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Fast wie mit einem Kompass im Kopf Universität Osnabrück entwickelt Gürtel zum Erfühlen der Himmelsrichtung

Von Marie-Luise Braun | 23.02.2011, 13:25 Uhr

Es brummt ein wenig im Gürtel rechts über der Hüfte, zarter als der Vibrationsalarm eines Handys. In dieser Richtung liegt also Norden. Beim Drehen läuft das Brummen um die Taille herum und signalisiert stets die Lage des Nordpols. Ein Wanderer wüsste jetzt ohne Blick auf den Kompass, wo er weiterlaufen müsste. Der Kompassgürtel macht das überflüssig. Wie praktisch. Doch noch ist die Erfindung nur Teil eines Forschungsprojekts an der Universität

Udo Wächter hat den Gürtel, Projektname „Feel Space“, sechs Wochen lang getragen. Von morgens bis abends brummte es an seiner Hüfte. 2006 war das, als der Mitarbeiter des Instituts für Kognitionswissenschaft noch Student der Universität Osnabrück gewesen ist. Damals führte Professor Peter König die ersten Versuche mit dem Kompassgürtel durch. Anschließend sollten die Gürtel-Träger ohne Hilfsmittel die Himmelsrichtung erfühlen können.

„Ich hatte das Gefühl, mich in Osnabrück besser orientieren zu können“, sagt Wächter zu der Zeit nach dem Versuch. Allerdings sei dieses neue Wissen nur von kurzer Dauer gewesen. „Das war auch zu erwarten“, ergänzt seine Kollegin Dr. Saskia Nagel, die damals an der Durchführung des Projekts mitgearbeitet hat.

Verhalten und Reflexe sollten mit der Erfindung erforscht werden. Ein Tuch schützte die zwölf Vibratoren, den Kompass und die verbindenden Kabel beim Tragen. Die neuere Variante des Gürtels, die Frank Schumann, ein ehemaliger Mitarbeiter, federführend entwickelt hat, besteht aus 30 Vibratoren, sodass die Richtungsangabe feiner ist. Die Fortführung des Projekts wird nun über drei Jahre von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert. Dieses Mal ist es das Ziel der acht Mitarbeiter, Lerneffekte zu erforschen, also wie Wahrnehmung funktioniert und wie diese so integriert wird, dass sich eine Art Intuition ausbilden kann. Kurz: wie das Gehirn funktioniert.

Wieder werden die Probanden den Gürtel sechs Wochen lang tragen, doch dieses Mal werden zusätzlich ihre Gehirnströme im Kernspintomografen ermittelt und im Schlaflabor beobachtet. „Es gibt Kennzeichen im Gehirn für starkes Lernen“, erläutert Nagel die erhofften Ergebnisse. Einer der Kooperationspartner des Projekts ist das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, wo die Versuche im Kernspintomografen durchgeführt werden. An der Universität Tübingen, ebenfalls Kooperationspartner, werden die zwölf Probanden in einem virtuellen Parcours Tests absolvieren. In Kanada führen Forscher eine Versuchsreihe für Patienten mit Gleichgewichtsstörungen durch.

Eigentlich, so Saskia Nagel, sei das Projekt Grundlagenforschung. Aber vielleicht sei es auch der Start für eine Technologie, die unterhalb der Aufmerksamkeitsschwelle liegt, die im Alltag unterstützt und nicht – wie so vieles – über die Augen wahrgenommen wird. Wie bei den Wanderern, die sich mit dem Gürtel mehr der Landschaft widmen können.