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Drei Modelabels Kreativ in der Provinz: Warum Modeschöpfer Osnabrück inspirierend finden

Von Corinna Berghahn | 16.11.2012, 14:00 Uhr

Osnabrück liegt nicht an der Seine und ist bestimmt auch nicht die Modehauptstadt Deutschlands, geschweige denn der Welt. Warum jedoch die Provinz ihren Reiz für Modedesigner haben kann, erzählen die drei Köpfe hinter den Labels „Paletot“, „Eva Green“ und „14twenty6“.

Mode aus Osnabrück: Das klingt erst einmal ungewohnt. Werden die großen Trends doch in den großen Städten gemacht. Paris, Mailand, New York oder eben Berlin. Kann eine Stadt wie Osnabrück da mithalten? Sie kann – nur eben anders als eine laute Metropole.

„Ich weiß nicht, warum alle weg wollen aus Osnabrück. Die Stadt ist doch groß genug und bietet einem alles“, sagt Ilona Block, die just unter dem Namen „Eva Green“ – sprich Evergreen – ihr Modelabel in einem kleinen Büro in Belm gegründet hat. „Früher gab es in der benachbarten Regionen Spinnereien über Spinnereien – die sind verschwunden, wie auch der gesamte Berufszweig. Eine Schande“, fügt sie mit resolutem Unterton hinzu.

Sie selbst ging an die Fachhochschule Bielefeld, um dort Modedesign zu studieren. Nachdem sie 2011 ihr Diplom bekam, machte sie sich in diesem Jahr an den Aufbau des Labels. „Wir bieten Mode im Premium-Segment an.“ Sprich: Auf Stoffe und Qualität legt die Designerin großen Wert, genauso wie auf Nachhaltigkeit: „Wir arbeiten konsequent nur mit europäischen Lieferanten zusammen, ein Großteil der Stoffe kommt beispielsweise aus Italien.“

Unterstützt wird Block von Ehemann Eugen, der sich als ausgebildeter Kaufmann um die Buchführung kümmert. Beide sind stolz auf das Lookbook ihrer kleinen Modefirma: Es zeigt eine sehr weibliche Frau, die verschiedene Stücke ihrer Kollektion trägt. Die besteht nur aus Mänteln und Blazern. Denn Block hat sich auf Jacken spezialisiert: „Trenchcoats sind Modeklassiker, wahre Evergreens – und deshalb haben wir unser Label auch so genannt.“ Mit der Schauspielerin Eva Green hat der Name also nichts zu tun.

Ihre Jacken zeichnen sich durch klassische, aber doch raffinierte Schnittmuster aus. Zudem sind sie knopflos – das Markenzeichen des Labels. Bloch entwirft die Kleidung, doch genäht wird in Kassel. „Sobald es richtig läuft, will unsere Schneiderin aber zu uns ziehen.“ Noch ist jedoch alles am Anfang. Einem guten Anfang, wie Bloch findet: „Im Sommer 2012 erhielten wir einen Preis von Gründer Campus Niedersachsen, die junge Unternehmen aus Hochschulen fördert.“ Darauf ist Block sehr stolz, zeige der Preis doch, dass nicht nur das Design stimmt, sondern auch die Wirtschaftlichkeit dahinter.

Der nächste Schritt ist es nun, Partner zu finden, über die ihre Mäntel, Blazer und Jacken in ausgesuchten Geschäften verkauft werden können. Bislang geschieht das online – und das über Deutschland hinaus. „Es gibt Anfragen aus der Schweiz, Indien und Russland.“ Stolz berichtet sie von lobenden Kommentaren in Fashion-Blogs. Eines wird sie jedoch nicht machen: „Ich nehme an keinem Designwettbewerb teil, und ich brauche auch keinen Showroom.“

Anders als sie agiert Dandie Zimmermann. Der Jungdesigner gewann bisher mehrere Wettbewerbe und sagt, er sei „verrückt, aber auf eine kreative Art“. Das sieht man seiner Mode auch an: ein Oberteil aus Federn und die Teile seiner Kreation „Androgyn“, die sowohl Frauen wie auch Männer tragen können. „Ich will Kunst und Kommerz zusammenbringen“, fasst er die Idee hinter den Entwürfen zusammen.

Mit seinen Cousins Jan Zimmermann und Daniela Eichler hat er das Label „14twenty6“ an den Start gebracht. Während sein Vetter sich um das Management kümmert und Cousine Daniela um die Pressearbeit, ist Dandie – sein echter Name übrigens – für das Design zuständig.

