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Frauenmorde in der Region Femizide: Wenn Männer Frauen töten

Von Cornelia Achenbach | 16.02.2020, 14:10 Uhr

Jeden dritten Tag wird in Deutschland eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner umgebracht. Und das passiert nicht irgendwo, das passiert hier. In Osnabrück, Bramsche, Preußisch Oldendorf und Delmenhorst. Warum werden für Frauen so oft diejenigen gefährlich, die sie einmal liebten?

Jeden dritten Tag wird in Deutschland eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner umgebracht. Und das passiert nicht irgendwo, das passiert auch hier. In Osnabrück, Bramsche, Preußisch Oldendorf und Delmenhorst. Warum werden für Frauen so oft diejenigen gefährlich, die sie einmal liebten?

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Preußisch Oldendorf: Am 5. Januar 2020 soll ein 58-jähriger Deutscher seine von ihm getrennt lebende 54-jährige Frau auf offener Straße erschossen haben. "Das war eigentlich eine ganz normale, unauffällige Familie", sagte unserer Redaktion eine Frau, die das Paar kennt und anonym bleiben möchte.

386 Menschen sind im Jahr 2018 in Deutschland ermordet worden. Mehr als 80 Prozent der Täter waren Männer, mehr als die Hälfte der Opfer Frauen.

122 Frauen wurden von Männern ermordet oder totgeschlagen, mit denen sie zuvor in einer intimen Beziehung zusammenlebten.

In Berichten wird oftmals von einem "Beziehungsdrama" gesprochen – ein Begriff, der mittlerweile in die Kritik geraten ist. Er sei beschönigend, verharmlose kaltblütige und grausame Taten, sagt zum Beispiel Cornelia Möhring, frauenpolitische Sprecherin der Linken. Sie verweist auf den Begriff "Femizide", der von der Weltgesundheitsorganisation WHO verwendet wird und schlicht für eine Tötung von Frauen, "weil sie Frauen sind", steht.

Doch diese Umschreibung ist irreführend – Frauen müssen keine Sorge haben, dass sie auf der Straße von wildfremden Männern getötet werden. "Aber die Frauen wären nicht gestorben, wenn sie keine Frauen wären", sagt Dr. Gerold Asshoff, Facharzt für Rechtsmedizin, Psychiatrie und Psychotherapie. Seit rund zwanzig Jahren verfasst er Gutachten und fährt zu Verhandlungen in ganz Norddeutschland. Kurz vor unserem Gespräch saß er im Schwurgerichtssaal des Landgerichts Osnabrück. Es ging um diesen Fall:

Georgsmarienhütte: Eine 29-jährige Frau ist am 1. August 2019 in Georgsmarienhütte von ihrem Ehemann lebensgefährlich verletzt worden. Gegen den 35-Jährigen wurde ein Haftbefehl wegen versuchten Totschlags erlassen. Die Ehefrau erlitt bei dem Angriff mehrere, teils tiefe Stichverletzungen im Bereich des Oberkörpers und der Arme.

Nein, das Frausein an sich ist nicht gefährlich für Frauen. Beziehungen sind es jedoch schon. "Ich spreche bewusst nicht von Partnerschaften, sondern von Beziehungen, weil da am anderen gezerrt und gezogen wird", sagt Gerold Asshoff. Rund 20 Gutachten schreibt der 53-Jährige pro Jahr, früher waren es einmal 40, aber inzwischen konzentriert er sich nur noch auf die größeren Fälle, sagt er. Häufig hat er mit Männern zu tun, die ihrer Frau Gewalt angetan haben. Männern unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlichen Bildungsgrades. Und doch gibt es Parallelen: "Die Dynamiken sind vergleichbar", sagt er.

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Delmenhorst: Am 6. November 2019 hat ein 45-jähriger Mann eine Bäckerei betreten, in der seine von ihm getrennt lebende Ehefrau arbeitete. Es kam zum Streit, der Mann stach mehrfach mit einem Messer auf die Frau ein. Durch das Eingreifen von Zeugen konnte der Mann überwältigt werden. Die Polizei geht von einem versuchten Tötungsdelikt aus.

