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Gesundheitsdienst Osnabrück Amtsarzt: „Es lohnt sich für jeden einzelnen Flüchtling“

Von Jean-Charles Fays | 16.09.2015, 17:33 Uhr

Seit zehn Tagen arbeitet der Leiter des Gesundheitsdienstes für Stadt und Landkreis Osnabrück, Dr. Gerhard Bojara, in der Erstaufnahme für Flüchtlinge in Bramsche-Hesepe. Der Amtsarzt hat ein achtfach überfülltes Lager mit Hunderten traumatisierten Flüchtlingen, überforderten Müttern und schreienden Säuglingen vorgefunden. Bojara weiß, dass er das Problem nicht lösen kann, sagt aber: „Es lohnt sich für jeden Einzelnen.“

 Herr Dr. Bojara, warum war es nötig, dass der Gesundheitsdienst für Stadt und Landkreis Osnabrück die Erstuntersuchungen von Flüchtlingen in der Heseper Erstaufnahme-Einrichtung übernimmt? 

 Bojara: Das Land hat den Landkreis Osnabrück um Unterstützung für die Flüchtlings-Erstaufnahmeeinrichtung in Bramsche-Hesepe gebeten. Da hat der Landkreis natürlich zugestimmt. Daraufhin habe ich das Signal für den Start bekommen und hier eine Struktur aufgebaut, um Erstaufnahmeuntersuchungen durchführen zu können.

 Wie lange wird diese medizinische Betreuung voraussichtlich nötig sein? 

 Bojara: Das wird auf jeden Fall noch lange erforderlich sein. Aufgrund des starken Zustroms von Flüchtlingen war es vor Ort gar nicht mehr möglich, die Flüchtlinge zeitnah zu registrieren. Die Registrierung ist aber erforderlich, um eine Untersuchung vornehmen zu können. Sonst weiß man gar nicht, wen man vor sich hat und wo der Flüchtling in der Einrichtung untergebracht ist. Das Problem zurzeit ist auch, dass wir viele Flüchtlinge hier gar nicht erreichen können. Durch diesen Überhang sind immer mehr Untersuchungen zurückgeblieben. Das hat sich über Wochen aufgestaut, sodass es da jetzt lange Wartezeiten gibt. Die Situation darf sich so nicht weiterentwickeln, sondern wir müssen das Rad in die andere Richtung drehen. Unser Ziel ist, dass wir die Menschen, die in die Einrichtung zeitnah untersuchen können. Zurzeit hakt es an der Registrierung der Flüchtlinge. Dieser Bereich wird jetzt aber auch sukzessive personell aufgestockt.

 Auf welche Probleme sind Sie bei den ersten Untersuchungen mit den Flüchtlingen gestoßen? 

 Bojara: Das Hauptproblem ist, dass die Einrichtung achtfach überbelegt ist, denn sie war eigentlich mal für nur 500 Menschen ausgelegt, jetzt sind es wahrscheinlich mehr als 4000. Dadurch sind die Strukturen und das Personal total überlastet und das setzt sich dann natürlich fort. Solange diese Situation so bleibt, wird es hier ganz viele Defizite geben.

 

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 Übernehmen Sie neben den Erstaufnahmeuntersuchungen auch die medizinische Versorgung der Flüchtlinge? 

 Bojara: Hier haben ganz viele Menschen gesundheitliche Probleme. Darum kümmern wir uns auch sehr stark, weil es sonst keine dauerhafte ärztliche Versorgung in der Einrichtung gibt. Bislang haben hier einige wenige niedergelassene Ärzte Halbtags-Sprechstunden gemacht, aber in der übrigen Zeit gab es hier nur die Johanniter. Diese haben dann versucht, sich um die kranken Menschen zu kümmern und sie zum Teil auch weiterzuleiten. Wo jetzt aber auch Ärzte vor Ort sind, da kommt natürlich auch die entsprechende Nachfrage. Die gesundheitliche Versorgung ist neben den Erstaufnahmeuntersuchungen der zweite wichtige Bestandteil unserer Arbeit.

