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Gleichstellungsbeauftragte Weber-Khan „Osnabrück ist nicht frauenfeindlich“

Von Claudia Scholz, Claudia Scholz | 09.08.2016, 22:30 Uhr

Katja Weber-Khan ist seit Mai 2015 Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Im Interview erzählt die die 44-Jährige über subtile Diskriminierung, Gender-Sprache und schleppende Erfolge.

 Sie sind jetzt seit mehr als einem Jahr im Amt. Wie gefällt Ihnen die Aufgabe? 

Für mich war es die richtige Entscheidung. Das ist ein ganz spannendes und vielfältiges Aufgabengebiet. Das wusste ich im Grunde schon vorher, weil ich mich an der Uni Regensburg auch mit Gleichstellung und Familienfreundlichkeit beschäftigt hatte. Diese Stelle ist nun politischer ausgerichtet, was mir entgegenkommt. Ich habe ja Politikwissenschaften studiert und mich in Bayern auch schon kommunalpolitisch betätigt.

 Am Mittwoch, 10. August, beziehen Sie im Personal- und Gleichstellungsausschuss Stellung zu einem NOZ-Artikel, der sich wiederum auf eine Studie von Focus bezieht, wonach Osnabrück eine frauenfeindliche Stadt sein soll. http://www.noz.de/deutschland-welt/gut-zu-wissen/artikel/719682/osnabruck-ist-nicht-frauenfreundlich Warum sehen Sie sich genötigt, Stellung zu beziehen? 

Ich möchte das auf keinen Fall so stehen lassen. Ich halte Osnabrück nämlich gar nicht für frauenfeindlich.

 Unter den 77 größten deutschen Städten schafft es Osnabrück in Sachen Frauenfreundlichkeit nur auf Platz 74. Untersucht wurden Faktoren wie Jobchancen, Kriminalität und Freizeitmöglichkeiten. Hinkt Osnabrück anderen Städten tatsächlich hinterher? 

Was die Kriminalität betrifft, stehen wir schon seit den Vorfällen in Köln in regem Austausch mit der Polizei. Ich habe eine Arbeitsgruppe initiiert mit dem Präventionsteam der Polizeiinspektion und der Frauenberatungsstelle. Wie die Kriminalstatistik zeigt, gibt es in Osnabrück immer noch zu viele Fälle von häuslicher Gewalt und von sexualisierter Gewalt. Aber das ist in Osnabrück nicht anders als in anderen Städten. Wir Gleichstellungsbeauftragte sind in allen Kommunen angehalten, da etwas zu tun.

 Kann man die Frauenfreundlichkeit einer Stadt überhaupt messen? 

Das können Sie fast gar nicht messen, wie Sie auch die Effekte der Gleichstellungsarbeit nur schwer messen können. Ich fand die „Fokus“-Studie unmöglich, weil sie die Frauenfreundlichkeit einer Stadt an der Anzahl von Yogaangeboten und Shoppingmöglichkeiten für Frauen messen wollte. Das ist einfach nur flach und stereotypisch. Nichtsdestotrotz ist es wichtig, bei neuen Wohnvierteln für Nahversorgung, gute Anbindung an Schulen und Kitas zu sorgen. Auch sollten diese für Frauen erreichbar sein, die kein Auto haben.

 Sie schreiben in Ihrer Ausschuss-Vorlage, es gebe noch zu viele „Angsträume“ in der Stadt. Wo sehen Sie besonders Probleme? 

Bei Parkanlagen oder Grünwegen. Ich laufe öfter mal durch den Hasepark und da fällt es mir besonders auf. Gerade wenn neue Wohngebiete entstehen, ist es wichtig, dass keine neuen „Angsträume“ entstehen. Beim Landwehrviertel soll zum Beispiel ein neuer Grünweg entstehen, der von Eltern mit Schulkindern stark frequentiert werden wird, und da habe ich im Gremium für Städtebau angeregt, dass man auch an die richtige Beleuchtung denkt.

 Sie sprechen die Sicherheit von Frauen an, die verbessert werden müsse. Hilft da eine Verschärfung des Sexualstrafrechtes à la Bundesjustizminister Heiko Maas weiter? http://www.noz.de/deutschland-welt/politik/artikel/740780/juristen-und-polizisten-kritisieren-neues-sexualstrafrecht  

Das mal aufs Papier zu bringen war längst überfällig. Man wird aber gucken müssen, wie es tatsächlich umgesetzt wird und wie die Rechtsprechung damit umgeht. Es bleibt immer noch die Beweislast und oft steht Aussage gegen Aussage. Für die sexuelle Selbstbestimmung der Frauen ist es mehr als positives Zeichen zu sehen, als dass es wirklich praktikabel ist.