Wenn die Beziehung zerbricht

Männer, die zu Mördern werden, befinden sich laut Gerold Asshoff in einer neurotischen Beziehung, in der sie den Eindruck hätten, nicht ohne diese Frau leben zu können. "Wenn eine Beziehung zerbricht, dann ist es für beide schwierig", sagt der Psychiater. Frauen seien häufig bestürzt, verletzt und irritiert, hätten aber eher einen Zugang zu diesen Gefühlen und dazu die Zuversicht und das Urvertrauen, dass alles wieder gut werde.

Männer hingegen fielen häufig in ein Loch, fühlten sich in ihrer Existenz bedroht. Es liegt also nicht an der physischen Überlegenheit, dass es häufiger Männer sind, die ihre Partnerinnen oder ehemaligen Partnerinnen töten, als umgekehrt. Es liegt an der psychischen Verfassung, salopp gesagt: An der Fähigkeit oder Unfähigkeit, alleine im Leben klar zu kommen. "Und damit meine ich nicht kochen können oder selbst die Wäsche zu waschen", sagt Asshoff. Bezeichnend sei, dass die meisten Täter eine sehr enge Bindung zu ihrer Mutter haben; eine emotionale Abhängigkeit, die irgendwann durch die Bindung zur Partnerin ersetzt und oft durch Machogehabe kompensiert werde.

Im Moment einer Trennung oder drohenden Trennung entwickeln sie laut dem Psychiater eine panische Angst. "Und irgendwann drehen sie durch."

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Osnabrück: Am 6. Dezember 2019 ist in Osnabrück-Dodesheide eine 29-jährige Frau erstochen worden. Täter war offenbar ihr 27-jähriger Ex-Freund, der wie die Getötete aus Syrien nach Deutschland geflüchtet war. Nach Informationen unserer Redaktion hatte sich der Beschuldigte einige Wochen zuvor von der Frau getrennt, wollte sie dann aber zurückgewinnen, worauf sich die Ex-Freundin nicht einließ.

Frauen werden abgeschlachtet

Subtil gehen die Täter selten vor; oft sind es blutrünstige Taten. Frauen werden abgeschlachtet. Mit dem Hammer, mit einer Axt, mit Fleischermessern. "Ich hatte einmal einen Fall mit 239 Messerstichen", sagt Gerold Asshoff. In solchen Fällen gehe es nicht mehr nur ums Töten – "hier will jemand eine Last loswerden und projiziert diese auf den Partner".

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Delmenhorst: Am 4. November 2017 hat ein 30-jährige Mann aus Polen seine Lebensgefährtin auf einem ehemaligen Bahngelände in Delmenhorst mit weit über 80 Hammerschlägen umgebracht. Aus Eifersucht schlug er die 51 Jahre alte Obdachlose mit einem Hammer so heftig und häufig, dass die Frau verblutete. Der Mann wurde zu 13 Jahren Haft verurteilt. Weil die Tat „so grauenvoll und von Rohheit und Brutalität geprägt war“, wie der Vorsitzende Richter sagte, übertraf das Strafmaß den Antrag der Staatsanwaltschaft noch um ein Jahr.

"Die Täter haben ihre Aggressivität überhaupt nicht im Griff. Sie haben gar keine Sperre. Der Ausbruch der Gewalt ist so groß, dass bei Obduktionen... also einige Frauen sehen dann wirklich schlimm aus." Hubert Feldkamp ist Oberstaatsanwalt und seit mehr als 20 Jahren für Tötungsdelikte in Osnabrück und im Emsland zuständig. Wie viele Leichen und Tatorte er seither gesehen hat, weiß er nicht. Eine gewisse Routine habe er mit den Jahren entwickelt, sagt er. Und doch gibt es einen Fall, der ihn auch heute noch, gut 20 Jahre später, beschäftigt. Eine Frau aus Lohne hatte ihren Mann verlassen. Daraufhin nahm der Mann eine Pistole und schoss auf die zwölfjährige Tochter, den fünfjährigen Sohn, den vierjährigen Sohn und anschließend auf sich selbst; nur der Vierjährige überlebte. "Ich habe selbst zwei Kinder", sagt Hubert Feldkamp. "Als ich zum Tatort kam, war für mich besonders frappierend: Die Kinderzimmer sahen genauso aus wie die Zimmer meiner Kinder."

