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Familie aus dem Landkreis Osnabrück „Das schlimmste Kind in der Klasse“ – Leben mit einem Kind mit ADHS

Von Cornelia Achenbach, Cornelia Achenbach | 13.02.2017, 06:18 Uhr

„Erzieh doch lieber mal dein Kind, anstatt es mit Medikamenten ruhig zu stellen!“ Eltern von Kindern, die an einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) leiden und sie mit Medikamenten behandeln lassen, müssen sich häufig schwere Vorwürfe anhören. Eine Mutter aus dem Osnabrücker Nordkreis berichtet, wie es ihr ergangen ist.

Als sich Hildegard Steinkamp* und ihr Mann 1985 dazu entschließen, ein Kind zu adoptieren, ahnen sie noch nicht, worauf sie sich einlassen. Dass Markus* anders war als andere Kinder, das habe sich jedoch früh abgezeichnet, sagt Hildegard Steinkamp. „Ich habe zehn Jahre lang als Erzieherin gearbeitet. Mit 25 Kindern in einer Gruppe kam ich klar, wie kann es da sein, dass ich es mit diesem einen hier zu Hause nicht schaffe?“, habe sie sich gefragt.

„Das schlimmste Kind in der Klasse“

Die ersten Probleme tauchen im Kindergarten auf. Es heißt, Markus mache alles kaputt, sei zu laut und frech. Doch das sei harmlos gewesen im Vergleich zur Grundschule. „Der erste Elternsprechtag war der Horror“, sagt Hildegard Steinkamp. „Unser Kind galt als das schlimmste Kind in der Klasse. Das trifft einen noch mal besonders stark, wenn man selbst so ohne Probleme durch die Schule gekommen ist.“

Zunächst sei Markus noch ganz gut zurecht gekommen. Er habe eine „Lehrerin vom alten Schlag“ gehabt, bei der der Unterricht sehr klar strukturiert war. Später habe Markus dann jedoch einen sehr lieben, aber auch weniger strengen Lehrer bekommen, der den Schülern wenig Grenzen setzte – was für den Grundschüler fatal war. Zwei der Wörter, die Hildegard Steinkamp während des Gesprächs an diesem Vormittag häufig benutzt: „Struktur“ und „Grenzen“. Beides bräuchten Kinder mit ADHS, sagt sie. Von dieser Störung hat sie allerdings damals, Anfang der 90er Jahre, noch nie gehört. Was sie stattdessen ständig hörte: das Telefon.

Zu laut, zu frech, zu zappelig

„Ständig rief bei uns die Schule an“, berichtet Hildegard Steinkamp. Weil ihr Sohn den Unterricht störe, so unkonzentriert und zappelig sei. „Uns wurde gesagt, wir hätten Markus verwöhnt. Ich war fassungslos. Eltern kann man ja alles einreden – entweder überbehüten sie ihre Kinder oder es heißt, dass sie sie vernachlässigen. Dabei haben wir alles getan für dieses Kind.“ Ihm vorgelesen, mit ihm gespielt, ihm viel Bewegung geboten. Ständig sei er mit den Nachbarskindern draußen gewesen oder sei auf dem Hof der Großeltern gewesen und habe die Tiere gefüttert. (Weiterlesen: Wie eine Osnabrücker Mutter ihre Wochenbettdepression überwand) 

„Mit dem Kind stimmt etwas nicht“

Als Markus in die Pubertät kommt, nehmen seine Eltern ein weiteres Pflegekind auf. Stefan, einen vierjährigen Jungen, der kaum noch in eine Familie zu vermitteln war. Stefans bisherige Pflegemutter wollte das Kind nicht mehr im Haus haben: Er mache alles kaputt, sei zu laut und zu frech.

