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Ein Bau mit vielen Hindernissen Die „Minden 2“ war das erste Schiff im Osnabrücker Hafen

Von Rolf Spilker | 02.04.2016, 10:03 Uhr

Zwei Millionen Kubikmeter Erde mussten bewegt und etliche Vorbehalte beiseite geräumt werden, bis Osnabrück einen Hafen erhielt. Vor 100 Jahren lief das erste Schiff ein.

Gänzlich unspektakulär ging es zu, als am 3. April 1916, mittags um 12 Uhr, der Schleppkahn „Minden 52“ in den Osnabrücker Hafen einlief und sich einige Männer wenig später daran machten, die Ladung zu löschen. Das Binnenschiff war mit 475 Tonnen Hafer von Bremen über Minden gekommen und sein Eintreffen gilt bis heute als offizielle Eröffnung des Jahrhundertbauwerks . Ein quälend langwieriges Verfahren, schwer zu ertragende Kompromisse und einen immensen finanziellen Aufwand hatten die Osnabrücker für den Bau des Hafens in Kauf nehmen müssen.

Kaiser gegen Junker

Bereits der Entscheidung zum Bau des Mittellandkanals waren erbitterte politische Auseinandersetzungen vorausgegangen. Wilhelm II. hatte sich dessen Realisierung auf die Fahnen geschrieben, weil das Ruhrgebiet mit dem Osten Deutschlands und der Hauptstadt Berlin verbunden werden sollte. Doch was für den Kaiser ein modernes Infrastrukturprojekt von nationaler Bedeutung war, sahen adelige ostelbische Agrarproduzenten als Einfallstor für billige Getreideimporte nach Mittel- und Ostdeutschland. Die Großgrundbesitzer zogen zahlreiche Politiker auf ihre Seite und erreichten am 16. August 1899 im preußischen Abgeordnetenhaus eine Entscheidung gegen das Kanalbauprojekt.

In Osnabrück löste die Nachricht Bestürzung aus und Wilhelm II. erwog, die Zustimmung zum Kanalprojekt zu einer Frage der Loyalität zu machen und das Parlament aufzulösen. Schließlich wurden 18 Landräte und zwei Regierungspräsidenten in den einstweiligen Ruhestand versetzt, die als Abgeordnete gegen das Kanalbauprojekt gestimmt hatten.

In Hannover war Schluss

Doch die Gegner des Projekts lehnten 1901 auch die zweite Kanalvorlage ab. Nach Differenzen mit Wilhelm II. in Fragen des Kanalbaus musste Johannes Miquel, ehemaliger Oberbürgermeister von Osnabrück und seit 1890 preußischer Finanzminister, seinen Hut nehmen. Erst mit der Verabschiedung des preußischen Wasserstraßengesetzes konnte der „Ems-Weser-Kanal“ 1905 in Angriff genommen werden. Allerdings wurde er nur bis zum Misburger Hafen bei Hannover gebaut. Die Kanalgegner hatten sich durchgesetzt.

Der erste Abschnitt des Mittellandkanals zwischen Bergeshövede und Minden wurde 1915 fertiggestellt. Jahre zuvor hatten die Arbeiten am 14,5 Kilometer langen Stichkanal begonnen, der den Osnabrücker Hafen mit dem Mittellandkanal verbinden sollte. Da der Wasserspiegel in Osnabrück um 9,5 m höher lag, war der Bau von zwei Schleusen erforderlich. Mit hunderten Arbeitern, Dampflokomobilen, Feldbahnen und Eimerkettenbaggern erstellte das Osnabrücker Unternehmen Gebrüder Echterhoff zwölf der insgesamt 14,5 Kilometer des Stichkanals.

Güterbahnhof am falschen Ende

Vor dem Bau des Osnabrücker Hafens musste die Stadt Osnabrück garantieren, dass sie jährlich bis zu 161000 Reichsmark zum Betrieb des Mittellandkanals zuschießen würde. Und weil das Ministerium Druck machte, musste sie akzeptieren, dass die Staatsbahn den neuen Güterbahnhof im Fledder anlegte, obwohl es gute Gründe für den Hafen gab.

Mit der Verlegung der Flussläufe von Hase und Nette begannen 1912 die Arbeiten am Osnabrücker Hafen. Es folgten das Ausheben des Hafenbeckens und die „Aufhöhung“ des in der Haseniederung gelegenen Hafengeländes – Arbeiten, bei denen die Firma Echterhoff zwei Millionen Kubikmeter Erde zu bewegen hatte. Obwohl zunächst größer geplant, entstand nur ein Hafenbecken von 880 Meter Länge, das für den Umschlag auf beiden Seiten Gleisanschlüsse erhielt.

Weltkrieg als Kostentreiber Am 1. November 1915 konnte die Hafenbahn in Betrieb genommen werden.

Mit diesen Arbeiten ging ein ausgedehnter Straßenbau einher, zu dem auch die Anbindung des neuen Gewerbegebietes an das vorhandene Straßensystem gehörte. Bis 1915 waren an Baukosten rund 2,7 Millionen Reichsmark aufgewendet worden, die Gesamtausgaben beliefen sich 1922 auf 6 Millionen. Dabei hatte der Bau des Hafens ursprünglich nur 2 Millionen RM kosten sollen. Der 1914 ausgebrochene Erste Weltkrieg hatte nicht unerheblich zur Kostensteigerung beigetragen.

Als der von einem Dampfschlepper gezogene Lastkahn „Minden 52“ in den Hafen einlief, war der größte Teil der Anlage fertiggestellt, darunter eine lange Reihe von Holzschuppen und ein massives Speichergebäude am nördlichen Ladeufer. Für den Umschlag standen zwei Gleise der Hafenbahn und ein elektrischer Portal-Drehkran zur Verfügung, der am 3. April 1916 die erste Ladung in Säcken und mittels einer Palette aus dem Schiff hob.

Am nächsten Tag schrieb darüber das Osnabrücker Tageblatt: „Ein wichtiger Tag ist mit Rücksicht auf die Zeitlage in aller Stille vergangen, der es wert ist, in die Annalen der Stadt Osnabrück vermerkt zu werden.“ Zumindest ein Fotograf hatte die Bedeutung dieses Moments erkannt und ihn auf die Platte gebannt, die es heute noch gibt.