Wenn Kinder involviert sind, greift keine Routine, das geht auch einem lang gedienten Oberstaatsanwalt nah. Und Kinder sind oft involviert. Bei Femiziden verlieren sie mit einem Schlag beide Eltern - und häufig werden sie Zeugen der Tat.

Zu späte Flucht

Doch Femizide geschehen nicht von heute auf morgen - es gibt Anzeichen.

Die britische Kriminologin Jane Monckton Smith hat ein Modell erstellt – Phasen, die eine Beziehung durchläuft, ehe es zum Mord kommt. Die Männer werden auffällig durch Stalking, extreme Eifersucht, Streitlust oder häusliche Gewalt. Einige zeigen eine große Neigung zu Abhängigkeiten – Spielsucht einhergehend mit finanziellen Problemen, Alkohol- oder Drogensucht.

Müsste dieses Verhalten Frauen eine Warnung sein? Lässt sich erahnen, was passieren könnte? Warum verlassen Frauen ihre gewalttätigen Männer nicht schon eher? Warum kehren sie sogar nach einer Eskalation, die vor Gericht landet, zu ihnen zurück? Wieso verdrängen viele Frauen, wie schlecht sie behandelt werden?

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Bramsche: Durch einen körperlichen Übergriff eines 23-jährigen Mannes ist am 14. Dezember 2019 eine 18-jährige Frau im Ankunftszentrum (Landesaufnahmebehörde/LAB) im Bramscher Ortsteil Hesepe schwer verletzt worden. Offenbar waren die beiden eine Zeit lang ein Paar. Die Staatsanwaltschaft wertete die Tat als versuchtes Tötungsdelikt.

Viele Frauen scheinen von ihren Männern abhängig zu sein – oft wirtschaftlich, aber auch emotional. "Wir haben häufig mit Frauen zu tun, die von ihrem Partner misshandelt, geschlagen und psychisch unter Druck gesetzt werden", sagt Karin Bloom von der Opferhilfsorganisation Weißer Ring in Osnabrück. Vielen gelinge es, sich zu lösen und ein neues Leben zu beginnen. Doch einige Frauen ignorierten selbst Krankenhaus- und Frauenhausaufenthalte, wenn der Partner mit Blumen und Geschenken beteuert, es nie wieder so weit kommen zu lassen.

Gutachter Gerold Asshoff hat eine Erklärung für das irrationale Verhalten von Frauen in gewalttätigen Beziehungen, muss hierfür aber auf Steinzeit und Stammhirn zurückgreifen: "Alle Kinder lernen von ihren Eltern über die Atmosphäre, die bei ihnen zu Hause herrscht – diese Stimmung nehmen sie auf, sie wird zum Referenzwert." Eine Atmosphäre von Gewalt, Zurückweisung und Angst vor Übergriffen ist für diese Kinder Alltag, "das ist ihre Heimat". Frauen, die in so einer Atmosphäre aufgewachsen sind, würden unterbewusst später ein ähnliches Umfeld aufbauen. Und dann komme die seit der Steinzeit bestehende stammhirnnahen Instanz ins Spiel. Dieser geht es nur um eins: das nackte Überleben. "Diese Instanz vermittelt: Ich habe bis hierhin physisch überlebt, es ist also alles okay, was ich bislang gemacht habe", so Asshoff.

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Borgholzhausen: Am 8. Januar 2020 ist eine 37-jährige Frau tot in ihrer Wohnung in Borgholzhausen aufgefunden worden. Die Frau starb an einem massiven Schädelhirntrauma. Das ergab die Obduktion. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den 36-jährigen Lebensgefährten des Opfers.