Die Geschichte wiederholt sich. Kaum ist Stefan in der Schule, kommt der Anruf: „Frau Steinkamp, der Stefan macht nicht mit. Der will nicht mit in den Klassenraum und bleibt einfach unter der Treppe sitzen.“

„Ich habe ihn dann dort in der Schule besucht“, erinnert sich Hildegard Steinkamp. Auf dem Tisch hätten Stifte und Papier, Brotdosen und Trinkflaschen gelegen, es sei ein einziges Chaos gewesen. „Mir war sofort klar, dass Stefan hier nicht klar kommen wird.“ Nach acht Wochen klingelt wieder einmal das Telefon: „Dieses Kind verlässt die Schule“, heißt es. Stefan soll auf eine Förderschule. Doch seine Mutter geht auf die Barrikaden, sucht das Gespräch mit der Schulleitung und dem Jugendamt. Schließlich wird entschieden, Stefan in eine andere Klasse zu versetzen, um „einen Neuanfang“ zu wagen. Wieder dauert es nur wenige Tage, bis das Telefon klingelt. Es ist Stefans neue Lehrerin. Sie sagt: „Mit dem Kind stimmt etwas nicht. Sie sollten mit ihm zu einem Kinderarzt oder einem Psychologen.“

Die Diagnose

Diesen Rat nimmt sich Hildegard Steinkamp zu Herzen, die Diagnose lautet schließlich: Lese- und Rechtschreibschwäche. Als Stefans Lehrerin das hört, sagt sie: „Dann können sie gleich noch mal mit ihrem Kind losziehen. Ich kenne Kinder mit Lese- und Rechtschreibschwäche. Ihr Kind hat etwas anderes.“

Beim Gesundheitsdienst des Landkreises Osnabrück sagt ihr ein Arzt schließlich: „Ihr Sohn hat ADS.“ Ein Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom – ohne das „H“, das für Hyperaktivität steht. „Stefan war immer unheimlich lahm. Aber innerlich sehr unruhig“, sagt seine Mutter.

Im Kinderhospital werden mehrere Tests gemacht, Stefan bekommt Medikamente, es dauert eine Weile, bis das richtige für ihn gefunden wird. „Plötzlich war er viel konzentrierter, nicht mehr so aufbrausend, und auch sozial fähig.“ Werden die Medikamente einmal vergessen, fällt dies in der Schule sofort auf, und prompt klingelt wieder das Telefon. (Weiterlesen: Hochsensible Kinder: Zu feinfühlig für diese Welt?) 

Bis Mitternacht in der Selbsthilfegruppe

In dieser Zeit besucht Hildegard Steinkamp auch zum ersten Mal eine Selbsthilfegruppe. Eine Freundin hatte einen Artikel in der Neuen Osnabrücker Zeitung gelesen und sie darauf aufmerksam gemacht. 25 Eltern, die ebenfalls durch den Artikel auf die Gruppe gestoßen waren, hätten im Gasthaus Beckmann in Wallenhorst zusammen gesessen. Vier Stunden lang habe das Treffen gedauert, erst dann hätten alle Eltern von ihren „erschreckenden Erlebnissen“ mit ihren heranwachsenden Kindern berichtet. „Ich kam erst nach Mitternacht nach Hause und habe sofort meinen Mann geweckt. ‚Du, jetzt weiß ich auch, was mit Markus nicht stimmt‘, habe ich zu ihm gesagt.“

Markus ist zu dem Zeitpunkt zwölf Jahre alt. Eine Ärztin in Osnabrück-Nahne, die selbst ein Kind hat, das unter ADHS leidet, verschreibt ihm Medikamente.

Plötzliche Verwandlung

„Als Markus mittags von der Schule kam, habe ich geheult“, erinnert sich Hildegard Steinkamp. Da sitzt ihr Sohn am Esstisch – und auf einmal kann sie sich mit ihm unterhalten. „Ganz ohne Spinnigkeiten. Sonst hatte er ständig irgendwelche Ideen im Kopf, kam mit einem anderen Thema aus der Schule, das er ausdiskutieren wollte, aber nie ließ er mich dabei wirklich zu Wort kommen.“ Doch nun ist eine normale Unterhaltung möglich.

