Ein Artikel der Redaktion

Filmfest in Osnabrück Ein kurzes Porträt über Regisseurin Kim Longinotto

Von Frank Jürgens | 11.10.2015, 16:11 Uhr

Osnabrück Zu Besuch beim Filmfest in der Lagerhalle verrät uns Kim Longinotto („Dreamcatcher“), warum sie Filme macht und was mit ihren Preistrophäen geschieht.

Manchmal sind es die ganz kleinen, zunächst völlig unscheinbaren Erlebnisse in der Kindheit, die dem weiteren Leben eine entscheidende Richtung verleihen. Zum Beispiel ein Schulausflug. Ohne den dummen Verlauf dieses Ausfluges und die daraus resultierenden, prägenden Folgen wäre die vielfach preisgekrönte britische Dokumentarfilmerin Kim Longinotto wahrscheinlich nicht dort, wo sie heute ist.

Während eines Schulausfluges ist die kleine Kim einst irgendwie abhanden gekommen. Sie wurde gesucht und natürlich gefunden, kein großes Ding also. Aber die Lehrerschaft ihres Internats war auf Strenge programmiert. „Die Strafe“, so Longinotto im Gespräch mit unserer Redaktion, „bestand darin, dass alle Schulausflüge für den Rest des Halbjahres gestrichen wurden. Und meine Bestrafung bestand darin, dass niemand mehr mit mir für den Rest dieser Zeit sprechen sollte“. Mit dem unschönen Ergebnis, dass auch danach niemand mehr mit der zur Außenseiterin abgestempelten Schülerin reden mochte.

Ursprünglicher Berufswunsch: Schriftstellerin

Diese frühe Erfahrung habe die Filmemacherin nachhaltig dahingehend beeinflusst, dass sie es überhaupt nicht mag, alleine zu sein. Sie braucht Menschen um sich herum, weshalb ihr ursprünglicher Berufswunsch, Schriftstellerin zu werden, vielleicht doch keine so gute Idee war. Auf der Uni habe sie dann zudem bemerkt, dass sie als Schriftstellerin „nicht gut genug“ gewesen sei.

„Ich konnte zwar sehr gute Dissertationen verfassen“, sagt sie. „Aber ich wäre niemals in der Lage, Bücher oder Erzählungen wie  Henning Mankell oder Katherine Mansfield zu verfassen. Also ist in mir der Entschluss gereift, Geschichten auf eine andere Art und Weise zu erzählen. Und am nächsten lag da für mich das Filmemachen. Und da ist dann auch wieder die Tatsache, dass ich wirklich nicht für mich alleine sein mag. Ich brauche andere Menschen. Und das ist ja auch das Tolle beim Filmemachen: du bist nie allein!“

Engagierter Film über Prostituierte

Längst ist Longinotto nicht nur nie alleine, sondern auch eine äußerst erfolgreiche Filmautorin. Für „Salma“ erhielt sie 2013 im Rahmen des Unabhängigen Filmfests Osnabrück den Friedensfilmpreis der Stadt Osnabrück . Und auch ihr aktueller Film „Dreamcatcher“ über die engagierte Sozialarbeiterin Brenda, die sich mit aller Kraft für die Belange Prostituierter und gefährdeter Mädchen in Chicago einsetzt, überzeugte nicht nur das Osnabrücker Publikum, dem sie den Film am vergangenen Freitag persönlich in der Lagerhalle vorstellte.

Beim Sundance Festival konnte sie für „Dreamcatcher“ den Preis für die beste Regie in der Kategorie „World Cinema – Dokumentation“ entgegennehmen. Solche Trophäen seien vor allem für die Protagonisten ihrer Filme „sehr wichtig“, betont Longinotto. Etwas, woran sich diese Menschen in Zeiten des Zweifels mental wieder aufrichten können. Bei nächster Gelegenheit will Longinotto ihre Sundance-Trophäe in die Hände der couragierten Brenda geben.