 Sie müssen Menschen separieren, die ansteckende Krankheiten wie beispielsweise Windpocken haben. Haben Sie dafür bereits Unterkünfte und alternative Unterbringungsmöglichkeiten wie kleinere Hotels oder Pensionen gefunden? 

 Bojara: Vereinzelt gibt es Windpocken. Da ist es ganz wichtig, dass diese Menschen aus der Einrichtung heraus kommen und irgendwo anders untergebracht werden. Leider hat sich da bisher noch niemand gemeldet, sodass wir da weiter ein großes Defizit haben.

 Sie arbeiten in zwei Schichten mit jeweils sieben bis acht Leuten. Zurzeit leben etwa 4000 Flüchtlinge in Bramsche-Hesepe. Wie groß müsste ihr Team eigentlich sein, um den Bedarf zu decken? 

 Bojara: Es gibt einen riesigen Bedarf. Davon können wir einen Teil abdecken, auch wenn wir doppelt so viele wären, würden wir uns immer noch nicht langweilen. Das nächste Problem ist aber, dass wir nur einen Container haben. Der Rest muss sich in Zelten abspielen. Das ist bei diesen Temperaturen weder für die Flüchtlinge noch für unser Personal noch so möglich, sonst werden irgendwann auch meine Mitarbeiter krank. Ich warte händeringend darauf, dass wir von der Bundeswehr weitere Container bekommen. Das hat sich sehr verzögert, weil solche Anfragen den Weg über das Innenministerium gehen müssen. Und diese Dienstwege nehmen einige Zeit in Anspruch, die man nicht so gerne ins Land ziehen lässt, aber es bleibt mir nichts anderes übrig.

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 Sie haben aus diesem Grund um Unterstützung von Ärzten sowie Zahnärzten und Hebammen gebeten. Wie groß ist die Resonanz bislang? 

 Bojara: Die Resonanz ist sehr erfreulich. Es melden sich ganz viele ärztliche Kollegen, die ihre Hilfe anbieten und uns hier unterstützen, sobald sie ihre Praxis geschlossen haben. Das passiert jetzt immer mehr. Auch von den Hebammen gibt es bereits sehr viele Rückmeldungen. Hier haben wir es mit Müttern zu tun, die während der Schwangerschaft Probleme haben und Müttern, die mit der Situation und ihrem schreienden Säugling hoffnungslos überfordert sind. Vielleicht können wir die Hebammen nun dazu gewinnen, dass sie sich so einer Familie vor Ort annehmen können und sie mithilfe der Dolmetscher vor Ort eine halbe Stunde beraten können.

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 Warum haben Sie auch um Unterstützung von Zahnärzten gebeten? 

 Bojara: Bei unseren Untersuchungen sehen wir Menschen, denen wir natürlich auch in den Mund schauen und dann sehr sanierungsbedürftige Gebisse sehen. Zudem klagen sie über Zahnschmerzen und es ist natürlich nachvollziehbar, dass die Menschen bei ihrer langen Flucht die Zahnpflege sehr in den Hintergrund gestellt haben. Gerade bei den sofort zu behandelnden Menschen mit Zahnschmerzen gab es einen Engpass und daher diesen Aufruf von mir. Durch die große Resonanz von Zahnärzten ist dieser Bedarf nun aber gedeckt, sodass wir in diesem Bereich keine weitere Unterstützung benötigen.

 Benötigen Sie auch Unterstützung von Arzthelfern/innen oder Krankenschwestern? 

 Bojara: Auch das wäre sehr wichtig, denn wenn wir hier mit zwei Ärzten arbeiten, dann benötigen wir mindestens vier, die assistieren. Diese untersuchen die Menschen dann zum Beispiel auf Läuse. Man braucht hier bei der Annahme und beim Schreiben von Laborscheinen natürlich verlässliches Personal. Deshalb ist das Assistenz-Personal genauso wichtig wie das ärztliche. Da ist es natürlich so, dass wir für jeden dankbar sind, der uns hilft. Eine medizinische Ausbildung ist da nicht zwingend erforderlich, aber eine gewisse Praxiserfahrung wäre schon wichtig.