Geboren auf den Philippinen und aufgewachsen in der Dodesheide, studierte der 29-Jährige Modedesign in Trier. Just arbeitet er noch als Merchandiser in einer Münchner Boutique. „Dabei lerne ich viel über den Modemarkt. Das kann ich dann wieder für unser Label brauchen.“ Auch Jan Zimmermann arbeitet noch neben dem Label als technischer Außendienst im Umkreis von Osnabrück.

Doch warum hat Zimmermann nicht beispielsweise München oder Berlin als Heimat seines Labels gewählt? „Mode kann ich in jeder Stadt machen, aber Osnabrück strahlt eine gewisse Ruhe aus, die ich kreativ nutzen kann.“ Auch sein Team sei gut – und die über Facebook und auf der Straße gecasteten Models, die für ihn schon eine Show im Lutherhaus bestritten haben. Ein weiterer Vorteil: In Osnabrück falle ein Modelabel mehr auf. „In Berlin schreien alle, hier nur ich.“

„14twenty6“ selbst soll „alle Typen von Frauen ansprechen. Die Mode ist zeit- und alterslos.“ Anbieten wird er vom Rock über Kleid bis zum Mantel alles für die Frau, später soll eine Männerkollektion folgen. Die Mode wird von ihm entworfen, die Stoffe jedoch kommen aus Asien, und auch die Arbeiten sollen in einem Designstudio auf den Philippinen erfolgen. „Der Vertrieb und die kreative Arbeit werden jedoch in Osnabrück geschehen“, sagt er.

Für das kommende Jahr plant er die Eröffnung eines Showrooms, weitere Modenschauen und einen Fashion-Kalender. Und wenn alles so läuft wie geplant, wird er seine Mode auch mittelfristig auf der Fashion Week in Berlin präsentieren.

Doch verglichen mit Annette E. Schneider stehen Zimmermann und Bloch noch ganz am Anfang ihrer Karriere – und in Osnabrück. Denn was heute die Fashion Week Berlin ist und damit die bedeutendste Modemesse des Landes, war noch vor wenigen Jahren die CPD, die internationale Fach- und Modemesse in Düsseldorf. Dort stellte die Osnabrücker Modeschöpferin ihre Kollektionen so erfolgreich vor, dass sie und ihr Atelier „Paletot“ mit mehreren Auszeichnungen der Modezeitschrift „Vogue“ geehrt wurden.

Anders als Block und auch wenn der Name „Paletot“ (Mantel) es suggeriert, bietet Schneider ein „Rundumprogramm“ für Frauen von der Jacke bis zur Hose an. Optisch erinnert ihre aktuelle Kollektion an das „Form follows function“-Prinzip, also die Form folgt aus der Funktion. Zudem setzt Schneider auf ein „Baukastensystem“, soll heißen: Innerhalb einer Kollektion lässt sich jedes Stück mit einem anderen kombinieren.

„Nach Osnabrück hat mich mein jetziger Mann gebracht. Zuerst habe ich hier einen anderthalbjährigen Testlauf gestartet, um zu sehen, ob es eine Stadt für meine Mode sein könnte“, erzählt sie. Doch auch wenn man „in einer Stadt, die so klein ist, leicht gefunden wird“ ist es nicht immer einfach, denn „es gibt dann auch nicht so viele potenzielle Käufer“. Aber Schneider hat sich etabliert, führt ihren Laden nun seit 20 Jahren, beschäftigt zwei Schneiderinnen und hat Stammkunden, die auch von weit her in ihr Loft an der Martinistraße kommen.

„Man muss substanziell arbeiten, neue Inhalte anbieten und dann auch die Öffentlichkeit mitnehmen“, erklärt sie ihr Rezept. Zugutekommt Schneider dabei ihre Liebe zur Kunst und zum Theater, die sowohl das Loft oftmals schon in eine Galerie verwandelte, aber auch aus ihren Modenschauen kleine Happenings machte.

So unterschiedlich wie ihre Mode sind also auch die drei Modeschöpfer. Jedoch eint sie eine wichtige Sache: An Trends, so sagen sie unisono, seien sie nicht interessiert. Und vielleicht ist dieser Hang zur eigenen Originalität auch das Geheimnis ihres Erfolgs als Modeschöpfer in der Provinz.