Ein Artikel der Redaktion

Festival „Spieltriebe“ Transsexualität in „Dienstags bei Kaufland“

Von Christine Adam | 14.07.2017, 09:00 Uhr

Das Festival „Spieltriebe“ am Osnabrücker Theater setzt sich mit dem brisanten Thema „Macht*Spiel*Geschlecht“ auseinander. Mit einer Serie beleuchten wir Produktionen und verschiedene Aspekte des brisanten Themas. Dieses Mal sind es die Probleme der transsexuellen Roberta in „Dienstags bei Kaufland“.

Der Effekt ist frappierend: Kernig und markant, mit kurzem Herrenhaarschnitt, sieht Christina Dom auf dem Foto aus – als Christian, als Mann also. Das Internetangebot „FaceApp“ machte es möglich und verwandelt mal ein Jugendfoto, mal ein aktuelles Porträt der Osnabrücker Schauspielerin – in die üblichen Merkmale des anderen Geschlechts, beziehungsweise das, was wir optisch dafür halten. Damit sind wir mittendrin in Emmanuel Darleys Theaterstück „Dienstags bei Kaufland“, das beim Festival „Spieltriebe“ des Osnabrücker Theaters seine deutschsprachige Erstaufführung erfährt. Mittendrin auch in einem brennend intensiven Gespräch am Rande einer Probe darüber, wie schwer es ist, als transsexuelle Person in unserer Gesellschaft akzeptiert zu werden. Regisseurin Nina de la Parra, Alexander Wunderlich als Dramaturg und Berit Schog für Bühne und Kostüme sind in der aufgegebene Filiale von „Ihr Platz“ in der Osnabrücker Theaterpassage dabei.

Zum Stückinhalt

Roberta in Darleys Stück war früher Robert. Christina Dom spielt sie. Nun kommt sie jeden Dienstag zu ihrem alten Vater, um ihm beim Haushalt zu helfen. Sie gehen beide auch einkaufen, damit der Vater ohne seine verstorbene Frau über die Runden kommt. Im Supermarkt wird bei ihrem Erscheinen gemustert, getuschelt und geprustet – weil viele noch Roberta als Robert kannten. Auch der Vater (Klaus Fischer) hat sich noch nicht an sie gewöhnt, ihre Hackenschuhe, ihr Aussehen, ihre Bewegungen. „Machst Du wieder auf Weibchen“, stichelt er, wenn die Tochter Staub wischt, das Bett bezieht, wischt und lüftet, also alles das tut, was die Mutter bis vor ein paar Monaten getan hat. „Also wirklich, Robert“, sagt er immer wieder empört und „So gehst Du auf die Straße?“. An der Supermarktkasse geht er auf Distanz, als kenne er Roberta nicht. Bekannten gegenüber zeigt er auf die mit der Bemerkung „Das isses“.

Stilisierte Weiblichkeit

In der einstigen „ Ihr-Platz“-Filiale hängen ein paar Kleider und Taschen am unverputzten Mauerwerk. Ein erstes Poster zeigt eine strahlende junge Frau mit Lipgloss auf den vollen Lippen. Es prangt neben der in hässlichen Fetzen herabhängenden Tapete und Resten alter, schadhafter Küchenfliesen. Es sollen noch mehr Poster hinzukommen: Einen „Schrein“ stilisierter Weiblichkeit will Nina de la Parra mit ihnen einrichten. Warum? Weil Roberta versucht, als Frau akzeptiert zu werden, ihr Umfeld aber ihr neues, vielleicht ein bisschen dick aufgetragenes weibliches Outfit nicht durchgehen lässt. High Heels, knallfarbene Schminke, zu eng anliegende Kleider: „Wer sich so stylt, muss damit rechnen, abschätzig behandelt zu werden“, versucht es Nina de la Parra mit einer Erklärung. Das gelte für Frauen generell, „weil Frauen noch immer stärker nach ihrem Aussehen in ihrem sozialen Rang bewertet werden als Männer“. Evolutionär tief verankert im gesellschaftlichen Blick sei es, sozial auszuschließen, was anders ist. Und dieses Ausgeschlossenwerden, etwa durch Klatsch und Tratsch, habe sich als lebensgefährlich eingeprägt, weil es die Reproduktion verhinderte.

Wunsch, nicht mehr aufzufallen

Die Ikonen der Weiblichkeit aber, die uns wie die Poster täglich umgeben, definieren ständig neu, was gerade als schön gilt und was nicht. Wer sich dem unterwirft, wird zwar gesellschaftlich akzeptiert, bleibt aber eingeschlossen in ein eng definiertes Korsett von Weiblichkeit oder umgekehrt Männlichkeit – meist ohne sich dessen bewusst zu sein. Transgenderfrauen, meint die Regisseurin, erfahren besonders ungeschminkt, inwieweit die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen Lippenbekenntnis geblieben ist. Blicke, abfällige Bemerkungen, Übergriffe, darunter litten vor allem Transgenderpersonen, die nicht im landläufigen Sinne „schön“ seien. Ihr sehnlicher Wunsch, nicht mehr aufzufallen, bleibt oft unerfüllt. Zu äußeren Akzeptanzproblemen kommen innere, soziale wie gesundheitliche, Leidenswege auf dem Weg ins andere Geschlecht. Und nicht zuletzt die enormen finanziellen Belastungen, denn die medizinische Behandlung, die Operationen, verschlingen auf Jahre viel Geld.

Wenig Hoffnung auf Toleranz

Doch macht nicht wachsende gesellschaftliche Toleranz Hoffnung? Da bleibt das Team skeptisch: Zu den festgefahrenen Bildern von Geschlechtsrollen kommen neue Normen und Zwänge hinzu, die Vorurteile und Ängste eher zementieren als abbauen. Ständige Selbstkontrolle, Sportwahn, perfekte Ich-AG, nachlassendes soziales Engagement werden genannt. Mit dem Ergebnis: „keine Empathie mehr für irgendwen“, sagt Christina Dom.

Wahrlich keine rosigen Aussichten, aber vielleicht müssen nun Institutionen wie das Theater und ein Festival übernehmen, was der Einzelne nicht mehr zu schaffen glaubt.