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Ex-Bundespräsident am Ratsgymasium Christian Wulff diskutiert mit Osnabrücker Schülern

Von Mareike Katerkamp | 09.11.2015, 17:23 Uhr

Ob Pegida-Märsche oder Anschläge gegen Flüchtlingsheime – die Themen Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus sind aktueller denn je. Darüber diskutierten am Montag 45 Schüler der Jahrgangsstufe 11 mit Ex-Bundespräsident Christian Wulff in der Aula des Ratsgymnasiums.

Der 9. November gilt als Schicksalstag der deutschen Geschichte. „Dieses Datum hat es in sich“, meinte der Schulleiter des Ratsgymnasiums, Lothar Wehleit. In seinen einleitenden Worten sprach er nicht nur vom „Glückstag“ 1989 mit dem Fall der Mauer, sondern auch vom 9. November 1938, als SA- und SS-Truppen jüdische Geschäfte zerstörten und Synagogen in Brand setzten. Damit die Übergriffe der Reichspogromnacht der Vergangenheit angehören, nutzte das Ratsgymnasium den diesjährigen 9. November dazu, um gemeinsam mit dem ehemaligen Bundespräsidenten über Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus zu diskutieren. Die Veranstaltung war Teil des Rahmenprogramms zur Wanderausstellung „Gemeinsam gegen Rechtsextremismus“ des niedersächsischen Verfassungsschutzes, die aktuell in der Aula des Gymnasiums zu sehen ist.

Bereits in der Eingangsfrage konfrontierte der Schüler Marius Lübker Wulff mit seinem prägenden Zitat „Der Islam gehört zu Deutschland“ aus seiner Rede zum 20. Geburtstag der Deutschen Einheit. „Würden Sie diese Rede noch einmal so halten?“, fragte Lübker den ehemaligen Bundespräsidenten, und Wulff ließ nicht lange auf seine Antwort warten. „Das würde ich immer wieder so machen, man muss die Realität anerkennen“, sagte er und fügte an: „Ich wollte damit auch die unselige Debatte rund um das Buch von Thilo Sarrazin beenden. Manches wurde auf einmal hoffähig, was vorher nur an Stammtischen geäußert wurde. Dafür sind mir viele Muslime bis heute dankbar.“

Damit stand zunächst die Flüchtlingskrise im Mittelpunkt der Diskussion mit dem ehemaligen Staatsoberhaupt, der die Integration der Flüchtlinge als „Aufgabe für beide Seiten“ betrachte: „Die, die kommen, müssen sich integrieren, und die, die hier sind, müssen offen dafür sein“, forderte Wulff. Prinzipien wie die Menschenwürde und die Gleichstellung der Geschlechter seien dabei ebenso unantastbar wie die Glaubensfreiheit, unterstrich der Politiker. „Es ist eine zivilisatorische Errungenschaft in Deutschland, dass jeder glauben darf, was er will, aber auch keiner glauben muss.“

Für die meisten Pegida-Demonstranten habe er deshalb kein Verständnis. „Die Leute, die dort losziehen, um das Grundgesetz zu verteidigen, haben da oft nicht mal reingeguckt“. Zum aktuellen Streit um den Familiennachzug syrischer Flüchtlinge wollte sich Wulff als ehemaliger Bundespräsident „aus Rücksicht vor Amt und Amtsinhaber“ nicht explizit äußern, sagte jedoch: „Wir dürfen solche Vorschläge nicht von vornherein abweisen. Das gehört sachlich, offen und differenziert diskutiert.“

Zudem sprach Wulff über die Gefahr einer Radikalisierung des politischen Spektrums. „Ich befürchte, dass die Extremisten stärker werden“, meinte er und nannte Italien, Ungarn und Polen als Beispiele. Auch die aktuelle Entwicklung der AfD betrachte er mit Sorge, sagte Wulff: „Die Menschen werden gegeneinander ausgespielt, es wird mit falschen Fakten gearbeitet und mit geschürten Ängsten gespielt“.

Verbotsverfahren gegen Parteien sehe er jedoch nicht als den richtigen Weg an, um dagegen vorzugehen. „Am besten bekämpft man Extremismus durch viele Demokraten“, meinte Wulff und appellierte an die Schüler: „Es ist wichtig, dass Sie ein gewisses Grundinteresse an Politik zeigen und das Land nicht den Extremisten überlassen.“ Es gebe massig Möglichkeiten, sich zu engagieren. „Das Mindeste ist aber, zur Wahl zu gehen und seine Stimme abzugeben.“