Und was, wenn die Frauen es doch schaffen, sich von ihren Männern zu lösen?

Dann sei es oft genug die "Sippe", die dafür sorge, dass das Paar zusammenbleibt, sagt Gerold Asshoff. Unter "Sippe" versteht er eine soziale Bezugsgruppe, die nicht mal zwangsläufig die Familie sein muss. Es kann ein Kulturkreis sein, aber ebenso gut ein bestimmtes Milieu. Vor Gericht erlebt Asshoff es immer wieder: Verwandte, die Misshandlungen miterlebten, reizen ihr Aussageverweigerungsrecht aus, legen Meineide ab, lügen. Es geht um Ehre, um Zusammenhalt. Die Sippe darf nicht auseinander brechen.

"Das ist schon sehr unbefriedigend für uns", sagt Oberstaatsanwalt Hubert Feldkamp. Wie oft er es bei Hauptverhandlungen erlebe, dass die Staatsanwaltschaft in große Schwierigkeiten gerate, weil niemand mehr dazu bereit sei, etwas zu dem Fall zu sagen. Wie oft es bei sexueller Gewalt oder Körperverletzung gar nicht erst zur Anklage komme, weil diese im Vorfeld schriftlich zurückgenommen werde. "Wir wissen dann: Da sind Frauen, die leiden. Und können nichts tun."

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Zur Sache:

Delmenhorst: Am 5. August 2019 hat ein 57-jähriger Mann seine Ex-Frau besucht. Es kam zu einem Streit, in dessen Verlauf der Mann die Frau mit einem Messer angegriffen und schwer verletzt haben soll. Die Polizei ermittelt wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung.

Allein im Bereich der Polizeidirektion Osnabrück gab es 2017 und 2018 jeweils fünf versuchte und zwei vollendete Femizide. Für 2019 liegen noch keine Zahlen vor.

Bei allen Taten konnten die Täter ermittelt und festgenommen werden. In zwei Fällen wurden die Täter in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Bei den vier vollendeten Tötungsdelikten aus den beiden Jahren haben Gerichte jeweils lange Freiheitsstrafen verhängt, sagt eine Sprecherin der Polizeidirektion Osnabrück.

Femizide verhindern

Viermal im Jahr gibt es in Osnabrück eine Art Runden Tisch, an dem neben Polizei und Staatsanwaltschaft noch einige andere Akteure aus der Stadt und dem Landkreis Platz nehmen: Jugendamt, Opferhilfe, Weißer Ring, Frauenhaus, Ambulanter Justizsozialdienst und noch viele mehr. Ziel der Konferenz: Femizide zu verhindern.

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Bramsche: In den frühen Morgenstunden des 9. Juni 2017 hat ein 23-jähriger Bramscher seine 22-jährige Freundin mit mehreren Axthieben getötet. Anschließend steckte er die gemeinsame Wohnung in Brand. Einen Monat vor der Tat hatte sich die 22-Jährige von dem Täter getrennt. Am 14. Mai 2018 erging das Urteil: Elf Jahre Freiheitsstrafe und Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus.

Es geht um einen Informationsaustausch zum Thema Häusliche Gewalt, um eine Vernetzung, um die Frage, wie man mit sogenannten "Hochrisikofällen" umgehen kann, also mit Männern, die zu tickenden Zeitbomben geworden sind. Gibt es einen konkreten Fall in Stadt oder Land, dann gibt es ein spontanes Treffen der Akteure. Denn die Polizei allein kann das Schlimmste nicht verhindern, sagt Anke Hamker vom Präventionsteam der Polizeiinspektion Osnabrück.

