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Finanzexperte im Interview „Kreis Osnabrück sollte RWE-Aktienverkauf überdenken“

Von Jean-Charles Fays | 11.02.2017, 10:33 Uhr

Der Finanzexperte, Professor Christian Kröger, rät dem Landkreis Osnabrück, die Entscheidung zum Verkauf der 2,1 Millionen RWE-Aktien des Landkreises noch einmal zu überdenken. Das sagte Kröger auf Anfrage unserer Redaktion im Rahmen der Serie „Wohin mit den RWE-Millionen?“

„Aus heutiger Sicht erscheint es finanziell schade, dass man solange mit dem Verkauf der RWE-Aktien gewartet hat. Man hätte sie früher verkaufen können. Dafür gab es auch Anzeichen“, betont Kröger. Düsseldorf oder Kreise wie Steinfurt hätten die Zeichen der Zeit früher erkannt und zu einem Vielfachen des aktuellen Kurses verkauft. Düsseldorf hätte den Verkauf der mehr als fünf Million RWE-Aktien zu einem Kurs von über 60 Euro dazu genutzt, die kommunale Verschuldung deutlich abzubauen. Einige weitere Kommunen in Nordrhein-Westfalen hätten sich für einen ähnlichen Weg entschieden. Der Osnabrücker Nachbarkreis Steinfurt hatte bereits 2007 eine Million RWE-Aktien verkauft und damit einen Verkaufserlös von 77 Millionen Euro.

Spätestens in den Jahren danach – also nach der Fukushima-Katastrophe 2011 und dem angekündigten Atomausstieg der Bundesregierung – sei das Problem der Entsorgung des Atommülls und die damit einhergehende Belastung für die RWE-Aktie zu erwarten gewesen. Er fügt jedoch hinzu: „Im Nachhinein ist es aber immer leicht, zu kritisieren. Insofern müsste man sich für eine abschließende Bewertung die politischen und finanziellen Beweggründe genauer anschauen, warum man so lange mit dem Verkauf gewartet hat.“ Beim aktuellen Kurs von rund 13 Euro haben die 2,1 Millionen RWE-Aktien des Landkreises Osnabrück einen Wert von 27 Millionen Euro.

( Weiterlesen: Warum der Kreis Steinfurt 2007 seine RWE-Aktien verkaufte )

Kröger hilft Kommunen beim Werterhalt ihres Vermögens

Kröger lehrt an der Hochschule Osnabrück Betriebswirtschaft mit den Schwerpunkten Rechnungswesen und Controlling. Vor seiner Professur an der Hochschule Osnabrück war Kröger viele Jahre im Bankenbereich und bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PriceWaterhouseCoopers (PWC). Er hilft kommunalen Verwaltungen, Stiftungen und Non-Profit-Organisationen bei dem Werterhalt ihres Vermögens. Er rät den Osnabrücker Kreispolitikern: „Die aktuelle Entscheidung für den RWE-Aktienverkauf sollte man noch einmal überdenken, weil ich mir vorstellen könnte, dass die Stromversorger und insbesondere die RWE nun das Schlimmste bereits hinter sich haben. Auch die Strompreise könnten ihren Boden gefunden haben und der Börsengang der Ökostromgroßtochter Innogy war ein notwendiger und richtiger Schritt.“ Zudem sei fraglich, ob die beabsichtigte Atomwende bis 2022 überhaupt gelinge, weil die Speicherkapazitäten für Ökostrom bei Weitem noch nicht ausreichten, um die Atomkraftwerke zu ersetzen. Daher schätzt es Kröger als „durchaus realistisch“ ein, dass die Atomkraftwerke noch länger als bis 2022 betrieben werden, was RWE mehr Umsatz aus der Kernenergie einbringen würde. .

Verkauf in verschiedene Tranchen aufteilen

Für den Fall, dass die Entscheidung des Osnabrücker Kreistags zum Verkauf unumstößlich sein sollte, rät Kröger dem Landkreis Osnabrück „zumindest, den Verkauf in verschiedene Tranchen aufzuteilen, um die durch den Verkauf hervorgerufenen Aktienkursschwankungen möglichst gering zu halten“. Wenn 2,1 Millionen Aktien auf einen Schlag verkauft würden, würde das den Kurs nach unten ziehen. Da der Landkreis mittlerweile aber bereits angekündigt hat, die Anzahl der pro Tranche zu verkaufenden Aktien unter Begleitung eines externen Beraters zu bestimmen, geht Kröger von einem „kursschonenden“ Verkauf aus.

Der Kreistag will erst nach der Entscheidung über den Verkaufszeitpunkt der Tranchen über die Verwendung der Mittel aus dem Verkauf entscheiden. Zur Verwendung des Verkaufserlöses sagt Kröger, wenn der Landkreis wieder selbst in alternative Energieprojekte reinvestieren wolle, dann sei eine intensivere Beteiligung als bislang an Windkraftanlagen ratsam. Er fügt hinzu: „Wenn es aber keinen konkreten Bedarf für Infrastrukturprojekte gibt, dann sollte der Landkreis mit dem Geld Schulden abbauen und alte Kredite ablösen, um handlungsfähiger für die Zukunft zu werden. Dies wäre auch ein nachhaltiges gutes Zeichen für die jüngere Bevölkerung im Landkreis Osnabrück.“ Wegen mangelnder Anlagealternativen würde Kröger aktuell die Schuldenrückführung favorisieren und betont: „Das Beispiel Düsseldorf zeigt, welche Vorteile eine Entschuldung – auch teilweise bedingt durch den RWE-Aktienverkauf – und die dadurch neu erlangte Handlungsfähigkeit haben kann.“

Osnabrücker Kreispolitiker gegen Schuldenabbau mit RWE-Millionen

Auch der Bund der Steuerzahler hatte die Osnabrücker Kreispolitik bereits dazu aufgefordert, den Erlös aus dem Verkauf der RWE-Aktien zum Schuldenabbau zu nutzen. Mit Ausnahme der UWG hatten sich daraufhin aber alle Fraktionen im Kreistag dagegen ausgesprochen, das Geld in erster Linie zum Schuldenabbau einzusetzen .

Der Fraktionschef der CDU im Osnabrücker Kreistag, Martin Bäumer, hielt Kreiswerke als Pendant zu den Osnabrücker Stadtwerken für denkbar. SPD-Fraktionschef Thomas Rehme sieht eine Chance darin, bestehende Tochtergesellschaften wie die Abfallwirtschaft Landkreis Osnabrück (Awigo), die Landkreis-Energiegesellschaft Energos, die mehr als ein Dutzend Windenergieanlagen plant, und andere in neu zu gründenden Landkreiswerken zu bündeln. Die FDP will die RWE-Millionen in die Energie-Infrastruktur reinvestieren, die Linken wollen mit dem Geld einerseits Landkreiswerke gründen und andererseits in Bildung und Schulen investieren, der AfD hielt das Thema bislang für zu komplex, um es öffentlich zu kommentieren.

( Weiterlesen: Steuerzahlerbund: Kreis Osnabrück soll mit RWE-Millionen Schulden abbauen )

Der Fraktionschef der Landkreis-Grünen, Rainer Kavermann, hatte vorgeschlagen, dass der Landkreis Osnabrück das Geld aus dem Verkauf seiner RWE-Aktien für eine Kooperation mit den Stadtwerken einbringt und so Regionswerke ins Gespräch gebracht.

( Weiterlesen: Grüne im Kreistag Osnabrück schlagen Regionswerke vor )