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 Die Flüchtlinge müssen teilweise mit Säuglingen in Zelten übernachten. Wie beurteilen Sie diese Situation aus medizinischer Sicht – gerade vor dem Hintergrund der sinkenden Temperaturen? 

 Bojara: Das ist sehr problematisch, aber es wurde da schnell reagiert. Es wurden viele Familien aus den Zelten herausgeholt, zum Teil in andere Einrichtungen und zum Teil hier in Häuser verlegt. Ich kann zwar nicht ausschließen, dass in Einzelfällen noch Kinder in den Zelten sind, aber im großen Stil wird das nicht der Fall sein. Die Zelte werden auch von den Johannitern betreut, die einen gewissen Überblick über die Situation haben. Wir haben zumindest schon einmal dafür gesorgt, dass die Flüchtlingskinder, die in den Zelten übernachten mussten, mit Schlafsäcken und Schneeanzügen versorgt wurden. Es bedarf der gezielten Hilfe, sonst entsteht Chaos, die Strukturen werden überfordert oder es führt dazu – wie es vor zwei Wochen passiert ist – dass die Menschen sich um die Sachen schlagen.

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 Was passiert mit ihrer eigentlichen Arbeit, wenn Sie jeden Tag in Hesepe sind? 

 Bojara: Ich habe viele Termine verschieben müssen. Das geht natürlich auch nur eine gewisse Zeit. Dringende Sachen muss ich auch weiterhin erledigen, aber meine Priorität liegt jetzt erst einmal hier, abends versuche ich dann auch noch von Zuhause aus andere Dinge zu erledigen bis das Limit erreicht ist.

 Sie versuchen sich in Hesepe mit ihrem Team und vielen Ehrenamtlichen für die Flüchtlinge zu zerreißen und dann macht Deutschland seine Grenze zu Österreich zu, um die Flüchtlinge fernzuhalten. Was fühlen Sie dabei? 

 Bojara: Ich möchte mich aus politischen Dingen eigentlich heraushalten. Ich finde es aber sehr schade, dass Europa sich da nicht einig ist. Es wird jetzt viel über Dinge diskutiert, die man längst hätte diskutieren müssen. Jetzt stehen die Menschen vor den Grenzen und es hilft da wenig, die Grenzen zuzumachen. Irgendwo müssen die Flüchtlinge ja hin. Wir brauchen auf europäischer Ebene schnell Lösungen. Wenn da manche Länder gar keine Flüchtlinge oder nur Christen aufnehmen wollen, dann möchte ich das nicht detailliert kommentieren, kann es aber kaum glauben.

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 Sie sind seit anderthalb Wochen in Hesepe. Was war für Sie das bewegendste Erlebnis? 

 Bojara: Es bewegt mich schon, wenn ich den ganzen Tag die Menschen sehe, denen es zum Teil nicht wirklich gut geht, die psychisch sehr belastet sind, wenn Kinder krank sind und laut schreien. Das nehme ich schon auch mit nach Hause, aber ich versuche das irgendwann wieder auszublenden.

 Was war ihr schönstes Erlebnis? 

 Bojara: Gleich am Anfang kam eine Gruppe von Syrern, die nicht nur an unser Personal, sondern auch an das andere Hilfspersonal Blumen verteilten. Einer konnte sehr gut Deutsch sprechen und sagte, sie möchten sich im Namen der Syrer bei den Menschen, die hier mithelfen, sehr herzlich bedanken. Es gibt aber auch sehr viel zurück, wenn Menschen traurig und ängstlich zu uns kommen und mit einem Lächeln nach der Untersuchung wieder herausgehen. Mittlerweile kennen mich viele bereits und winken mir zu. Das tut schon gut. Wir können das Problem hier zwar nicht lösen, aber es lohnt sich für jeden Einzelnen, dem wir hier helfen konnten.