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Flucht an die Nordsee Osnabrücker Ratsschüler bringen „Ebbe und Flut“ auf die Bühne

Von Matthias Liedtke, Matthias Liedtke | 16.06.2018, 18:06 Uhr

Menschen auf der Suche in vielerlei Facetten zeigt das Theaterstück „Ebbe und Flut“, das der Kurs Darstellendes Spiel des aktuellen Abiturjahrgangs des Ratsgymnasiums selbst konzipiert, getextet und bühnenreif gemacht hat.

Dabei spielt auch die eigene Lebenssituation der Schüler eine Rolle, die sich gerade in einer Phase der Abnabelung von Schule und Elternhaus und individueller Neuorientierung befinden. Deshalb war Kursleiterin Margot Johannsmeier im Laufe der mehr als einjährigen Entstehungsphase stets darauf bedacht, die Schüler dazu anzuhalten, fiktive Figuren für sich zu entwickeln, die „möglichst weit entfernt von der eigenen Identität“ sind, wie sie bei der Generalprobe verrät. Und in der Tat scheint der Spagat gelungen zu sein: Zwar auch eigene Erfahrungen in den Rollen zu verarbeiten, diese aber so zu überspitzen und weiterzutreiben, dass „Ebbe und Flut“ ein buntes Kaleidoskop an insgesamt 17 prototypischen Charakteren entfaltet, die sich jeder für sich an Wendepunkten ihres Lebens befinden und hin- und hergerissen nach Halt und Orientierung suchen.

Auf der Suche nach sich selbst

Insofern ist nicht nur die Titelmetapher hervorragend gewählt, sondern auch der Schauplatz, an dem sich die einzelnen Figuren und ihre Geschichten begegnen und austauschen. Im Mikrokosmos eines Jugendhotels auf einer Nordseeinsel treffen junge Menschen aufeinander, die zum einen dorthin in eine Auszeit oder einen „vorübergehenden“ Job geflohen sind vor sich aufdrängenden Lebensentscheidungen und Zukunftsängsten. Sie erhoffen sich zum anderen aber auch, dort etwas zu finden, sei es die große Liebe, ganz konkret die leibliche Mutter oder auch einen Lebensplan, einen Weg oder einen Ausweg in Form von Alkohol, Drogen oder gar des schmerzlosen Todes im Meer. Nicht nur die Gäste, sondern auch das Personal vom berlinernden, mit seiner Autorität hadernden Hostelchef Peter über die aufmüpfige Rezeptionistin Olivia und den Barkeeper Will, der sich auch seine eigene „Bedenkzeit“ zusammenmixt, bis hin zur Putzfrau Alex, die keine Lust mehr hat, zuhause das geigende Wunderkind zu spielen: Allesamt sind sie auf der Suche nach etwas anderem – und sich selbst.

Kommen und Gehen

Dabei finden manche aber auch zueinander und ihre Schicksale und Gedanken kreuzen sich so, dass etwas Neues entsteht. Eine Siebzigerjahre-Party mit authentischer Musik von Abba bis T-Rex symbolisiert dabei Flucht und Aufbruch gleichermaßen. Nicht nur die Dialoge, sondern auch die Tanzchoreografien haben die Schüler selbst entwickelt und einstudiert. Ihre Inszenierung nutzt die volle Breite und Tiefe der Bühne für ein „Ebbe und Flut“-adäquates Kommen und Gehen - und auch den Publikumsraum so, dass etwa der Gang zum Strand nicht durch die Dünen, sondern durch die Stuhlreihen erfolgt. Am Ende erfahren die Zuschauer nach rund zweieinhalb Stunden Auf und Ab der Lebensplanung und –bewältigung, was aus den einzelnen Protagonisten schließlich geworden ist, die das noch nicht wussten, als sie alle gemeinsam am Strand John Lennons „Imagine“ angestimmt haben.