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François Ozons Komödie beweist: Frivolität ist das Fundament der Emanzipation „Das Schmuckstück“: Feminismus als Flirtverhalten

Von Daniel Benedict | 23.03.2011, 18:19 Uhr

Eine Wohlfühl-Komödie, die auch Cineasten glücklich macht, intelligente Nostalgie und das Charisma ganz großer Filmlegenden: In „Das Schmuckstück“ variiert François Ozon das Erfolgsmuster von „8 Frauen“. Diesmal vollzieht Catherine Deneuve als Fabrikantenfrau der 70er-Jahre im Alleingang die Emanzipation.

Robert Pujol führt ein geregeltes Leben: Seine Schirmfabrik floriert, seine Frau stellte keine Fragen, und donnerstags, wenn der Puff zuhat, schläft er mit der Sekretärin. Doch anno 77 bricht alles auseinander: Die Fabrikarbeiter streiken, nehmen Robert als Geisel und treiben ihn in den Infarkt. Was für eine Unordnung! Aus der Not heraus überlässt der Patriarch seiner Frau Suzanne die Geschäfte. Die macht ihre Sache gut, und als es ihrem Mann besser geht, bleibt sie einfach im Chefsessel sitzen!

In dem französischen Film „Les femmes du 6ième Étage“ spielt Fabrice Luchini gerade einen liebenswerten Bourgeois der 60er-Jahre; im „Schmuckstück“ zeigt er nun die ekelhafte Seite derselben Figur. Chapeau! Aber natürlich ist Ozons Komödie nicht Luchinis Film, sondern der von Catherine Deneuve. Schon die Eröffnungssequenz erweist sich als reine Verbeugung vor Frankreichs Superstar, auch wenn die Verehrung hier wie alles andere auch ironisch gebrochen ist. Als Inbegriff der besseren Hälfte joggt Suzanne mit Adidas-Anzug und Lockenwicklern durch ein Waldidyll im Morgentau; Rammler, Reh und Eichhörnchen begrüßt sie mit Stegreif-Versen. Die unmissverständliche Botschaft: Selbst im biedersten Gewande leuchtet einer Deneuve der Glamour aus allen Poren. Ozon wäre nicht Ozon, wenn er nicht jede Gelegenheit nutzte, auf die großen Rollen seines Stars anzuspielen. So stellt er Catherine Deneuve ihren Kollegen Gérard Depardieu an die Seite, auf dass die beiden unter herrlichen Augenaufschlägen noch einmal ihre alte Liebe aus „Die letzte Metro“ (1980) aufblitzen lassen. Er drapiert seine Hauptdarstellerin auf dem Bett wie Buñuels „Belle de Jour“ (1967) – und natürlich ist sie auch mit 67 Jahren noch genauso schön. Weil der Film in einer Regenschirm-Fabrik spielt, darf Deneuve die Komödie auch mit einem Lied beschließen, ganz wie im Musikfilm „Die Regenschirme von Cherbourg“ (1964), dem Ozon auch die bonbonfarbene Optik abgeschaut hat.

Ein Period Movie mit dem Titel „Das Schmuckstück“ muss auch in der Ausstattung etwas bieten. Und tatsächlich: Beton-Frisuren (halb Haar, halb Spray), aggressive Op-Art-Tapeten und ein samtener Telefon-Bezug mit Borte – Ozon feiert mit Wollust den miesen Geschmack der 70er-Jahre. Aber kann man nostalgisch vom Sexismus vergangener Tage erzählen? Man muss sogar, zumindest wenn man es so intelligent anstellt wie hier. Das absurde Dekor erzählt in jeder Einstellung von der Vergänglichkeit aller Moden. Damit ist der Grundton dieser feministischen Geschichte angeschlagen: Die hautengen Polyesterhosen der jungen Männer des Films sind heute genauso undenkbar wie der Chauvinismus der alten. Die schrillen Interieurs (Katia Wyszkop) und Kostüme (Pascaline Chavanne) bebildern eine Flüchtigkeit von Lebensverhältnissen, die das soziale Verhalten nicht weniger betrifft als die Mode.

Die Bildpointen zum Wandel des Zeitgeists sind mehr als bloße Gags; sie führen ins Zentrum des Themas. Tatsächlich lautet ja der Grundgedanke jeder Emanzipationsbewegung: Wir können auch anders. „Immer diese Tabus“, seufzt Catherine Deneuve einmal. Das trifft: Den großen Charme von Ozons Filmspaß macht gerade sein Vergnügen am Frivolen aus. Dass seine Figuren mit ihren vorgegebenen Rollen brechen, hat immer wieder libidinöse Ursachen. Auch die glänzende Karriere des einstigen Schmuckstücks Suzanne ist Teil ihrer Beziehungsgeschichte: Erst sticht sie den Ehemann aus, dann den Geliebten. Der ist, nebenbei bemerkt, nur einer von vier oder fünf Liebhabern – allein des Monats Mai ’52! Feminismus und Flirtverhalten sind bei FrançoisOzon ein und dasselbe. Macht macht sexy, auch Frauen.

„Das Schmuckstück“.

F 2011. R: François Ozon.

D: Catherine Deneuve, Fabrice Luchini, Gérard Depardieu, Karin Viard. 104 Minuten. Ab 6 Jahren.