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Ex-Bundespräsident in Osnabrück Christian Wulffs Schritte aus dem Schatten

Von Melanie Heike Schmidt | 24.07.2014, 00:39 Uhr

Sein Buch „Ganz oben Ganz unten“, das Christian Wulff am Mittwoch im Osnabrücker Theater vorstellte, ist bereits ein Verkaufshit. Doch noch ranken sich viele Fragen um die Affäre, an deren Ende Wulffs Rücktritt vom Amt des Bundespräsidenten stand. Diesen Fragen stellte er sich bei einer Podiumsdiskussion.

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Wenn Juristen sprechen, legen sie Wert auf Korrektheit. Christian Wulff, ehemaliger Bundespräsident und eines der berühmtesten Kinder Osnabrücks, ist Jurist. Und so wählte der 55-Jährige in der mit Spannung erwarteten Podiumsdiskussion am Mittwochabend im Osnabrücker Theater die ihm eigene, präzise, detailfreudige Sprache, um die Ereignisse um seinen Rücktritt darzulegen.

Im Gespräch mit Ralf Geisenhanslüke, Chefredakteur der „Neuen Osnabrücker Zeitung“, richtete ein aufgeräumt wirkender Wulff den Fokus auf die Medien, die er für ihre Berichterstattung in der Causa Wulff harsch kritisierte. Auch den Justizbehörden hatte Wulff einiges vorzuwerfen, sprach von unverzeihlichen „Durchstechereien“. Ermittlungen der Staatsanwaltschaft und ein Antrag auf Aufhebung der Immunität hatten Wulff bewogen, am 17. Februar 2012 seinen Rücktritt vom Amt des Bundespräsidenten zu erklären.

Inzwischen ist das Verfahren wegen angeblicher Vorteilsannahme abgeschlossen, das Urteil des Landgerichts Hannover – Freispruch für Wulff – rechtskräftig. Juristisch ist für den Juristen also alles in Ordnung, fehlt der Ruf, den zu reparieren Wulff nun antritt. Dies versucht er – hier schließt sich ein Kreis – mithilfe der Medien, wenn auch „vorsichtiger“. Er setze auf Qualitätsmedien, sagte Wulff – und nannte explizit diese Zeitung, die in der Affäre „differenziert“ berichtet habe. Das Lob ist nicht selbstverständlich, schließlich beschreibt Wulff seinen Rücktritt als Ergebnis einer Medienkampagne, angeführt von der „Bild“-Zeitung.

Doch auch er sei nicht unfehlbar, gab Wulff zu: „Fehler, die ich zu verantworten habe“, habe er in seinem Buch „breit“ dargelegt, sagte er.

Ausführlicher widmete er sich dem „Druck der Medien“, kritisierte „unlautere Mittel“ und Recherchen, die „jede Grenze überschritten“ hätten. So habe ein „gefälschter Bericht“ die Justiz dazu gebracht, Anklage zu erheben. „Manches war so brutal“, er sei „sehr verletzt“ gewesen, sagte er rückblickend. „Kein Wunder“, raunt eine Dame im Publikum. Er wünsche dies niemandem, betonte Wulff, und forderte eine neue Medienkultur. „Kritik muss sein“, doch sie dürfe „nicht unverhältnismäßig“ werden. Detailliert beschrieb Wulff die Berichterstattung über die Affäre, die „Meute“, die ihn gejagt habe, ein „Medientsunami“ sei es gewesen. Ähnliche Worte hatte er jüngst auch in einem „Spiegel“-Interview gewählt.

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Auf seinen Amtsbeginn Mitte 2010 zurückblickend, hätte er damals „wohl viele überrascht“. Seine Äußerungen, etwa zum Islam – eine „Herzensangelegenheit“ – hätten nicht jedem gefallen. Er habe „einige verblüfft“, nicht nur Parteifremde, sondern auch in der CDU/CSU. Vieles würde er „heute wieder so machen“, beantwortete er die Frage des Moderators, etwa seine Äußerungen zur Kirche oder die Bankenkritik, „manches anders“. Hier nannte er seinen Hauskredit und den „Urlaub 2010“ in der Maschmeyer-Villa. „Den Urlaub würde ich vielleicht allein in einem kleinen, fernen Land“ verbringen.“

Im Publikum traf Wulff auf viel Verständnis, immer wieder gab es Zwischenapplaus. „Der Mann ist unschuldig in diese Situation geraten, das darf er nicht so stehen lassen“, erklärte eine ältere Dame. Auch Wulffs Liebeserklärung an seine Geburtsstadt, in der man „gut miteinander“ umgehe, kam bestens an.

Seit 888 Tagen ist Wulff nicht mehr Bundespräsident. Mit 598 Tagen war seine Amtszeit wesentlich kürzer. Dennoch ist Wulff heute ausgesprochen präsent. Dazu beigetragen hat sein fast druckfrisches Buch „Ganz oben Ganz unten“, aus dem er die Einleitung verlas. Vor vollen Rängen – genau 474 interessierte Leser fanden am Mittwochabend den Weg ins Theater. Die „Spiegel“-Bestsellerliste listet das Werk seit Wochen, ein Ende des Interesses ist nicht in Sicht, stellt Wulff doch auf 259 Seiten nicht nur seine Wahl zum zehnten Bundespräsidenten und seine Sicht auf die folgenden Geschehnisse dar, sondern auch die Zeit als Ministerpräsident Niedersachsens. Es sei sein „Beitrag zur Aufarbeitung“, sagte Wulff.

Mucksmäuschenstill war es, als Ralf Geisenhanslüke seinen Gast nach seinem Gefühl fragte, mit dem er das Buch geschrieben habe. „War da Groll?“ Auch, sagte Wulff. Während des Schreibens sei es ihm „noch nicht so gut gegangen“, erklärte der Osnabrücker, dem am Mittwoch anzusehen war, dass er sich deutlich besser fühlt als noch vor wenigen Monaten.

Am Ende der Diskussion stand die Erkenntnis, dass hier beileibe kein gescheiterter oder gebrochener Ex-Politiker die Öffentlichkeit sucht, sondern ein Mann, der versucht, seine Ehre zurückzugewinnen. „Er ist ein Kämpfer“, sagte ein Besucher. „Er wird das durchziehen“, so dessen Begleitung. Es sieht so aus, als hätten beide recht.

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