 Herrscht in Osnabrück vergleichsweise hohe Verdienst-Ungleichheit bei Männern und Frauen? 

Wir haben keine genaue Statistik, wissen aber, dass der Verdienst sehr variiert. Doch im Durchschnitt sind wir immer noch bei 21, 22 Prozent Unterschied. Gleichstellungsbeauftragte bundesweit fordern schon seit Jahrzehnten, dass diese Ungleichheit abgeschafft wird.

 Fühlen Sie sich da nicht manchmal wie in einer Dauerschleife? 

Um ein zwei Prozentpunkte ist der Unterschied ja schon in den letzten Jahren gesunken. Ich habe schon Kontakte zur Wirtschaftsförderung aufgenommen, um auf diese Problematik hinzuweisen, weil natürlich der Großteil der Ungleichheit in der freien Wirtschaft passiert, die nicht an Tarife gebunden ist. Da sind die Unterschiede am größten und da müssen wir ansetzen. Aber es braucht einen langen Atem.

 Sehen Sie schon Erfolge? 

Das geht sehr langsam und ein bisschen fehlt mir noch der Einblick. Das erste Jahr habe ich auch vor allem damit zugebracht, die Strukturen der Kommunalverwaltung kennenzulernen, Gespräche mit einigen Beteiligten aus der Wirtschaft zu führen. Aber ich bin noch nicht in alle Unternehmen vorgedrungen.

 Sie schreiben, Sie würden sich mehr Unterstützung von Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften wünschen. Fühlen Sie sich denn oft mit ihren Ideen und Forderungen allein gelassen? 

Nein, das nicht, aber wir müssen alle zusammenarbeiten, das war eher ein Aufruf, ein Appell. Denn ich will nicht nur alleine mit erhobenem Zeigefinger mahnen „Aber es muss …“, dann wird sich nichts ändern.

 Fühlen Sie sich denn ernst genommen? 

Ich stoße hier in Osnabrück im Vergleich zu Bayern, das doch konservativer ist, tatsächlich auf viele offene Ohren und viel Verständnis für die Wichtigkeit der Gleichstellungsarbeit. Das hat mich positiv überrascht. Nur ein, zwei Mal fragte jemand, ob wir nicht inzwischen auch einen Männerbeauftragten brauchen. Da habe ich gesagt, dass ich ja beide Geschlechter im Blick habe. Ich kenne jedoch Kolleginnen, die nur sehr wenig beteiligt werden, keinen Einblick in Unterlagen erhalten oder fast betteln müssen, dass sie zu wichtigen Sitzungen eingeladen werden.

 Wie kommt das? 

Gleichstellungsbeauftragte werden oft als unbequem oder störend empfunden. Die fordern ja immer irgendetwas. Außerdem wird die Gleichstellungsarbeit oft nicht als originäre Aufgabe einer Stadtverwaltung angesehen. Ich hatte Glück, dass ich in Osnabrück von Anfang an als ständiges Mitglied der Vorstandskonferenz dabei bin, wo ich den Zugang zu allen wichtigen Dokumenten erhalte.

 Bundesfrauenministerin Manuela Schwesig zeigt sich zufrieden über die Resultate der Frauenquote in Aufsichtsräten. Sollte es in allen Bereichen eine Frauenquote geben? 

  http://www.noz.de/deutschland-welt/wirtschaft/artikel/740411/bundesregierung-frauenquote-zeigt-wirkung  

Ich bin wie viele andere Gleichstellungsbeauftragte nicht für eine allumfassende Frauenquote. Am Ende sollte die Qualität entscheidend sein. Mir wäre es lieber, dass die Gleichstellung im Unternehmen gelebt werden würde, als dass sie per Gesetz von oben verordnet werden muss. Wenn eine freiwillige Selbstverpflichtung nicht hilft, dann ist die Quote notwendig.

