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Glück nach Eisenbahn-Unglück Osnabrücker Straßenkunde: Die Rawiestraße ist nach dem Erfinder des Brems-Prellbocks benannt

Von Joachim Dierks | 23.08.2012, 06:44 Uhr

Am 6. Dezember 1901 fuhr der Ostende– Wien-Express um 5 Uhr morgens mit einer Geschwindigkeit von 66 km/h in die Bahnhofshalle Frankfurt am Main ein. Geplant war, den Zug rechtzeitig vor dem Gleisende des Kopfbahnhofs zum Stehen zu bringen. Doch der Plan misslang, weil die Luftdruckbremse keine Wirkung zeigte.

Der Lokführer hatte, so das Ergebnis der späteren Gerichtsverhandlung, nach dem vorhergehenden Halt in Mainz vergessen, den Druckkessel wieder aufzupumpen. Mit kaum verminderter Geschwindigkeit schob die Dampflok den Prellbock beiseite, kreuzte den Quersteig des Bahnhofs, durchschlug die Mauer des Empfangsgebäudes und kam erst im Wartesaal zweiter Klasse, inmitten der zum Frühstück gedeckten Tische, zum Stehen.

Diese Nachricht, die damals um die Welt ging, las auch der Osnabrücker Ingenieur und Unternehmer Franz Rawie. Seine Gedanken kreisten schon länger darum, wie man den von schweren Unfällen erschütterten Eisenbahnverkehr sicherer machen könne. Es lag auf der Hand, dass der starre Prellbock am Ende des „Stumpfgleises“ die Katastrophe nicht hatte verhindern können. Zug und Bahnhofsanlagen trugen große Schäden davon. Rawies geniale Idee war, aus dem starren Prellbock einen gleitenden zu machen. Die Gleitbewegung gegen einen erheblichen Widerstand sollte Aufprallenergie verbrauchen und den Zug unschädlich zum Stehen bringen. Er entwickelte aus dem Prellbock einen Bremsbock.

1907 war es so weit, dass er mit dem angemeldeten Patent an die Öffentlichkeit treten konnte. Zu einem Erprobungsversuch hatte er in Ibbenbüren sein Bremssystem „Nummer 1“ auf die Schienen montiert. Zugpferde links und rechts des Gleises beschleunigten ein paar alte Waggons in Richtung des Bremsbocks. Die Bahn war skeptisch, sie wollte für den ersten Praxistest nicht eine ihrer teuren Lokomotiven hergeben. Der Versuch gelang, das System hatte sich als praxistauglich erwiesen. Die Bahn bestellte weitere Prototypen. Der zweite wurde in Schneidemühl, dem Eisenbahnknoten in Westpreußen, montiert, der dritte in Duisburg, der vierte in Osnabrück am alten Bremer Bahnhof. Jeder musste zahlreiche „Rennversuche“ über sich ergehen lassen. Anhand der Messergebnisse rüstete Rawie kontinuierlich Verbesserungen nach. 1910 wurde der erste große Kopfbahnhof mit Rawie-Bremsprellböcken ausgestattet, und zwar der in Frankfurt am Main. Neun Jahre nach dem auslösenden Unfall hatte Franz Rawie sein erstes großes Ziel erreicht. In der Folgezeit gingen die Eisenbahngesellschaften in allen Kontinenten auf das System Rawie über. Auf den Weltausstellungen in Brüssel und Turin heimste er Ehren-Diplome und königliche Verdienstmedaillen in Serie ein. Bis heute gilt die Firma A. Rawie als Weltmarktführer für entschleunigende Gleisabschlusssysteme. Franz Rawie kam am 14. Juli 1859 in Osnabrück zur Welt. Seine Vorfahren stammen von einem bäuerlichen Anwesen in Wersen. Über mehrere Generationen hatten die Rawies das Amt des städtischen Türmers auf der Haster Mühle inne. Großvater Bernhard Anton Rawie nannte sich nicht nur Türmer, sondern auch schon „Feilenhauer“. Vater Rudolf Bernhard Rawie eröffnete 1855 an der Großen Gildewart eine Schlosserei.

Franz Rawie studierte Ingenieurwesen an der Technischen Hochschule Dresden und trat danach in die väterliche Firma ein, die mittlerweile an der Süsterstraße produzierte. Mit neuen Ideen formte er die „Fabrik für Eisenwaren“ zur „Fabrik für Eisenbahnbedarf“ um. Er fertigte Ersatzteile für das Reichsbahn-Ausbesserungswerk und entwickelte mechanische Überwegschranken, die in abgesenktem Zustand verriegelt waren. Um das Jahr 1900 verlagerte Franz Rawie den Betrieb an die Buersche Straße. Hier, in der Industrie-Vorstadt Schinkel, war man auch räumlich nahe an den Bahn-Werkstätten. 1912 brachte die Firma die 2500. Eisenbahnschranke und den 1000. Prellbock zur Auslieferung. Auf repräsentative Ämter im öffentlichen Leben verzichtete Rawie. Er lebte für seine Erfindungen. Lediglich das Reiten begeisterte ihn und brachte ihm Entspannung. Nach kurzer Krankheit starb Franz Rawie am 10. August 1929.

Seine Witwe Martha führte den Betrieb fort, später unterstützt von ihrem Bruder Erhart Wilisch. Nach Marthas Tod 1961 erbte Tochter Traute Fründ, geborene Rawie, den Betrieb, der 1978 aus Platzgründen Schinkel verließ und an der Dornierstraße in Eversburg eine neue Betriebsstätte eröffnete. Franz Rawies Enkel Jost Fründ ist heute einer der beiden Geschäftsführer.

Die nach Franz Rawie benannte Straße liegt im Stadtteil Schinkel nur wenige Hundert Meter vom ehemaligen Firmensitz an der Buerschen Straße entfernt. Sie zweigt als Sackgasse beim Autohaus Härtel von der Mindener Straße ab. Am toten Ende steht jedoch kein Prellbock, was man vielleicht in einer Rawiestraße erwarten könnte. Aber eine andere Art des Ausbremsens fand gleichwohl hier statt. Ältere Autohalter werden sich mit gemischten Gefühlen an das Befahren dieser Straße erinnern. Denn hierher gelangte man zu den Prüfhallen des TÜV. Für manches Auto, das bei der Hauptuntersuchung keine Gnade vor den Augen der gestrengen TÜV-Ingenieure fand, wurde die Rawiestraße zur finalen Sackgasse.