Auch Markus bemerkt die Verwandlung. Auf einmal kann er selbst in seinem Angstfach Mathe dem Unterricht folgen und mitarbeiten. Doch dann hätten sie eine fatale Entscheidung getroffen, sagt Hildegard Steinkamp – und die Medikamente in den Sommerferien abgesetzt. Das hätten Ärzte früher so empfohlen: Medikamente morgens einnehmen, um die Schule zu überstehen, und sonst weitgehend darauf verzichten. Was im Fall von Markus zur Folge hat, dass er seine Medikamente gar nicht mehr nehmen will.

Medikamente als einzige Chance?

„Er sagte, seine Freunde und seine Freundin hätten ihm gesagt, dass er sich so verändert habe. Er sei so vernünftig geworden, gar nicht mehr so verrückt wie früher“, sagt Hildegard Steinkamp. Kurz darauf haben sie das erste Mal mit der Jugendgerichtshilfe zu tun. Denn da sind sie wieder: die verrückten Ideen, die „Spinnigkeiten“, das unüberlegte Handeln. Los geht es mit dem Sprayen. „In einer Nacht haben sie den gesamten Ort vollgesprüht“, sagt Hildegard Steinkamp. Sie habe ihrem Sohn ins Gewissen geredet, ihm klar gemacht, dass so etwas doch nicht ohne Konsequenzen bleiben würde. Doch Markus hört nicht auf seine Mutter. Es folgen Ladendiebstähle, Probleme mit Drogen. Mit „Ach und Krach“ habe er schließlich die Hauptschule geschafft. „Dabei war er so intelligent, er hätte locker einen Realschulabschluss machen können“, sagt seine Mutter. Wenn er denn seine Medikamente genommen hätte. Immer wieder habe sie sich dafür stark gemacht, Kinder mit ADHS medikamentös behandeln zu lassen – immer wieder sei sie dafür angefeindet worden. „Wie kannst du deinem Kind nur Medikamente geben? Erzieh das doch mal richtig!“ Solche und ähnliche Vorwürfe habe sie sich immer wieder anhören müssen. „Aber wenn man eine Stoffwechselstörung im Gehirn hat, dann sind Medikamente doch die einzige Möglichkeit, klar zu kommen“, sagt Hildegard Steinkamp. Sie schüttelt den Kopf. „Wer sich mit ADHS auskennt – und das sind meistens die betroffenen Eltern –der weiß, dass Medikamente die einzige Chance sind. Zumindest bei so einer schweren Form von ADHS.“

Schwerer Schicksalsschlag

Fragt man Hildegard Steinkamp, wie es mit Markus weitergegangen ist, schüttelt sie den Kopf, ihre Stimme wird brüchig. „Mein Ältester liegt im Grab“, sagt sie. Der Tod eines engen Freundes, Drogen und psychische Probleme – irgendwann war es zu viel. Markus nimmt sich im Alter von 29 Jahren das Leben.

Stefan wohnt auch heute noch bei seinen Eltern. Er hat eine Ausbildung als Konstruktionstechniker abgeschlossen und nimmt regelmäßig seine Medikamente. Hildegard Steinkamp ist mittlerweile fast eine Expertin in Sachen ADHS geworden. Immer wieder fährt sie zu Kongressen, engagiert sich in der örtlichen Selbsthilfegruppe. „Ich war einmal bei einem dreitägigen Kongress in Aachen“, erzählt sie. Dort habe der damalige Leiter der Kölner Uniklinik einen Vortrag gehalten und gesagt: „Einem ADHSler keine Medikamente zu geben, das ist unterlassene Hilfeleistung.“

 *Sämtliche Namen im Text wurden auf Wunsch der Familie geändert