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Ein Gläschen über den Wolken Niedrigerer Luftdruck: Wird man im Flugzeug oder in den Bergen wirklich schneller betrunken?

Von Eva Voß | 11.05.2013, 06:00 Uhr

Haben Sie schon einmal auf der Zugspitze einen Obstler getrunken – oder ein Weißbier? Oder vielleicht einen Champus im Flieger? Viele Menschen sind fest davon überzeugt, dass Alkohol schneller und auch viel stärker wirkt, wenn er in größer Höhe, also im Flugzeug oder auf einem Berggipfel getrunken wird. Nachgewiesen wurde das aber bislang nicht.

Die Erklärung für die diese leider nicht belegbare Annahme ist, dass in etwa 2000 bis 3000 Meter Höhe der Luftdruck viel niedriger ist als auf dem Erdboden. Das führt angeblich dazu, dass sich Gefäße erweitern, das Blut schneller zirkuliert und so der Champus oder der Obstler auch wesentlich schneller in den Blutkreislauf gelangt. Ein weiteres Argument für diese Annahme ist, dass die Luft so weit oben viel trockener ist und sich dadurch nicht nur das Geschmacksempfinden ändert, sondern der Bergsteiger oder Fluggast auch noch mehr Durst hat und deshalb mehr Alkohol trinkt. So weit, so plausibel.

Wäre da nicht eine Studie, die die US-Flugbehörde Federal Aviation Administration (FAA) bereits im Jahr 1970 veröffentlichte. Sie trug den Namen „Blutalkohol-Konzentrationen und ihre Beeinflussung durch eine Kombination von alkoholischen Getränken und Höhenmetern“. Bestätigen konnte sie die Behauptungen allerdings nicht. Die Wissenschaftler untersuchten in der Studie demzufolge den Blutalkohol von 60 männlichen Probanden, die im Alter zwischen 21 und 31 Jahren waren. Sie hatten entweder Alkohol unter normalen Bedingungen, also so wie am Erdboden, getrunken oder unter Bedingungen, wie sie während eines Langsteckenfluges herrschen.

Das Ergebnis ist verblüffend: Die unterschiedlichen Höhen hatten keinerlei Einfluss auf die Promille im Blut der Probanden – beide Gruppen waren gleich betrunken. Der Champagner im Flugzeug macht demnach also nicht schneller besoffen. Eine Erkenntnis brachte die Untersuchung aber doch. Der Aufenthalt in höheren Lagen macht müde.

Die Sache mit dem veränderten Geschmacksempfinden stimmt übrigens. Das ergab eine Testreihe des Fraunhofer-Instituts im Auftrag der Lufthansa. Deshalb bestellen viele Fluggäste auch gerne Tomatensaft. „Tomatensaft wurde bei Normaldruck deutlich schlechter benotet als bei Niederdruck. Er wurde als muffig beschrieben. Oben traten angenehm fruchtige Gerüche und süße, kühlende Geschmackseindrücke in den Vordergrund“, sagte die Aromachemikerin Andrea Burdack-Freitag vom Fraunhofer-Institut der Wochenzeitung „Die Zeit“ .

Nach Angaben der Wissenschaftlerin liegt die sogenannte Geruchs- und Geschmacksschwelle bei niedrigem Druck höher, man rieche die Speisen und Getränke „als hätte man gerade einen Schnupfen“. Dies führe dazu, dass beispielsweise der Geschmack von Salz, Zucker oder auch Kräutern in der Luft von den Fluggästen schwächer als am Boden wahrgenommen werde.