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Dumm rumstehen und schön singen Tourneeproduktion von Verdis „Nabucco“ hinterlässt zu viel faden Beigeschmack

Von Ullrich Schellhaas | 19.07.2014, 12:51 Uhr

Da sitzt also der immerhin über 30 Kopf starke Chor auf der Bühne im Schlosshof Osnabrück und intoniert DEN Gefangenen-Opernchor schlechthin, „Va, pensiero“ aus Giuseppe Verdis Oper „Nabucco“, traumschön, gefühlvoll und nahezu perfekt.

Nur: Er sitzt. Er rührt sich nicht einen Millimeter. Kein Zucken, keine Mimik, schlichtweg Nichts unterstreicht oder verstärkt das Drama des gefangenen und geschundenen Volkes, das zu seinem Gott betet, sich der Heimat erinnert und auf Erlösung hofft.

Da stellt sich dem geneigten Publikum doch schlechterdings die Frage, warum die Inszenierung nicht komplett auf Bühnenbild und regietechnisches Vakuum verzichtet und die Hitparade des frühen Giuseppe Verdi nicht einfach konzertant auf die Bühne bringt. Denn, und dieses „Aber“ ist wirklich gewichtig, musikalisch gibt es an der Aufführung kaum etwas zu mäkeln. In nahezu jeder anderen Hinsicht allerdings schon.

Da wäre zunächst die Regie von Nadia Hristozova zu benennen, die die überwiegend bulgarischen und durchaus international gelobten Sänger vorwiegend in drei Posen über die Bühne schiebt: Neben bedeutungsschwangerem Schreiten kapriziert sie sich nämlich außerdem auf empört nach vorn gestreckte oder verzweifelte in die Luft gereckte Arm- beziehungsweise Hand-Haltungen. Und so bleibt weder dem Chor noch den Solisten wenig anderes übrig, als aufzutreten, dumm rumzustehen, schön zu singen und nebenbei die Hände an der vorgegebenen Stelle von einer Position in die nächste zu bewegen.

Schade, denn eine emotionale Bindung zu den Protagonisten oder der alt-testamentarischen Sex- und Crime-Geschichte kann der Zuschauer so kaum entwickeln. Verblüfft ob der guten Gesangsleistung und mit in der Basis hübsch gestellten Bildern rauscht das eigentliche Drama so an den etwa 500 Besuchern vorrüber, ohne jedwede Gefühle zu erzeugen. Jeder Drei-jährige könnte die Geschichte packender inszenieren.

Dummerweise tut die bei einer Open-Air-Produktion vermutlich notwendige Tontechnik zudem ihr übriges, um auch den letzen positiven Eindruck zu vernichten. Der Chor versumpft zumeist im schlecht ausgesteuerten Orchester oder den Solisten, das Schlagwerk ist überhaupt nur mit Katzenohren zu hören und das Holzgebläse scheppert sich irgendwie blechern durch die Akustik. Zudem sind oft Mikrofone nicht rechtzeitig aufgezogen oder - auch nicht hübsch - noch offen, wenn sich die Darsteller hinter der Bühne schon wieder privat unterhalten.

Und warum Titelheld Nabucco entweder mit Hall oder mit Frequenzen zu hören ist, die derart schlecht schwingen, dass man versucht ist, dem bemitleidenswerten Darsteller zu unterstellen, er könne den Ton nicht recht halten... egal, vermutlich die Rache der von Verdi in der Oper nicht besonders nett dargestellten babylonischen Gottheit Baal.

Tapfer und mit Gesangsleistungen, die von grundsolide bis hin zu durchaus bemerkenswert reichen, kämpfen sich die Sänger - unter anderem Elena Baramova (Abigail), Silke Hartstrang (Fenena) , Ivaylo Dzhurov (Zaccarias), Stoyan Daskalov (Ismaele) und Alexander Krunev (Nabucco) - durch die widrigen Umstände. Perfekt präsentieren sich die Plovdiver Symphoniker unter dem Dirigat von Nayden Todorov, die Verdis Werk schön, intensiv, gefühlvoll, akkurat und mit treffsicher gewählten Tempi anstimmen. Wenn sie denn nur besser zu hören wären.

Zu Recht gab es so am Ende der zweieinhalbstündigen Katastrophe auch vom Publikum freundlichen und kurzen Applaus für die Sänger, zu Standing Ovations oder gar Beifallsstürmen konnte sich allerdings niemand überwinden. Schade eigentlich. Aber verständlich.