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Aurich: Mit mehreren Hammerschlägen hat am 9. Juli 2018 ein Rentner seine 64 Jahre alte Ehefrau im ostfriesischen Aurich getötet. Der 69-Jährige gestand die Tat vor dem Landgericht, wo er sich wegen Mordes verantworten muss. In der Ehe habe es schon länger Probleme wegen finanzieller Schwierigkeiten und wegen der Alkoholsucht seiner Frau gegeben, sagte der Angeklagte zum Beginn des Prozesses. Schließlich habe er während eines Spaziergangs mit seinem Hund beschlossen, seine Frau zu töten.

Sicher: Zum Schutz von Opfern häuslicher Gewalt hat die Polizei einige Rechte. Sie kann zum Beispiel einen Platzverweis aussprechen oder "zur Verhinderung einer unmittelbar bevorstehenden Begehung oder Fortsetzung einer Straftat" den Mann in Gewahrsam nehmen. Letzteres allerdings nur mit Zustimmung eines Gerichts und für einen Zeitraum von bis zu zehn Tagen.

Und dann?

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Zur Sache:

Delmenhorst: Am 19. August 2019 hat ein 16-Jähriger seine ebenfalls 16-jährige Ex-Partnerin in einem Park an den Haaren zu Boden gezogen und mehrfach mit der Faust auf sie eingeschlagen. Zunächst wurde ein Ermittlungsverfahren wegen Gefährlicher Körperverletzung geführt. Eine Aussage des Täters vor Gericht, in der er seine Tötungsabsichten äußerte, führte dazu, dass diese Tat im Nachgang als versuchter Mord eingestuft wurde.

Vielleicht braucht der Mann Hilfe, die ihm die Polizei nicht bieten kann. Vielleicht hat er Suchtprobleme oder leidet unter einer Traumatisierung? Vielleicht wäre die Täterberatungsstelle "Faust" ein geeigneter Ansprechpartner? Hier werden Männer, die ihre Partnerinnen geschlagen haben, beraten und über Therapien aufgeklärt.

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Osnabrück/Landshut: Weil er seine Ehefrau getötet hat, muss ein 57 Jahre alter Frauenarzt aus Osnabrück für neun Jahre ins Gefängnis. Das hat das Landgericht Landshut am Freitag, 21. Juli 2017 entschieden. Dem Osnabrücker wurde zur Last gelegt, seine Frau am 4. Dezember 2013 gegen 12.37 Uhr im Badezimmer des gemeinsamen Reihenhauses in Erding zunächst heftig verprügelt und dann erstickt zu haben.

Würde es womöglich abschreckend wirken, wenn Täter härter bestraft werden? Braucht es im deutschen Gesetz einen eigenen Straftatbestand "Femizid"?

Oberstaatsanwalt Hubert Feldkamp öffnet ein internes Dokument, überfliegt eine Statistik über die Tötungsdelikte der vergangenen Jahre. "Es sind schon häufig Täter mit Migrationshintergrund", sagt er, während er die Namen der Angeklagten durchgeht. Traumatisierungen und finanzielle Probleme spielten sicherlich eine Rolle, auch zwei oder drei sogenannte Ehrenmorde habe es in den vergangenen Jahren gegeben. Ein Blick auf die Urteile: zwölf Jahre wegen Totschlags, zehn Jahre wegen Totschlags, zehn Jahre wegen Körperverletzung mit Todesfolge - der Begriff "Mord" taucht auf den Seiten selten auf.

Einige Juristen kritisieren, dass "Trennungstötung", die ja aus niedrigen Beweggründen erfolge, so selten als Mord eingestuft wird. "Die Anforderung an das Mordmerkmal sind hoch", sagt Hubert Feldkamp. Einen eigenen Straftatbestand "Femizid" sieht er allerdings nicht als nötig an. "Wir müssen sensibler mit Gewalt gegen Frauen umgehen, und das sollte sich auch in der Verurteilung niederschlagen", sagt der Oberstaatsanwalt. "Allerdings...", gibt er zu bedenken, "ob es für einen Täter abschreckend wirkt, ob er zehn oder zwölf Jahre bekommt?" Das sei doch sehr zu bezweifeln.

Autorin: Cornelia Achenbach

Mitarbeit Gestaltung: Anna Behrend