Du auf den Zug drauf und sprühst so schnell wie möglich.“ Am Anfang sprühen sie noch im Dunklen, später dann nachmittags. „Das ist viel unauffälliger.“

Überall in der Stadt finden sich Ende der 90-er Jahre DSM-Graffitti. „Wir waren die wichtigste Crew in Osnabrück“, sagt Hendrik.

So wichtig, dass die Polizei sich eingehend mit den Sprayern befasst. Mehrfach ist Hendrik auf dem Revier vorgeladen. „Die hatten dort Bilder von Graffiti hängen und daneben Zettel mit unseren Namen.“ Hendrik und seine Freunde sind stolz.

Für Hendrik ist Sprühen wie ein Rausch. Ab einem bestimmten Punkt sei es nicht mehr so sehr um Spaß gegangen, sondern darum, eine Sucht zu befriedigen.

„Ich wollte meinen Namen verbreiten.“ Es sei ähnlich wie ein High, an einer Hauswand vorbei zufahren und dort sein Graffiti zu sehen.

Zug in Schinkel besprüht

Ende der 90-er beschließen Hendrik und ein paar andere nach einem Rap-Konzert einen Zug in Schinkel zu besprühen. Es geht schief. „Nachdem wir den halben Zug angemalt haben, ist die Polizei aus allen Richtungen gekommen.“ Offenbar liegen die Beamten schon vorher auf der Lauer. Hendrik wird wieder erwischt.

Es folgt eine Hausdurchsuchung. Ende der 90-er Jahre steht er wieder mal vor Gericht. „Die Staatsanwaltschaft hatte 40 Fälle zusammengezogen.“ Hendrik erscheint ohne Anwalt zur Verhandlung. „Ich dachte, ich bin cleverer als alle anderen. Es hat sich herausgestellt: Das bin ich nicht.“ Er kriegt zwölf Monate Jugendhaft. „In der Urteilsbegründung hat der Richter von professioneller illegaler Graffiti gesprochen, die ich mache“, sagt Hendrik. „Und er hatte recht. Es war professionell.“

2001 Haft angetreten

2001 muss Hendrik seine Haft antreten. „Es war nicht so schlimm, wie ich gedacht habe. Die Scheiße ist, dass man nicht mehr machen kann, was man möchte, wenn man es möchte.“ Nach acht Monaten wird er entlassen. Er fängt eine Ausbildung zum Grafiker an. Zwar sprüht er noch weiter, aber seine Karriere als Sprayer neigt sich dem Ende entgegen.

Heute arbeitet Hendrik in der Computerbranche. Was er mitnimmt aus der Zeit? „Ich habe viele schöne Erinnerungen, ich habe viele Leute kennengelernt. Ich habe bis heute ein Gefühl für Grafik und Layout. Ich bereue nur, dass ich ohne Anwalt vor Gericht war. Für Graffiti sollte niemand in den Knast gehen. Es gibt wesentlich schlimmere Dinge, für die es weniger harte Strafen gibt.“