 An der Uni Osnabrück ist von 218 Profs inzwischen knapp jeder dritte weiblich. Mit der Quote von 30,7 Prozent liegt die Uni damit weit über dem Durchschnitt. Ist das ein Grund zum Jubeln? http://www.noz.de/lokales/osnabrueck/artikel/749168/professorinnen-an-uni-osnabruck-auf-dem-vormarsch  

Das ist eigentlich schon sehr positiv. Jetzt muss man nur genauer hinschauen, aus welchen Fachbereichen die Professorinnen kommen, ob aus den Geisteswissenschaften oder aus den Naturwissenschaften. Interessant wäre es zu schauen, ob auch im technisch-naturwissenschaftlichen Bereich viele Frauen sind. Außerdem passiert Diskriminierung oft auch sehr subtil. Ungleichheit herrscht in Universitäten oft bei der Ausstattung, der Anzahl wissenschaftlicher Mitarbeiter, Gelder für Forschung etc.

 Kommt es manchmal noch vor, dass jemand kommt und sagt: „Bei uns im Betrieb gibt es keine Damentoilette.“ 

In Osnabrück ist mir das noch nicht passiert. In der Uni Regensburg hat die Frauenbeauftragte der Fakultät für Chemie angeregt, es wäre sinnvoll, einige der vielen Herrentoiletten in Damentoiletten umzuwandeln, denn es gebe mittlerweile doch einige Chemiestudentinnen und das wurde dann tatsächlich auch gemacht.

 Eine Kandidatin, die vor Ihnen 2014 eigentlich die Stelle Ihrer Vorgängerin übernehmen sollte, zog zurück, weil ihr Mann ein lukratives Angebot aus dem Ausland erhalten hatte. http://www.noz.de/lokales/osnabrueck/artikel/545871/katja-weber-khan-wird-frauenbeauftragte-in-osnabruck Frauen scheinen heute immer noch viel für ihre Männer zu opfern. 

Wegen der Familie machen viele Frauen Einschnitte in ihrer Karriere. Ich habe junge Wissenschaftlerinnen an der Uni beraten, die auf dem Weg zur Professur waren, und mir sagten: „Ich habe jetzt ein tolles Studium, eine tolle Promotion hingelegt, aber jetzt ist gut, jetzt kümmere ich mich um Familie, um Kinder.“ Das erleben wir häufiger: gut ausgebildete Frauen, die lieber Familie haben und Teilzeit arbeiten, als Karriere zu machen.

 Wie sieht es in Ihrer eigenen Ehe aus? Sind Sie da der Boss? 

Nein, wir machen das ganz gleichberechtigt. Um die Kinder haben wir uns auch gemeinsam gekümmert. Mein Mann hat seinen Beruf in Regensburg aufgegeben, um mit mir hier in Osnabrück sein zu können. Er war selbstständig und ist nun hier auf Arbeitssuche. Mein Mann kann übrigens viel besser bügeln als ich.

 Finden Sie als studierte Sprachwissenschaftlerin die Gender-Debatten um eine politisch korrekte Sprache mit Binnen-I albern oder sinnvoll? 

Da fragen Sie die Richtige. Ich finde es wichtig, dass wir die weibliche Form in der Sprache auch sehen, sonst bleibt es nur bei „Studenten, Arbeitgebern, jedermann“. Aber ich bin auch eine große Freundin eines lesbaren Textes. Es darf nicht albern sein. Wenn man es übertreibt, wirkt es lächerlich und hat nicht mehr die Wirkung, die es haben sollte. Es sollte Normalität werden. Eigentlich ist es das Hauptanliegen einer Gleichstellungsbeauftragten, sich überflüssig zu machen. Wenn es uns nicht mehr bräuchte, wäre die Gleichstellung erreicht und das wäre doch schön.

 Und wie handhaben Sie es persönlich? 

Ich wechsele zum Beispiel immer ab, ich schreibe mal „Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“, dann schreibe ich mal „die Studierenden“ oder neutrale Wörter wie „Kontaktstelle“ statt „Ansprechpartner“ oder ich verwende den Plural wie „die Teilnehmenden“. Da gibt es so viele Möglichkeiten.

 Wäre denn auch ein Mann ein guter Gleichstellungsbeauftragte? 

Das Gesetz in Niedersachsen sieht das nicht vor. (lacht) Das ist die einfachste Antwort. Es gibt immer noch viel mehr Themen, die ganz spezifisch Frauen betreffen. Ich könnte mir vorstellen, dass Frauen eine Hemmschwelle hätten, wenn sie einem männlichen Gleichstellungsbeauftragten von sexueller Gewalt erzählen müssten. Natürlich erfahren auch Männer häusliche Gewalt von ihren Frauen oder werden auf Arbeit diskriminiert, aber das kommt viel seltener vor als bei Frauen.