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Eine couragierte Bürgerin Osnabrücker Straße nach Luise Lütkehoff benannt

Von Joachim Dierks | 31.07.2014, 18:03 Uhr

Eversburg hat jetzt eine Luise-Lütkehoff-Straße. Sie erschließt das neue Baugebiet „Östlich Am Mühlenholz“ zwischen dem Hasefluss, der Straße Die Eversburg und der Landesgrenze zu Lotte-Büren. In einem feierlichen Akt enthüllte Oberbürgermeister Wolfgang Griesert unter Assistenz einer Enkelin der Geehrten in dieser Woche das Straßenschild. Damit wurde einer aufrechten Eversburgerin, die 1945 Zivilcourage im Angesicht nationalsozialistischer Verbrechen bewiesen hatte, ein Denkmal gesetzt.

Acht Nachkommen von Luise Lütkehoff (1893–1967) nahmen an der Feier teil, darunter die heute 73-jährige Enkelin Elke Möller. Sie dürfte die einzige noch lebende Augenzeugin jenes Vorfalls im Februar 1945 sein, der dem niederländischen Zwangsarbeiter Adrian Eijke vermutlich das Leben rettete. Sie war damals vier Jahre alt und saß im Kinderwagen. Mutter Elli Wendt und Großmutter Luise Lütkehoff schoben mit ihr die Luisenstraße entlang. Zufällig kamen sie an einem Trupp Zwangsarbeiter aus dem „Arbeitserziehungslager“ Ohrbeck vorbei, die von einem Lkw Zementsäcke abladen und zu einer Baustelle tragen mussten. Der durch Krankheit und Unterernährung geschwächte Adrian Eijke brach unter der Last des Sacks, der ihm aufgeladen wurde, zusammen und stürzte in die Gosse. Der Sack zerplatzte und hüllte alle Umstehenden in Zementstaub ein. Der Aufseher rastete aus, fing an zu brüllen und prügelte in sadistischer Wut mit einem Stock auf den am Boden Liegenden ein.

In diesem Moment trat Luise Lütkehoff dazwischen. Sie kannte den Aufseher und schrie ihn an: „Solange ich hier stehe, kriegt der Mann keine Schläge mehr!“ Das machte den Aufseher nur noch wütender, er holte aus und versetzte der damals 51-jährigen Lütkehoff einen derartigen Schlag auf die Schultern, dass der Stock zerbrach. „Meine Oma erzählte später, dass sie den Schmerz überhaupt nicht gespürt hat, so sehr war sie in Rage wegen dieser grausamen Misshandlung“, erinnerte sich Elke Möller. Weiterhin weiß sie noch, dass sie, ihre Mutter und die Großmutter stundenlang auf dem Flur einer Polizeidienststelle warten mussten, wohin sie zum Verhör gebracht worden waren: „Meine Mutti hat nur geweint, und ich konnte danach keine Männer in schwarzen Mänteln mehr sehen, davon bekam ich wahnsinnige Angst.“

Familie Lütkehoff kam mit einer „staatspolizeilichen Verwarnung“ davon. Vor Schlimmerem bewahrte sie vielleicht der Umstand, dass der Aufseher gegen damals geltendes Recht verstoßen hatte. Denn das Züchtigen von Häftlingen unter den Augen der Öffentlichkeit war selbst im NS-Unrechtssystem untersagt. Noch wichtiger war freilich, dass der Arbeitshäftling Adrian Eijke danach in Ruhe gelassen wurde und überlebte.

Dem Historiker Volker Issmer ist die Aufarbeitung der Geschehnisse zu verdanken. Er hat in jahrzehntelanger Arbeit anhand von Gestapo-Akten und Augenzeugenberichten die Geschichte des Arbeitserziehungslagers Ohrbeck im Augustaschacht erforscht. Und auch Adrian Eijke machte sich Ende der 1990er-Jahre auf die Suche nach seiner „Retterin“. So kam es, dass sich die Wege kreuzten. Dank des Einsatzes des damaligen Haarlemer Städtebotschafters Koert Braches und des Oberbürgermeisters Hans-Jürgen Fip nahm Adrian Eijke im Mai 2001 die Einladung nach Osnabrück an und traf mit Elli Wendt und Elke Möller zusammen – Luise Lütkehoff war bereits verstorben.

„Sie hat vielleicht nicht den Gang der Geschichte verändert, aber durch ihr mutiges Dazwischentreten angesichts schreienden Unrechts ist sie zu einem wichtigen Teil der städtischen Erinnerungskultur geworden“, sagte OB Griesert nun bei der Enthüllung des Straßenschilds für Luise Lütkehoff. „Dazwischentreten“ – das ist auch der Titel einer Kurzgeschichte in Volker Issmers Erzählband „Fremde Zeit – Unsere Zeit“ (Band 1, Geest-Verlag 2011), aus der er einige Abschnitte vorlas. Darin hat Issmer, „der Chronist des Schrecklichen, aber auch des Menschlichen“ (Griesert), die recherchierten Fakten des Falls Lütkehoff/Eijke erzählend ausgeschmückt.

Griesert, Issmer sowie der ebenfalls anwesende Alt-OB Fip gaben ihrer Freude Ausdruck, dass es gelungen sei, gerade in Eversburg eine Straße nach Luise Lütkehoff zu benennen – nur wenige Hundert Meter von ihrem damaligen Wohnsitz in der Schulstraße (heute Schwenkestraße) entfernt.

Ein erster Vorstoß im Jahr 2002, die Carl-Diem-Straße im Stadtteil Wüste nach ihr umzubenennen, war am Einspruch der Anlieger gescheitert. Ob die nach einem Nationalsozialisten benannte Straße umbenannt werden soll, wird derzeit erneut diskutiert.