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Fastenmonat endet diesen Sonntag Osnabrücker Muslime empfinden Ramadan nicht als Last

Von Markus Pöhlking | 25.07.2014, 09:27 Uhr

Nur ein kleines Zeitfenster bleibt für Nahrung und Getränke: Für gläubige Muslime ist derzeit Ramadan. Das damit verbundene Fastengebot gilt mit wenigen Ausnahmen als verpflichtend – auch wenn es, wie in diesem Jahr, in die längsten Tage des Jahres fällt. Die täglich rund 17 von Verzicht und Entbehrung geprägten Stunden sind indes für viele Fastende alles andere als eine Tortur: Gemeinschaft, Bestärkung im Glauben und das Gefühl tiefer Ausgeglichenheit sind wiederkehrende Motive, die in Osnabrück lebende Muslime aus ihren Erlebnissen im Ramadan schildern.

„Was wir erleben, ist das Gegenteil dessen, was Außenstehende erwarten“, bringt Martin Kaminski seine Sicht der Diskrepanz hinsichtlich Selbst- und Fremdwahrnehmung der Fastenden auf den Punkt. Der 23-Jährige studiert in Osnabrück am Institut für Islamische Theologie (IIT), er selbst ist vor drei Jahren zum Islam konvertiert. Und erinnert sich seines ersten Ramadans als einer „unglaublichen Erfahrung“: „Das Gefühl der Gemeinschaft und das spirituelle Erlebnis haben mich bestärkt, den richtigen Schritt getan zu haben.“

Der Ramadan verschiebt sich jährlich um neun Tage, die Erfahrung des Fastens an langen Sommertagen ist somit für die Muslime nicht neu. Das besonders die ersten Tage des Verzichtes auch Herausforderung seien, bestreitet niemand. Vor allem in Ländern, in denen die Gesellschaften kaum auf den Rhythmus muslimischer Kultur ausgerichtet sind: Während der Alltag traditionell islamischer Länder im Ramadan das Fasten berücksichtigt, geht das Leben in Deutschland seinen gewohnten Gang. „Wenig Schlaf müssen Muslime in Deutschland in Kauf nehmen, wenn sich der Ramadan in den Sommermonaten bewegt“, erklärt Abdil-Jalil Zeitun, Imam der Ibrahim-Al-Khalil-Moschee am Goethering. Manche nähmen für das 29 Tage währende Fasten Urlaub, andere würden parallel ihren Alltagsverpflichtungen nachgehen.

In Härtefällen erlaube der Koran eine gewisse Flexibilität: „Wer aus verschiedenen Gründen den Ramadan nicht einhalten kann, holt das Fasten zu einem anderen Zeitpunkt nach.“ Von der Verpflichtung befreit sind zudem Kranke, Kinder und Schwangere. Letztlich falle die Entscheidung zum Fasten ohnehin freiwillig: „Für uns ist der Ramadan ein Geschenk“, so Zeitun. Unter den Moschee-Gemeinden intensiviere sich in dieser Zeit der Kontakt, das allabendlich mit dem Verzehr einer Dattel beginnende Fastenbrechen gerate zum täglichen Fest. Dieser Erfahrung wolle sich kaum ein Muslim entziehen.

Auch dann nicht, wenn damit einige Härten verbunden sind: Zeituns Tochter Dua etwa ist Studentin und erinnert sich eines Vortrages, den sie letztes Jahr während des Ramadans hielt: „Mein Mund wurde während des Redens immer trockener, und es waren noch Stunden bis zur Dämmerung.“ Es erfordere Disziplin, dann nicht den Signalen des Körpers Folge zu leisten. „Natürlich kann niemand kontrollieren, ob ich nicht heimlich doch etwas trinke“, betont auch sie die freiwillige Selbstverpflichtung. Deren Einhaltung müsse jeder mit sich selbst und vor Gott ausmachen: „Selbstbeschränkung fordert Kraft. Man gewinnt aber eine tiefe innere Ruhe, wenn man mit dem Geist seinen Körper bezähmt“, schildert sie ihre Erfahrungen.

Die Reaktionen der Umwelt seien zwiespältig: „Meine Mitschüler sind respektvoll und sensibel mit dem Thema umgegangen. Einige haben sogar aus Rücksicht in meiner Gegenwart nicht getrunken oder gegessen“, berichtet Serife Tiryaki von Erfahrungen aus ihrer Schulzeit. Die 24-Jährige studiert ebenfalls am IIT, auch Unverständnis oder Mitleidsbekundungen Nicht-Fastender seien ihr schon begegnet: „Die Idee, der Ramadan sei eine schwere Bürde, ist weit verbreitet, aber unbegründet. Nicht zuletzt kennen doch auch die Christen das Fasten.“

Die spirituelle Komponente des Fastens der Muslime betont Ahmet Numan Cakilkum: „Der Ramadan ist eine Zeit, bewusster und ruhiger gegenüber sich selbst zu werden“, so der 21-Jährige. „Er ist eine Chance, eigener Fehler gewahr zu werden und eigenes Handeln zu überdenken.“ Zentrale Motive seien Barmherzigkeit und Mitleid: „In einer Welt des Überflusses erinnert uns das Fasten an Armut und Vergänglichkeit.“

Der Ramadan endet an diesem Sonntag, 27. Juli 2014. Ab Montag schließt sich ein dreitägiges Fest des Fastenbrechens (Id al-Fitr) an.